Sonntag, 20. April 2014

Ein Wort zerreißt den Schleier

Predigt über Johannes 20, 1 - 18

Ostern 2014
Ev. Kirche Wilnsdorf



Ostermorgen in Wilnsdorf. Acht Uhr. Noch sind die Straßen leer und sonntagsstill. Nach und nach erwachen die ersten Häuser zum Leben. Rollos werden hochgezogen, Fenster geöffnet und Kaffeemaschinen in Gang gesetzt.

Einige Wilnsdorfer allerdings schlafen noch. Zumindest einige erwachsene Wilnsdorfer.

Die meisten Kinder dürften inzwischen längst wach sein. Denn nun wollen sie nicht mehr länger warten! Der Osterhase, der müsste doch längst schon da gewesen sein!

„Nur noch ein paar Minütchen“, so etwas in der Art grummeln die Väter oder vielleicht auch die Mütter und ziehen sich die Bettdecke über die Ohren. Rätselhafter Weise kommen sie ausgerechnet heute so schwer aus den Federn!

Plötzlich - "Horch, da war doch was!“

„Was denn? Wo?“

„Hör doch mal!“

„Stimmt! Jetzt, höre ich es auch!“

„Das ist Musik! Bläsermusik. Und zwar richtige, echte, handgemachte Musik, Trompeten wahrscheinlich, Posaunen, all so was! Ein voll aufgedrehtes Radio hört es sich anders an."

„Mensch, wie festlich das klingt! So richtig Gänsehaut-mäßig!“

Liebe Gemeinde,

Osterchoräle für alle!

"Auf, auf mein Herz mit Freuden, nimm wahr, was heut geschieht! Wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht!"

"Jesus lebt , nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben!"

"O herrlicher Tag, o fröhliche Zeit, da Jesus lebt ohn` alles Leid!"

Die Osterfreude drängt es hinaus, sie will unter die Leute gebracht sein!

Darum spielt unser Posaunenchor seit vielen Jahrzehnten am frühen Ostermorgen.

An drei Stationen wird in der Regel musiziert: Zuerst in der Rathausstraße, dann oben auf der Kalteiche. Und zum Schluss geht`s aufs Höhwäldchen. 

Am allerersten Ostermorgen jedoch, damals in Jerusalem, erklingt keine Musik.

Im Gegenteil: Alles ist ganz still. Durch die finsteren Gassen eilt eine Frau.

Folgen ihr da nicht noch andere? Schwer zu sagen.

Jetzt, wo die Frau näher kommt, erkennen wir sie:
Es ist Maria aus Magdala. Eine der Frauen, die vor zwei Tagen unter dem Kreuz gestanden haben.

Marias Weg führt hinaus aus der Stadt. Ihr Ziel: Eine Gartenlage mit Felsengräbern. Ein Friedhof also.

Ob es ein Trost für sie ist, dass Jesus immerhin ein würdiges Begräbnis bekommen hat?

Gekreuzigten Regimegegnern steht so etwas eigentlich nicht zu.

Joseph von Arimathäa und Nikodemus haben dafür gesorgt.

Beide gehören dem Hohen Rat an. Und damit ausgerechnet dem Gremium, in dessen Auftrag Jesus bei Pilatus angeklagt worden ist.  

Warum kümmern sich ausgerechnet zwei Mitglieder des Hohen Rates um die Bestattung von Jesus? Und lassen sich das ganze durchaus etwas kosten? 

Fragen wie diese werden den Theologen später eine Menge Stoff zum Forschen und Diskutieren bieten.

Sei es drum! Maria jedenfalls ist froh, dass es einen Ort gibt, wo sie ihre Erinnerung pflegen kann.

Ein Felsengrab in einem schön angelegten Garten: An diesem Ort wird sie vielleicht Frieden finden.

Trauer braucht einen Ort. Das kennen wir auch. Die letzte Ruhestätte eines geliebten Menschen würdig gestalten: Ein Fleckchen Erde pflegen, ein Stein, Blumen, Immergrün, eine Erinnerungsplakette: Etwas tun können, das der Liebe weiterhin Ausdruck verleiht.

Es muss also für Maria wie ein Schlag auf den Kopf sein, als sie feststellen muss:

Irgendjemand hat die Totenruhe von Jesus gestört! Es kann gar nicht anders sein, auch wenn Einzelheiten jetzt im Dämmerlicht nur schwer erkennbar sind. Maria sieht es mit eigenen Augen: Das Grab ist geöffnet. Der schwere Stein, mit dem der Eingang gestern verschlossen wurde, ist beiseite geschoben, der Leichnam von Jesus ist verschwunden!

Nur weg hier! Maria  läuft rasch zurück in die Stadt.

Nach einer Weile kommt  sie wieder. Zwei Männer begleiten sie.

Es sind Simon Petrus und "der Jünger, den Jesus lieb hatte", also vermutlich der Evangelist Johannes selbst.

Johannes erzählt vom Weg der Männer zum Grab wie von einem Wettlauf. Konkurrenz? Ausgerechnet jetzt?

Wie auch immer: Johannes, der als erster ankommt, wagt lediglich einen kurzen Blick in die Höhle:

Tatsächlich, der Ort, wo der Leichnam von Jesus abgelegt worden war, ist leer. Nur ein paar Leintücher liegen herum. Höchstwahrscheinlich die, mit denen der tote Jesus umwickelt war.

Unheimlich ist das. Wirklich unheimlich.

Nun erscheint auch Petrus. Womöglich ist er ein wenig aus der Puste. Jedenfalls nicht ganz so gut in Form wie Johannes.
 Und nun können wir den Eindruck gewinnen: Wenn er schon nicht erster sein kann, dann will Petrus wenigstens der Mutigere sein.

Er traut sich, die Höhle zu betreten.
Was Petrus vorfindet, bestätigt Marias allerersten Eindruck: Der Leichnam von Jesus ist verschwunden!

Waren da Grabräuber am Werk? Oder stecken die Gegner von Jesus dahinter? Und warum liegt das
Schweißtuch, das um den Kopf des Leichnams gebunden wird, so schön ordentlich gefaltet da?

Unerklärlich ist all das, geradezu mysteriös!

Nun wagt auch Johannes die Grabhöhle zu betreten.

Was nun folgt, ist schwer zu verstehen.

Einerseits heißt es: „Und er, Johannes sah und glaubte“ und unmittelbar daran anschließend lesen wir: „Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen würde“.

Es ist keine Rede von einer zusätzlichen Entdeckung, einer neuen Erkenntnis.  
Einfach nur diese beiden eigentlich so gar nicht recht mit in Übereinstimmung zu bringenden Aussagen vom Glauben einerseits und vom Nichtverstehen andererseits.

Und während wir uns noch wundern und herumrätseln, verlassen Johannes und Petrus die Szenerie auch schon wieder  und Maria bleibt allein zurück.   

Möchte man da nicht am liebsten rufen:

"He, was soll das, ihr beiden? Warum lasst Ihr Maria alleine zurück? Wie herzlos ist das denn!?"  

Nun, alle, die die Ostergeschichten der anderen Evangelisten kennen, werden jetzt zu Recht einwenden:

Maria war vermutlich nicht alleine. Es ist davon auszugehen, dass noch andere Frauen mit  beim Grab waren. Johannes deutet dies ja auch ganz dezent an.

Aber er hat  sich offenbar dafür entschieden, die Geschichte vom Ostermorgen vor allem aus der Perspektive von Maria zu erzählen.

Dabei ist eine Ostergeschichte entstanden, von der man meinen könnte: Sie ist eigens für die geschrieben, denen eigentlich nicht nach Ostern zumute ist. Eine Ostergeschichte für alle, die sich schwer tun mit Jubel und Freudengesang.

Johannes zeigt uns, wie Maria aus Magdala ganz alleine am Grab steht. Karfreitagstraurig am Ostermorgen.

Weinend. Dünnhäutig, verletzlich.

Im Kopf dieses wattige Gefühl, der Eindruck, geradezu "neben sich zu stehen".

Alles wirkt wie von einem Nebelschleier bedeckt.

Durchbrochen nur von quälenden Realitätsattacken:

"Das kann doch alles nicht wahr sein!"

Ein inneres Aufbäumen gegen das Unfassbare.

Es gibt Kulturen, in denen ist es üblich, dass trauernde Frauen sich mit einem Trauerschleier verhüllen.

Als ein äußeres Zeichen für diesen Zustand innerer Unerreichbarkeit. Als ein Schutz auch vor problematischen Trostversuchen.

Vielleicht hat Maria einen solchen Trauerschleier getragen. Wir wissen es nicht.

Jedenfalls: Der erste Versuch des Himmels, sie in ihre Trauer zu erreichen, läuft ins Leere.

Denn, so wird uns berichtet: Als Maria ins Grab schaut, nimmt sie sehr wohl wahr, dass dort zwei Männer mit weißen Kleidern sitzen. Engel sind es, schreibt der Evangelist.

Aber Maria begreift nichts. Sie scheint nicht einmal erschrocken.

Sie fragt nicht : "Wer sind Sie?

Wie kommen Sie denn auf einmal hierher?"

Maria antwortet nur, beinahe mechanisch, auf die Frage, die die beiden ihr stellen: "Frau, warum weinst Du?"

"Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben!"

Maria ist wahrhaftig wie von einem Schleier umgeben. Gewebt aus Traurigkeit und Erschöpfung. Sie hat keinen Blick für die Boten der Hoffnung.
Aber das sagt sich so leicht.

Und ich frage mich: Wäre ich denn in der Lage, einen Engel zu erkennen?

Gott allein weiß, wie viele seiner Boten ich schon übersehen habe?

Es gibt offenbar Situationen, da können sogar Engel nichts bewirken.

Maria wartet nicht einmal ab, was die beiden Männer ihr entgegnen werden.

Sie dreht sich weg.

Und so fällt ihr Blick auf einen dritten Mann. Mit einem Mal ist er da. Und auch er spricht sie an, mischt sich ein in das begonnene Gespräch.

Auch er fragt:   

 "Frau, warum weinst Du?"

Und er fragt noch etwas:

"Wen suchst Du?" ---

"Wen suchst Du?"

Wer so fragt, könnte mehr wissen.

Vielleicht, ja das könnte doch gut sein - vielleicht ist dieser Mann der Gärtner! Einer, der sich auskennt! An diese Möglichkeit hat Maria bisher noch gar nicht gedacht!

Vielleicht gibt es ja doch noch eine ganz einfache Erklärung! Einen plausiblen Grund, warum der Leichnam von Jesus an einen anderen Platz getragen worden ist. Vielleicht löst sich diese ganze Verwirrung nun endlich in Luft auf und sie kann endlich das tun, wonach sie nun schon seit so vielen Stunden so sehr sehnt: Einfach in Ruhe trauern. Sich erinnern an schöne Momente. Jesus in Gedanken so nahe sein wie nur möglich.

"Herr, hast Du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen."

Was für eine Vorstellung! "Maria, Du liebe Maria, wie denkst Du Dir das bloß!", möchten wir gerade noch sagen. Da antwortet der Mann ihr. Im Grunde ist es gar keine Antwort.

"Maria", sagt er.

Er ruft sie beim Namen.
Für einen Moment, so könnte es gewesen sein, ist es ganz still.

Maria dreht sich um und es ist gerade so, als zerrisse ihr Trauerschleier. Sie erkennt ihn, ganz ohne Zweifel: Er ist es. Jesus steht vor ihr.

"Rabbuni"

sagt Maria.

Und wir wissen nicht: Hat sie das gerufen? Geflüstert?
Gestammelt?

"Rabbuni": Alle Bibelübersetzer gegeben diese Antwort auf Hebräisch wieder.  

Weil in diesem Ausruf Marias ganzes Glück drin steckt, weil nur dieses eine Wort genügt, um das Kostbarste auszudrücken, das Maria mit Jesus verbindet.

"Rabbuni: Mein Meister, mein Lehrer!"

Es hat immer wieder Versuche gegeben, Maria und Jesus eine Liebesbeziehung anzudichten. Der Bestsellerautor Dan Brown zum Beispiel hat mit dieser Behauptung eine Menge Geld verdient.
Wie abwegig solche Konstruktionen sind, zeigt diese Szene am Ostermorgen.

"Rabbuni - Mein Meister, meinLehrer".

Maria redet Jesus so an wie die anderen Jünger es auch tun. Vertraut, und doch voller Respekt.
Denn auch Maria gehört zum engeren Jüngerkreis. So wie einige andere Frauen auch.

"Rabbuni - Mein Meister, mein Lehrer"

Damals haben Frauen keine Lehrer. Sie haben auch keine zu haben. Ihr Bereich ist das Haus, die Familie. Das Studium der Heiligen Schriften ist allein Männersache. Jesus hat das ganz offenbar anders gesehen.

"Rabbuni - Mein Meister, mein Lehrer"

Mit Jesus unterwegs zu sein, von ihm zu lernen, dabei zu sein, wenn er predigt und heilt: Das zu erleben muss Maria mit einem bis dahin nie gekannten Sinn, ja  Glück, erfüllt haben.

Und jetzt ist Jesus wieder da. Alle Traurigkeit, all Erschöpfung ist wie verflogen. Ihre Freundschaft, ihr gemeinsamer Weg kann weiter gehen!

Aber Jesus hat andere Vorstellungen. Er sagt:

"Rühre mich nicht an, Maria. Halte mich nicht fest. Es geht nicht einfach so weiter wie vorher. Mein Weg ist noch nicht zuende. Und Deiner wird auch ein anderer sein von jetzt an.
Ich muss zum Vater im Himmel zurück kehren. Und Du, Maria, bekommst von mir eine neue Aufgabe:
Geh zu den anderen, zu meinen Brüdern, und sage ihnen, dass ich zurück kehre, zu meinem Vater im Himmel, der nun auch euer Vater ist."

Wir könnten erwarten, dass Maria nun enttäuscht ist. Aber wir finden bei ihr nicht eine Spur des Bedauerns.

Wenn wir den Schluss der Ostergeschichte von Johannes lesen, erfahren wir: Sie muss sich gleich auf den Weg gemacht haben. Umgehend hat sie das getan, was Jesus ihr aufgetragen hat:

"Ich habe den Herrn gesehen", verkündet sie den Jüngern und gibt weiter, was Jesus ihr aufgetragen hat.

Diese kurze Begegnung hat Maria genügt. Sie weiß jetzt: Jesus lebt. Seine Beziehung zu ihr ist nicht beendet. Es wird weiter gehen, wenn gleich auf eine andere Weise.

Maria fragt nicht, wie das aussehen soll, sie tut einfach, was Jesus ihr aufträgt. So groß ist ihr Vertrauen.

Später begegnet Jesus auch den anderen Jüngern. Vierzig Tage lang geht das so. Sie essen mit ihm, vieles ist so wie immer. Aber zugleich wird spürbar: Jesus lebt nun zu einer anderen Dimension. Seine neue Existenz ist von anderer Qualität als das Leben, das sie kennen.

 Erst als die Jünger sicher sind: Wenn für sie klar ist: Ja, Jesus lebt wirklich, wir haben uns nicht getäuscht. Erst dann wir Jesus zurück kehren in die himmlische Welt, zurück zu Gott, seinem Vater.

Nun sind es nicht mehr nur einige wenige Menschen, die, wie Maria, die Chance haben, Jesus zu begegnen. 

Jetzt steht diese Möglichkeit allen offen. In jeder Generation ist das möglich. Überall auf der Welt. 

Auch hier bei uns ist Jesus gegenwärtig als der Lebendige. Gebe Gott, dass auch unsere Herzen sich öffnen, wenn er uns ruft. So wie es bei Maria gewesen ist.
Dass auch wir seine Stimme hören, wenn er zu uns spricht:


"Fürche dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!" (Jes. 43, 1b)

 Heike Dreisbach




Den Titel der Predigt habe ich von Walter Faerber, dessen Predigt von Ostern 2012 mich außerdem inspiriert hat.