Predigt über Johannes 20, 1 - 18
Ostern 2014
Ev. Kirche Wilnsdorf
Ostermorgen in Wilnsdorf. Acht
Uhr. Noch sind die Straßen leer und sonntagsstill. Nach und nach erwachen die ersten
Häuser zum Leben. Rollos werden hochgezogen, Fenster geöffnet und
Kaffeemaschinen in Gang gesetzt.
Einige Wilnsdorfer allerdings
schlafen noch. Zumindest einige erwachsene Wilnsdorfer.
Die meisten Kinder dürften
inzwischen längst wach sein. Denn nun wollen sie nicht mehr länger warten! Der
Osterhase, der müsste doch längst schon da gewesen sein!
„Nur noch ein paar Minütchen“, so etwas in der Art grummeln die Väter oder
vielleicht auch die Mütter und ziehen sich die Bettdecke über die Ohren. Rätselhafter
Weise kommen sie ausgerechnet heute so schwer aus den Federn!
Plötzlich - "Horch, da war doch was!“
„Was denn? Wo?“
„Hör doch mal!“
„Stimmt! Jetzt, höre ich es auch!“
„Das ist Musik! Bläsermusik. Und zwar richtige, echte,
handgemachte Musik, Trompeten wahrscheinlich, Posaunen, all so was! Ein voll
aufgedrehtes Radio hört es sich anders an."
„Mensch, wie festlich das klingt! So richtig Gänsehaut-mäßig!“
Liebe Gemeinde,
Osterchoräle für alle!
"Auf, auf mein Herz mit Freuden, nimm wahr, was heut geschieht! Wie kommt nach großem Leiden nun ein so großes Licht!"
"Jesus lebt , nun ist der Tod mir der Eingang in das Leben!""O herrlicher Tag, o fröhliche Zeit, da Jesus lebt ohn` alles Leid!"
Die Osterfreude drängt es
hinaus, sie will unter die Leute gebracht sein!
Darum spielt unser
Posaunenchor seit vielen Jahrzehnten am frühen Ostermorgen.
An drei Stationen wird in der
Regel musiziert: Zuerst in der Rathausstraße, dann oben auf der Kalteiche. Und
zum Schluss geht`s aufs Höhwäldchen.
Am allerersten Ostermorgen
jedoch, damals in Jerusalem, erklingt keine Musik.
Im Gegenteil: Alles ist ganz
still. Durch die finsteren Gassen eilt eine Frau.
Folgen ihr da nicht noch
andere? Schwer zu sagen.
Jetzt, wo die Frau näher
kommt, erkennen wir sie:
Es ist Maria aus Magdala.
Eine der Frauen, die vor zwei Tagen unter dem Kreuz gestanden haben.
Marias Weg führt hinaus aus
der Stadt. Ihr Ziel: Eine Gartenlage mit Felsengräbern. Ein Friedhof also.
Ob es ein Trost für sie ist,
dass Jesus immerhin ein würdiges Begräbnis bekommen hat?
Gekreuzigten Regimegegnern
steht so etwas eigentlich nicht zu.
Joseph von Arimathäa und
Nikodemus haben dafür gesorgt.
Beide gehören dem Hohen Rat
an. Und damit ausgerechnet dem Gremium, in dessen Auftrag Jesus bei Pilatus
angeklagt worden ist.
Warum kümmern sich ausgerechnet
zwei Mitglieder des Hohen Rates um die Bestattung von Jesus? Und lassen sich
das ganze durchaus etwas kosten?
Fragen wie diese werden den
Theologen später eine Menge Stoff zum Forschen und Diskutieren bieten.
Sei es drum! Maria jedenfalls
ist froh, dass es einen Ort gibt, wo sie ihre Erinnerung pflegen kann.
Ein Felsengrab in einem schön
angelegten Garten: An diesem Ort wird sie vielleicht Frieden finden.
Trauer braucht einen Ort. Das
kennen wir auch. Die letzte Ruhestätte eines geliebten Menschen würdig
gestalten: Ein Fleckchen Erde pflegen, ein Stein, Blumen, Immergrün, eine
Erinnerungsplakette: Etwas tun können, das der
Liebe weiterhin Ausdruck verleiht.
Es muss also für Maria wie
ein Schlag auf den Kopf sein, als sie feststellen muss:
Irgendjemand hat die Totenruhe
von Jesus gestört! Es kann gar nicht anders sein, auch wenn Einzelheiten jetzt
im Dämmerlicht nur schwer erkennbar sind. Maria sieht es mit eigenen Augen: Das Grab ist geöffnet. Der
schwere Stein, mit dem der Eingang gestern verschlossen wurde, ist beiseite
geschoben, der Leichnam von Jesus ist verschwunden!
Nur weg hier! Maria läuft rasch zurück in die Stadt.
Nach einer Weile kommt sie wieder. Zwei Männer begleiten sie.
Es sind Simon Petrus und
"der Jünger, den Jesus lieb hatte", also vermutlich der Evangelist
Johannes selbst.
Johannes erzählt vom Weg der
Männer zum Grab wie von einem Wettlauf. Konkurrenz? Ausgerechnet jetzt?
Wie auch immer: Johannes, der
als erster ankommt, wagt lediglich einen kurzen Blick in die Höhle:
Tatsächlich, der Ort, wo der
Leichnam von Jesus abgelegt worden war, ist leer. Nur ein paar Leintücher
liegen herum. Höchstwahrscheinlich die, mit denen der tote Jesus umwickelt war.
Unheimlich ist das. Wirklich
unheimlich.
Nun erscheint auch Petrus. Womöglich
ist er ein wenig aus der Puste. Jedenfalls nicht ganz so gut in Form wie
Johannes.
Und nun können wir den Eindruck gewinnen: Wenn
er schon nicht erster sein kann, dann will Petrus wenigstens der Mutigere sein.
Er traut sich, die Höhle zu
betreten.
Was Petrus vorfindet,
bestätigt Marias allerersten Eindruck: Der Leichnam von Jesus ist verschwunden!
Waren da Grabräuber am Werk?
Oder stecken die Gegner von Jesus dahinter? Und warum liegt das
Schweißtuch, das um den Kopf
des Leichnams gebunden wird, so schön ordentlich gefaltet da?
Unerklärlich ist all das,
geradezu mysteriös!
Nun wagt auch Johannes die
Grabhöhle zu betreten.
Was nun folgt, ist schwer zu
verstehen.
Einerseits heißt es: „Und er,
Johannes sah und glaubte“ und unmittelbar daran anschließend lesen wir: „Denn
sie verstanden die Schrift noch nicht, dass er von den Toten auferstehen
würde“.
Es ist keine Rede von einer
zusätzlichen Entdeckung, einer neuen Erkenntnis.
Einfach nur diese beiden
eigentlich so gar nicht recht mit in Übereinstimmung zu bringenden Aussagen vom
Glauben einerseits und vom Nichtverstehen andererseits.
Und während wir uns noch
wundern und herumrätseln, verlassen Johannes und Petrus die Szenerie auch schon
wieder und Maria bleibt allein zurück.
Möchte man da nicht am
liebsten rufen:
"He, was soll das, ihr
beiden? Warum lasst Ihr Maria alleine zurück? Wie herzlos ist das denn!?"
Nun, alle, die die
Ostergeschichten der anderen Evangelisten kennen, werden jetzt zu Recht
einwenden:
Maria war vermutlich nicht
alleine. Es ist davon auszugehen, dass noch andere Frauen mit beim Grab waren. Johannes deutet dies ja auch
ganz dezent an.
Aber er hat sich offenbar dafür entschieden, die
Geschichte vom Ostermorgen vor allem aus der Perspektive von Maria zu erzählen.
Dabei ist eine
Ostergeschichte entstanden, von der man meinen könnte: Sie ist eigens für die
geschrieben, denen eigentlich nicht nach Ostern zumute ist. Eine
Ostergeschichte für alle, die sich schwer tun mit Jubel und Freudengesang.
Johannes zeigt uns, wie Maria
aus Magdala ganz alleine am Grab steht. Karfreitagstraurig am Ostermorgen.
Weinend. Dünnhäutig,
verletzlich.
Im
Kopf dieses wattige Gefühl, der Eindruck, geradezu "neben sich zu stehen".
Alles wirkt wie von einem
Nebelschleier bedeckt.
Durchbrochen nur von quälenden
Realitätsattacken:
"Das kann doch alles
nicht wahr sein!"
Ein inneres Aufbäumen gegen
das Unfassbare.
Es gibt Kulturen, in denen
ist es üblich, dass trauernde Frauen sich mit einem Trauerschleier verhüllen.
Als ein äußeres Zeichen für
diesen Zustand innerer Unerreichbarkeit. Als ein Schutz auch vor
problematischen Trostversuchen.
Vielleicht hat Maria einen
solchen Trauerschleier getragen. Wir wissen es nicht.
Jedenfalls: Der erste
Versuch des Himmels, sie in ihre Trauer zu erreichen, läuft ins Leere.
Denn, so wird uns berichtet:
Als Maria ins Grab schaut, nimmt sie sehr wohl wahr, dass dort zwei Männer mit
weißen Kleidern sitzen. Engel sind es, schreibt der Evangelist.
Aber Maria begreift nichts. Sie
scheint nicht einmal erschrocken.
Sie fragt nicht : "Wer sind Sie?
Wie kommen Sie denn auf einmal hierher?"
Maria antwortet nur, beinahe
mechanisch, auf die Frage, die die beiden ihr stellen: "Frau, warum weinst Du?"
"Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß
nicht, wo sie ihn hingelegt haben!"
Maria ist wahrhaftig wie von
einem Schleier umgeben. Gewebt aus Traurigkeit und Erschöpfung. Sie hat keinen
Blick für die Boten der Hoffnung.
Aber das sagt sich so leicht.
Und ich frage mich: Wäre ich
denn in der Lage, einen Engel zu erkennen?
Gott allein weiß, wie viele seiner
Boten ich schon übersehen habe?
Es gibt offenbar Situationen,
da können sogar Engel nichts bewirken.
Maria wartet nicht einmal ab,
was die beiden Männer ihr entgegnen werden.
Sie dreht sich weg.
Und so fällt ihr Blick auf
einen dritten Mann. Mit einem Mal ist er da. Und auch er spricht sie an,
mischt sich ein in das begonnene Gespräch.
Auch er fragt:
"Frau,
warum weinst Du?"
Und er fragt noch etwas:
"Wen suchst Du?" ---
"Wen suchst Du?"
Wer so fragt, könnte mehr
wissen.
Vielleicht, ja das könnte
doch gut sein - vielleicht ist dieser Mann der Gärtner! Einer, der sich
auskennt! An diese Möglichkeit hat Maria bisher noch gar nicht gedacht!
Vielleicht gibt es ja doch noch
eine ganz einfache Erklärung! Einen plausiblen Grund, warum der Leichnam von
Jesus an einen anderen Platz getragen worden ist. Vielleicht löst sich diese
ganze Verwirrung nun endlich in Luft auf und sie kann endlich das tun, wonach
sie nun schon seit so vielen Stunden so sehr sehnt: Einfach in Ruhe trauern. Sich erinnern an schöne Momente. Jesus
in Gedanken so nahe sein wie nur möglich.
"Herr, hast Du ihn weggetragen, so sage mir, wo
du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen."
Was für eine Vorstellung!
"Maria, Du liebe Maria, wie denkst Du Dir das bloß!", möchten wir gerade noch sagen. Da
antwortet der Mann ihr. Im Grunde ist es gar keine Antwort.
"Maria", sagt er.
Er ruft sie beim Namen.
Für einen Moment, so könnte
es gewesen sein, ist es ganz still.
Maria dreht sich um und es ist
gerade so, als zerrisse ihr Trauerschleier. Sie erkennt ihn, ganz ohne Zweifel:
Er ist es. Jesus steht vor ihr.
"Rabbuni"
sagt Maria.
Und wir wissen nicht: Hat sie
das gerufen? Geflüstert?
Gestammelt?
"Rabbuni": Alle
Bibelübersetzer gegeben diese Antwort auf Hebräisch wieder.
Weil in diesem Ausruf Marias
ganzes Glück drin steckt, weil nur dieses eine Wort genügt, um das Kostbarste
auszudrücken, das Maria mit Jesus verbindet.
"Rabbuni: Mein Meister, mein Lehrer!"
Es hat immer wieder Versuche
gegeben, Maria und Jesus eine Liebesbeziehung anzudichten. Der Bestsellerautor
Dan Brown zum Beispiel hat mit dieser Behauptung eine Menge Geld verdient.
Wie abwegig solche
Konstruktionen sind, zeigt diese Szene am Ostermorgen.
"Rabbuni - Mein Meister, meinLehrer".
Maria redet Jesus so an wie
die anderen Jünger es auch tun. Vertraut, und doch voller Respekt.
Denn auch Maria gehört zum
engeren Jüngerkreis. So wie einige andere Frauen auch.
"Rabbuni - Mein Meister, mein Lehrer"
Damals haben Frauen keine
Lehrer. Sie haben auch keine zu haben. Ihr Bereich ist das Haus, die Familie. Das
Studium der Heiligen Schriften ist allein Männersache. Jesus hat das ganz offenbar
anders gesehen.
"Rabbuni - Mein Meister, mein Lehrer"
Mit Jesus unterwegs zu sein,
von ihm zu lernen, dabei zu sein, wenn er predigt und heilt: Das zu erleben
muss Maria mit einem bis dahin nie gekannten Sinn, ja Glück, erfüllt haben.
Und jetzt ist Jesus wieder
da. Alle Traurigkeit, all Erschöpfung ist wie verflogen. Ihre Freundschaft, ihr
gemeinsamer Weg kann weiter gehen!
Aber Jesus hat andere Vorstellungen. Er sagt:
"Rühre mich nicht an, Maria. Halte mich nicht fest. Es geht nicht einfach so weiter wie vorher. Mein Weg ist noch nicht zuende. Und Deiner wird auch ein anderer sein von jetzt an.
Ich muss zum Vater im Himmel zurück kehren. Und Du, Maria, bekommst von mir eine neue Aufgabe:
Geh zu den anderen, zu meinen Brüdern, und sage ihnen, dass ich zurück kehre, zu meinem Vater im Himmel, der nun auch euer Vater ist."
Wir könnten erwarten, dass Maria nun enttäuscht ist. Aber wir finden bei ihr nicht eine Spur des Bedauerns.
Wenn wir den Schluss der Ostergeschichte von Johannes lesen, erfahren wir: Sie muss sich gleich auf den Weg gemacht haben. Umgehend hat sie das getan, was Jesus ihr aufgetragen hat:
"Ich habe den Herrn gesehen", verkündet sie den Jüngern und gibt weiter, was Jesus ihr aufgetragen hat.
Diese kurze Begegnung hat Maria genügt. Sie weiß jetzt: Jesus lebt. Seine Beziehung zu ihr ist nicht beendet. Es wird weiter gehen, wenn gleich auf eine andere Weise.
Maria fragt nicht, wie das aussehen soll, sie tut einfach, was Jesus ihr aufträgt. So groß ist ihr Vertrauen.
Später begegnet Jesus auch den anderen Jüngern. Vierzig Tage lang geht das so. Sie essen mit ihm, vieles ist so wie immer. Aber zugleich wird spürbar: Jesus lebt nun zu einer anderen Dimension. Seine neue Existenz ist von anderer Qualität als das Leben, das sie kennen.
Erst als die Jünger sicher sind: Wenn für sie klar ist: Ja, Jesus lebt wirklich, wir haben uns nicht getäuscht. Erst dann wir Jesus zurück kehren in die himmlische Welt, zurück zu Gott, seinem Vater.
Nun sind es nicht mehr nur einige wenige Menschen, die, wie Maria, die Chance haben, Jesus zu begegnen.
Jetzt steht diese Möglichkeit allen offen. In jeder Generation ist das möglich. Überall auf der Welt.
Auch hier bei uns ist Jesus gegenwärtig als der Lebendige. Gebe Gott, dass auch unsere Herzen sich öffnen, wenn er uns ruft. So wie es bei Maria gewesen ist.
Dass auch wir seine Stimme hören, wenn er zu uns spricht:
"Fürche dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!" (Jes. 43, 1b)
Heike Dreisbach
Den Titel der Predigt habe ich von Walter Faerber, dessen Predigt von Ostern 2012 mich außerdem inspiriert hat.