Sonntag, 13. Oktober 2019

Rahabs rotes Hoffnungsband. Eine dringend benötigte Gegengeschichte. Predigt Josua 2, 1 - 21

Ev. Kirche Wilnsdorf, 17. Sonntag nach Trinitatis 2019


(c) H. Dreisbach, 2019
Nach einer Woche mit Nachrichten voller Gewalt.

Nach dem fürchterlichen Anschlag auf die Synagogengemeinde in Halle –

Nach dem Beginn der türkischen Militärinvasion in Nordsyrien.  

Ausgerechnet heute ist als Predigttext gerade diese Geschichte vorgesehen (Josua 2, 1 – 21 /vor der Predigt als Lesung gelesen).


Die Geschichte von Rahab,
einer Bordellbesitzerin aus Jericho.

Jericho, das ist eine strategisch wichtige befestigte Handelsstadt im Westjordanland.

Und Jericho soll nun,
nachdem das Volk Israel die lange Wüstenwanderung bewältigt hat,
unter der Führung von Josua,
dem Nachfolger von Mose
erobert werden.


Als Kind in der Sonntagsschule habe ich die Geschichte von der Eroberung Jerichos gerne gehört.

Es war spannend
und irgendwie sogar lustig,
sich das vorzustellen:

Wie die Israeliten
in voller Kriegsausrüstung
um die Stadt herum marschiert sind.
Ohne anzugreifen.
Vorneweg sieben Priester mit ihren Posaunen.
Siebe Tage lang haben sie das getan.
Bis die Mauern einstürzten,
wie von selbst,
und die Stadt eingenommen werden konnte.


Aber was das wirklich im Detail bedeutet hat
das hat man uns Kindern damals nicht erzählt.

Zum Glück nicht.


Es kostet mich ja schon echte Überwindung,
heute,
hier vor Euren Ohren,
den Ohren einer erwachsenen Gottesdienstgemeinde laut vorzulesen und auszusprechen,
was im fünften Buch Mose, im 20. Kapitel zu lesen ist,
über die sogenannte „Landnahme“ am Ende der Wüstenwanderung.

Da steht:

„In den Städten, …, die dir der HERR, dein Gott zum Erbbesitz gibt, sollst du nichts am Leben lassen, was Atem hat, sondern sollst sie zur Vernichtung weihen, damit sie euch nicht lehren, so abscheulich zu handeln, wie sie es zur Ehre ihrer Götter getan haben[i]“.


„Du sollst nichts am Leben lassen, was Atem hat.“

Kann das wirklich sein, dass Gott das so gewollt hat?!



Die moderne Bibelwissenschaft bezweifelt, dass es wirklich derart martialisch, derart blutig zugegangen ist bei der Besiedlung Kanaans durch die Israeliten. Die Forschung geht davon aus, dass das eher ein langsamer Prozess gewesen sein wird, wenngleich kein konfliktfreier.

Aber hilft uns das wirklich weiter?

Denn auch eine erzählte Gewaltgeschichte verfehlt ja nicht ihre Wirkung.

„Du sollst nichts am Leben lassen, was Atem hat“

Josua bereitet die Eroberung vor.
Und schickt Kundschafter, Spione nach Jericho.

Und diese beiden Agenten landen nun,
schnurstracks -
mitten im Rotlichtviertel von Jericho.
In einem Bordell,
In Rahabs Etablissement.


Was haben die beiden ausgerechnet hier, bei Rahab zu suchen?

Welche Dienste wollen sie von ihr in Anspruch nehmen?


Diese Frage muss offen bleiben.

Denn vielleicht hat Rahab neben ihrem Bordellbetrieb auch noch ganz normale Übernachtungen angeboten.

Oder die beiden Spione hatten sich vorgestellt, dass sie in einem Puff am allerwenigsten auffallen würden?
Und dass dort vielleicht am meisten zu erfahren wäre?

Nun ja.
Wie auch immer:

Unsere beiden Agenten jedenfalls haben wenig Talent fürs Konspirative.
Denn kaum sind sie angekommen,
fliegen sie auch schon auf.

Offensichtlich gibt es in Jericho eine Art Stasi,
die das „Leben der Anderen“ sehr genau unter die Lupe nimmt.


Und genau hier, an dieser Stelle könnte die Geschichte schon zu Ende sein, bevor sie richtig begonnen hat.

Rahab könnte die Geschichte beenden.

Sie könnte die beiden fremden Männer ausliefern.
Und sich damit vielleicht einen Stein im Brett der kanaanäischen Stasi sichern.

Rahab könnte sich als Widerstandsheldin feiern lassen.

Aber sie verzichtet auf Ruhm dieser Art.
Und trifft eine völlig andere Entscheidung.


„Ab aufs Dach“, raunt sie den beiden Fremden zu. „Versteckt euch!“

Und dann,
man kann es sich leicht vorstellen,

dann richtet sie sich die Haare.
Sie zupft sich den Ausschnitt zurecht.
Sie verstellt ihr Gesicht und öffnet die Türe:

„Ja, da sind zwei fremde Männer zu mir hereingekommen“,

sagt Rahab.

„aber ich wusste nicht, woher sie waren. Aber als es dunkel wurde, sind die Männer weggegangen. Ich habe keine Ahnung wohin. Das Beste wird sein, ihr seht, dass ihr sie noch eingeholt bekommt.“

Rahab lügt.

Sie lügt den Stasibeamten rotzfrech ins Gesicht.

Und riskiert dabei ihr eigenes Leben.

Ob das gut gehen kann?

Nur wenige Schritte wären nötig,
Nur ein paar Flachsstengel wären beiseite zu schieben,
und alles würde auffliegen.
Rahab wäre erledigt.

Nur ein paar Schritte....

Aber die Beamten nicken.
Sie gehen nach draußen
und suchen in der Dunkelheit weiter.



Warum tut Rahab das?
Warum riskiert sie ihr eigenes Leben,
um das Leben der feindlichen Spione zu schützen?


Rahab - was ist das bloß für eine Frau?

Was motiviert sie?



Wir können nicht in Rahabs Herz schauen.

Wohl aber können wir das Gespräch belauschen, das Rahab in der Nacht auf ihrer Dachterrasse mit den beiden Spionen führt.

In diesem Gespräch erweist sich Rahab,
die Prostituierte,
die Außenseiterin
als hellwache Zeitgenossin.
Die erstaunlich gut informiert ist:
Historisch, politisch, theologisch.

Rahab weiß genau, was die Stunde geschlagen hat und mit wem sie es zu tun hat.

Jetzt, hier oben auf dem Dach,
da redet sie Klartext.

„Ich weiß genau, wer ihr seid“, sagt sie zu den beiden Männern.

„Und ich weiß auch, was ihr vorhabt.

Hier in der Stadt wird erzählt, was passiert ist damals am Schilfmeer, als die Ägypter versucht haben Euch wieder einzufangen.
Wir haben auch gehört,
was ihr mit Sihon, dem Amoriterkönig
und mit Og von Basan gemacht habt,
als sie euch den Durchzug durch ihr Gebiet verweigert haben.

Ganz ehrlich:
Wir alle hier haben Angst.
Es ist nur eine Frage der Zeit,
dann kommt ihr
und überrennt uns.

Diese Stadt ist verloren,
das weiß ich so gut wie ihr“.


Es ist dunkel.


Rahab kann das Mienenspiel der beiden fremden Männer kaum erkennen.

Wie werden sie reagieren auf das, was sie sagt?

Die Männer schweigen.

Man hört nur ein paar Grillen zirpen.


Schließlich flüstert Rahab:

„Schwört mir jetzt bei eurem Gott“,

schwört mir, dass ihr an meiner Familie genauso handelt, wie ich an euch gehandelt habe.

Und gebt mir ein sicheres Zeichen“.



Rahab macht gemeinsame Sache mit dem Feind.

Um wenigstens ihre eigene Familie zu retten.

Das ist Kollaboration!
Das ist Hochverrat!

Wahnsinnig gefährlich ist das!

Und naiv noch dazu.

Denn:

Kann das funktionieren?

Rettung gegen Rettung?


Im Nachhinein ist klar:
Ja, es hat funktioniert.

Aber manche kreiden ihr das an,
dass sie nur an sich selbst und ihre eigene Familie gedacht hat.


Aber hätte Rahab verzichten sollen?
Auf diese eine einzige Chance?

Wäre es besser gewesen, die Männer auszuliefern?

Auch wenn Jericho später dann trotzdem überrannt worden wäre?


Hätte Rahab, wenn sie schon nicht ganz Jericho retten kann, auf die mögliche Rettung von einem paar Dutzend Menschen verzichten sollen, nur weil sie ihr nahestehen?

„Wer ein Menschenleben rettet, dem wird es so angerechnet, als würde er die ganze Welt retten.

Und wer ein Menschenleben zu Unrecht auslöscht, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt zerstört“,

heißt es im Talmud, der jüdischen Auslegung der biblischen Gebote.

Niemand von uns kann die ganze Welt retten.

Kein Mensch kann das.

Wenn sich viele zusammenschließen,
dann können sie eine Menge, auch eine Menge Gutes bewirken.

Aber die Welt retten?

Das ist uns Menschen nicht möglich.

Auch wenn das immer wieder,
aus guten Motiven heraus gefordert wird.


Mehr noch:

Denn wenn Menschen sich ernsthaft zutrauen,
die Welt zu retten,
dann wird es sogar,
wie die Geschichte immer wieder gezeigt hat,
früher oder später brandgefährlich.



Aber kehren wir wieder zurück zu Rahab.
Und den beiden Spionen oben auf dem Dach.

Die Männer schwören.
Sie geben ihr Wort:

Ja, so soll es sein:
Rettung gegen Rettung.

„Der HERR soll unser eigenes Leben von uns fordern,
wenn einem von euch etwas geschieht!
Aber du, Rahab, darfst niemand sagen, dass wir hier waren.
Dann werden auch wir uns an die Abmachung halten“.

Der Schwur wird besiegelt.
Durch ein rotes Seil.

Rahab soll es ans Fenster knoten.

Die Männer schwören.
Und Rahab schwört.

Dann hilft Rahab den Männern,
ins Freie zu gelangen.

Die Männer verschwinden in der Dunkelheit.

Als es Morgen wird,
erinnert nur noch das rotes Seil am Fenster an das, was in der Nacht geschehen ist.
Zitternd hängt es im Wind.



Versprochen ist versprochen.

Aber ein Versprechen kann auch gebrochen werden.
Und ein Schwur zum Meineid verkommen.

Und ein Seil,
ein Faden
kann reißen.

Es gibt keine Garantie, keine letzte Sicherheit.

Es gehört ein gerüttelt Maß an Vertrauen dazu,
das eigene Leben und das der eigenen Familie,
noch dazu in einer Kriegssituation,
in die Hände fremder Menschen zu legen.
Sich auf ein gegebenes Wort
vorbehaltlos und felsenfest
zu verlassen.



Werden sich die Männer an ihr Wort halten?
Oder sitzen sie womöglich längst irgendwo hinter einem Busch und lachen sich ins Fäustchen:

„Mensch! Das war ja ein Ding mit dieser Nutte!
Weißt Du was? Die holen wir uns zuerst!“



Aber vielleicht ist es auch ganz anders,
jetzt, nach dieser Begegnung?

Vielleicht sind sie ins Zweifeln gekommen, ob das wirklich sei kann?

Kann Adonai, der Gott Israels wirklich den Tod all dieser Menschen, seiner Geschöpfe wollen?

Und dann war da ja die rote Schnur!

Erinnert nicht die rote Schnur an das,
was die Alten erzählen,
und was ja auch gefeiert wird,
einmal im Jahr,
an Pessach.
Die Nacht des Aufbruchs
damals,
als die Kinder Israels ihre Sachen gepackt hatten,
um auszuziehen
aus dem Sklavenhaus,
aus Ägypten.

Als man die Türpfosten der hebräischen Häuser mit dem Blut der geschlachteten Passalämmer bestrichen hatte.

Und als so das Leben derer verschont wurde,
die sich in diesen Häusern aufhielten?

Rot,
die Farbe des Blutes,
und damit des Lebens,
ist so etwas wie ein Versprechen.

Und das rote Seil im Fenster,
das erzählt davon.

Und ist es nicht so:
Dass dieses Haus,
wo das rote Seil hängt,
dieses kanaanäische Bordell,
ihnen, den Kundschaftern,
zur rettenden Asylstätte geworden ist?


Rahabs rotes Band,
das rote Seil an ihrem Fenster.
Spricht Bände.

Es spricht
In einer ihm eigenen
verheißungsvollen,
einer hoffnungsstiftenden Sprache.


Denn das hebräische Wort für Schnur oder Band „tiquwa“ bedeutet auch „Hoffnung“.

Mit ihrem roten Band bindet Rahab also buchstäblich die Hoffnung an ihr Fenster.


Und ihr rote Hoffnungsband wird zur Antwort.
Zur Antwort auf Rahabs Glaubensbekenntnis
mit dem sie die feindlichen Spione an deren eigenen Gott erinnert hat:

„Adonai, der HERR, euer Gott“,

hat Rahab gesagt,

„ist Gott oben im Himmel und unten auf der Erde[ii]“.

Und damit zitiert Rahab Mose, der mit diesen Worten seine Rede einleitet, in der er dem Volk Gottes Weisung einschärft.


Rahab hat dieses Glaubensbekenntnis Israels verinnerlicht und lässt ihm Taten folgen.

Und damit erweist sich Rahab als eine „Gerechte unter den Völkern“.

Und als eine solche wird Rahab im Judentum seit jeher in Ehren gehalten.

Und ihr Mut, ihr Vertrauen wird am Ende tatsächlich belohnt:

Rahab und ihre Familie überleben die Eroberung Jerichos.

„Und sie blieb in Israel wohnen, bis auf den heutigen Tag“, heißt es am Ende des 6. Kapitels des Josuabuches.


Rahabs Geschichte ist eine Gegengeschichte.


„Lass niemanden rein!“
Heißt es.
Aber Rahab öffnet ihre Tür.

„Misstraut den Fremden“.
Rahab hat ihnen den Weg
zum Versteck gezeigt.

„Vertraue niemandem!“
Rahab sagt:
„Versprich es mir!“.



Rahabs Geschichte ist eine Gegengeschichte.

Wir finden solche Gegengeschichten gar nicht so selten in der Bibel.
Gerade da, wo von Gewalt die Rede ist. Im Umfeld der Geschichten, die uns Angst einjagen.

Diese Gegengeschichten kommentieren die Gewaltgeschichten und ja, sie korrigieren sie auch.

In der jüdischen Auslegungstradition
ist das eine starke Linie,
diese Gegengeschichten wahrzunehmen
um die Bibel auf diese Weise mit der Bibel ins Gespräch zu bringen und sie so auszulegen.

Ganz ähnlich haben es auch die Reformatoren gehalten.


Es ist wichtig, dass wir diese Linie wahrnehmen
Und uns darin üben, die Bibel so zu lesen.
Auch wenn das etwas anspruchsvoller ist,
und vielleicht ein bisschen anstrengender,
als sich einfach die Häppchen aus der Bibel herauszupicken, die einem am besten in den Kram und in das eigene Weltbild passen.

Nein, die Bibel ist kein seichtes,
kein harmloses Buch mit netten Geschichten
und schönen Sprüchen.

Die Bibel kann, wenn sie in die falschen Hände gerät, durchaus unversehens zur gefährlichen Waffe werden, mit der Gewalt legitimiert werden kann und ja auch legitimiert worden ist.

Und das, was der Gewalt vorausgeht:
Wir haben es in Halle erlebt, dass die Gewalt gesät worden ist:
Mit Lieblosigkeit, Missachtung und Ausgrenzung alles Fremden.

Aber wenn die Bibel gelesen wird
Mit einem suchenden,
einem liebenden,
für das Leben kämpfenden  Herzen,
dann wird sie zum Segen,
dass erweist sie sich als Licht auf dem Weg.

Die Geschichte von Rahab!

Sie bringt uns echt ans Eingemachte!

Die Geschichte von Rahab ist wichtig.
So wichtig,
dass sie uns auch im Neuen Testament wieder begegnet.

Im Hebräerbrief und im Jakobusbrief wird uns Rahab vor Augen gestellt als ein Vorbild im Glauben.

Und im Matthäusevangelium, im ersten Kapitel,
da taucht sie auf als UrUrUrUrgroßmutter von Jesus.

Rahab,
ausgerechnet Rahab,  
die moralisch alles andere als Einwandfreie,
ihre Geschichte ist aufgehoben und eingewebt
in das Jahrtausende umspannende Hoffnungsband der Segenslinie Gottes.
Die von Abraham bis zu Maria und Joseph und Jesus führt.


Wir brauchen solche Gegengeschichten ganz unbedingt.

In unserer Zeit,
mehr denn je,
wo Identität durch Abschottung gepriesen wird.
Wo Mauern aufgerichtet werden gegen alles Fremde.
Wo scheinbar harmlos,
mit Worten,
im Internet und in Talkshows,
der Boden bereitet wird
für Hass und Gewalt.

Rahabs Gegengeschichte hilft,
ich spüre das,
sie hilft mir auszuhalten,
Dass ich nicht allen gerecht werden kann.
Dass ich nicht jedem helfen kann.
Aber dass es trotzdem wichtig ist,
dass ich das, was mir möglich ist,
dass ich das auch wirklich tue.

Ich will mir Rahabs rotes Hoffnungsband ans Fenster binden.
Oder, na ja, vielleicht auch einfach nur an mein Bücherregal[iii].

Damit es mich daran erinnert,
dass Gott auch die kleinen roten Fädchen
die wir in unseren Händen halten,
einweben und einzwirbeln will und kann
in sein großes starkes und rettendes Segensband.
Das von Abraham reicht über Rahab und Jesus bis  zu uns. 


AMEN.



Bei der Vorbereitung verwendet - und hier und da auch wörtlich übernommen - wurden meine eigene Predigtmitschrift einer Predigt von Magdalene Frettlöh aus der Martinikirche in Siegen vom 18. August 2019, sowie das entsprechende unveröffentlichte Predigtmanuskript von Magdalene Frettlöh, ebenso drei Auslegungen aus dem aktuellen Band "Predigtmeditationen im Christlich-Jüdischen Kontext", eine Predigt von Pfr. Martin Eckey, Kirchengemeinde Olpe, sowie verschiedene Predigten von Mitgliedern der Facebookgruppe "Predigtkultur" des Zentrum für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur der EKD in Wittenberg.


[i] 5. Mose 20, 16
[ii] 5. Mose 4, 39
[iii] Ich habe in rotes Band auf der Kanzel dabei….