Sonntag, 24. September 2017

Der Preis der Nachfolge: Predigt über Lukas 18, 28 - 30 / Ev. Kirche Wilnsdorf



Erwartungsvoll schaut der gut gekleidete Mann Jesus an. Man sieht auf den ersten Blick, dass er ziemlich wohlhabend sein muss.

„Guter Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu ererben?“

Wir haben eben bei der Schriftlesung[i] schon ausführlich gehört, wie es nach dieser Frage weitergeht. Alles läuft hinaus auf die unmissverständlichen Aufforderung von Jesus:

„Verkaufe alles, was Du hast und gib` s den Armen, so wirst du einen unverlierbaren Schatz im Himmel haben. Und dann komm und folge mir nach“.


Was?!

Alles verkaufen?
Um alles zu verschenken?  

Alles?


Ja, wirklich alles.
100 Prozent von allem, was Dir gehört.


Nein, das ist unmöglich.


Wahrhaftig – der reiche Mann möchte wirklich ein gutes, gottgefälliges Leben führen.

Aber ein derart radikaler Ansatz…?!

Nein! Das ist völlig ausgeschlossen.

Dafür ist er einfach nicht der Typ.


Und doch: Traurig sein der junge Mann am Ende gewesen: So überliefert es nicht nur Lukas, sondern mit ihm auch die Evangelisten Matthäus und Markus.

Und das ist ja auch traurig: Da würde einer gerne mit Jesus gehen und auch erleben, was man nur in seiner Nähe erleben kann. Aber der Preis ist ihm zu hoch.

Schade ist das. Echt schade.




Unmittelbar an die Geschichte von Jesus und dem reichen Mann schließt sich eine kleine Szene an. Man überliest sie leicht.  

Aber sie ist es wert, einmal näher betrachtet zu werden. Und genau das wollen wir jetzt tun.

Ich lese Lukas 18, 28 – 30:

Da sprach Petrus (zu Jesus): Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.

Er aber sprach zu ihnen:

Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der kommenden Welt das ewige Leben.




Mit einem Mal ist ihm, Petrus, alles wieder so präsent, als wäre es gestern gewesen.
Sein Abschied von zuhause.
Dem großen Haus in Kapernaum, direkt am Hafen.

Die lange Umarmung und der Kuss seiner Liebsten.
Ihr verrutschtes Lächeln, als sie ihm ins Ohr flüstert:
Mach Dir um mich keine Sorgen. Ich komme schon zurecht.

Die Tränen seiner Mutter.

Und die große, schwielige Hand seines Vaters, der ihm auf die Schulter klopft:
Mach´s gut mein Junge, מזל־טוב – viel Glück - und pass gut auf Dich auf!

Die skeptischen Blicke der Kollegen, die ihn für einen Spinner halten.



Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt…

Hört sich Petrus plötzlich sagen. Mitten in die nachdenkliche Stille hinein.

Ohne dass er wüsste, wie er diesen Satz jetzt am besten zu Ende bringen könnte.


Wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt…

Ja, Jesus, so ist es.

Wir, hier, alle miteinander, sind Dir nachgefolgt, ohne zu wissen, auf was wir uns da einlassen.
Und im Grunde genommen wissen wir es immer noch nicht[ii].


Damals an jenem Morgen, als sie dagesessen hatten, ihre Netze flickend, wie immer am Ende einer langen Nacht auf dem Wasser:

Da hatte sich wie von selbst eins zum anderen gefügt.


Er, Petrus, jedenfalls, hatte zuerst gar nicht mitbekommen, was dort drüben am anderen Steg eigentlich los war.

Aus irgendeinem Grund drängelten sich dort eine Menge Leute und machten einen ziemlichen Spektakel.

Plötzlich hatte jemand neben ihm gestanden.
Er hatte sofort erkannt: Das ist Jesus.

Jesus, der Zimmermann aus Nazareth.
Der die Heilige Schrift auszulegen weiß, dass man beim Zuhören ganz und gar die Zeit vergisst[iii].
Und von dem überdies – wunderbarerweise heilsame Kräfte ausgehen[iv].

Er hat es selbst erlebt. Im eigenen Haus. Vor ein paar Tagen erst, da haben sie Jesus gerufen. Damit er die Schwiegermutter heilt, von einem gefährlichen Fieber[v].

Da ist er also wieder, dieser Jesus.

Ob er sich mal ein Boot leihen könnte[vi]. Am besten mit zwei, drei Mann Besatzung, um ein kleines Stück rausfahren zu können. Um die Akustik zu verbessern. 

Ja, klar. Warum nicht?

Nach dieser frustigen Nacht, in der sie praktisch nichts gefangen hatten, kann es nicht schaden, sich auf andere Gedanken bringen zu lassen.




Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt…

Wenn er es jetzt, mit einigem Abstand, recht bedenkt, hat für ihn, Petrus, eigentlich alles ziemlich unspektakulär angefangen.

Mit einem verliehenen Boot.
Einem kleinen Gefallen nur, der nicht weiter weh tut.

Sozusagen den kleinen Finger hat er Jesus gereicht.

Ohne dass er hätte ahnen können, das dieser schon wenige Stunden später nach der ganzen Hand –
Ach was, gleich nach seiner ganzen Existenz griff!

„Hab keine Angst“[vii], hörte er Jesus heute noch sagen.
„Von jetzt an wirst Du ein Menschenfischer sein“.

Noch immer, gerade jetzt, nach dieser denkwürdigen Sache mit dem reichen Mann eben – da wunderte er sich, wie er das damals nur geschafft hat.

Immerhin: Er war nicht alleine. Auch Jakobus und Johannes, seine Kollegen haben damals alles stehen und liegen gelassen:

Die Boote, die Netze, den Fischereibetrieb, die Familie, das Haus, einfach alles.




Siehe, ich habe alles verlassen und bin dir nachgefolgt…

Ich selbst könnte diesen Satz für mich so nicht unterschreiben.

Ich habe nicht alles verlassen, um Jesus nachzufolgen.

Ich habe nicht eines Tages meine Tasche gepackt und alle Zelte hinter mir abgebrochen.

Es gibt Leute, die tun das.

Sie folgen Jesus nach.

Indem sie als Missionare, als Entwicklungshelfer, als Mediziner oder Pflegefachleute in ein fremdes Land gehen.

Sie lassen Sicherheit und Komfort hinter sich und sind bereit, sich einzulassen auf völlig andere Kultur und eine fremde Sprache.  

Es gibt Männer und Frauen, die verzichten auf Ehe und Familie, um in eine Kommunität einzutreten oder in ein Kloster.

Man kann über den Zölibat streiten.
Aber ich habe Respekt vor den Männern und Frauen, die sich dafür entscheiden, dem Ruf Jesu zu folgen und ihm zu dienen als Ordensleute oder als Priester.



Ich allerdings bin hier geblieben.

Mein Leben ist angenehm und bequem, im Vergleich zu dem, was viele andere auf sich nehmen, um Jesus nachfolgen.

Ich habe nicht alles aufgegeben.

Weil ich das so in dieser Klarheit für mich nie gehört habe: „Verkaufe alles, was Du hast und gib` s den Armen, so wirst du einen unverlierbaren Schatz im Himmel haben. Und dann komm und folge mir nach“.



Bei mir war und ist es anders.

Bei mir war und ist es eher so, dass Jesus mich sozusagen auch um meinen kleinen Finger gebeten hat.

Ganz oft sogar.
Immer wieder tut er das.
Tagtäglich.


Ich besitze zwar keine Boote, die ich verleihen könnte, so wie Petrus.

Aber habe ein Auto.
Und ein Haus.

Jesus fragt mich nach meiner Zeit.

Er will mitreden, wenn ich Prioritäten setze.

Er schubst mich an, ich soll endlich mal diesen Besuch machen, den ich schon so lange vor mir herschiebe.  

Jesus bedient sich meiner Freude am Lesen, am Lernen und am Schreiben.

Er zeigt auf mein Portemonnaie, auf den Kontostand und mahnt: So, jetzt mach mal, ich habe Dich schließlich reich beschenkt.




„Siehe, ich habe nicht alles verlassen und doch will ich mit Dir gehen. Ich will dir nachfolgen, Jesus.“

Das ist mein Satz.

Den kann ich unterschreiben.



Ich will hören, was Du sagst, Jesus.
Und leben, wie Du es willst.
So gut ich kann.




Ich weiß: Das ist nicht nur mein Satz.

Hier in dieser Kirche sitzen viele, die das für sich genauso oder ganz ähnlich formulieren würden:


Ich will hören, was Du sagst, Jesus.
Und leben, wie Du es willst.
So gut ich kann.


Es wäre spannend, wenn jetzt der eine oder die andere hier in den Bänken aufstehen würde, um zu erzählen, was man alles erleben kann, wenn sich traut, Jesus den kleinen Finger zu reichen.

Wie das ist, in seiner Spur zu gehen.  

Obwohl wir unsere Adresse behalten. Und unseren gewohnten Arbeitsplatz.



Ich will hören, was Du sagst, Jesus.
Und leben, wie Du es willst.
So gut ich kann.


Es ist gut, dass es nicht nur einzelne sind, die sich diesen Satz zu eigen machen. 

Es ist gut, dass wir viele sind, die sich dafür entschieden haben, mit Jesus zu gehen.




Denn nicht nur wir als einzelne, auch unsere Gesellschaft, unser Land, ja, unsere Welt braucht das christliche Zeugnis, ganz unbedingt. Dringender denn je.

Gerade heute, am Wahlsonntag, wird das ganz augenfällig.


Gleich werde ich wählen gehen. Wie viele andere hier vermutlich auch. Sofern sie das nicht schon erledigt haben.

Denn genau das ist auf jeden Fall Ausdruck unserer  christlichen Verantwortung: Wählen gehen!

Auch wenn das, was Jesus sagt, auf keinem Wahlzettel steht.
Und auch wenn keine Partei, auch nicht die mit dem C im Namen, wortwörtlich umsetzen kann, was Jesus lehrt:

Es ist wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, was in den Wahlprogrammen steht.

Dass wir darauf achten, wie sich die Anhängerinnen dieser oder jener Partei darstellen und benehmen:

Auf Wahlveranstaltungen.
Im Internet.
Und an der Art wie sie ihre Plakate gestalten lassen.

Wir haben die Pflicht zu prüfen:
Was könnte am ehesten
Zu den Worten von Jesus passen?

Damit ist ja z.B. auf jeden Fall schon einmal ausgeschlossen, dass wir unser Kreuzchen bei einer Partei mache, die gezielt Angst und Fremdenfeindlichkeit schürt. Und die sich ungeniert aller möglicher Parolen bedient, die an die finstersten Zeiten unserer Geschichte erinnern.


Jesus nachfolgen – das hört an der Tür zum Wahllokal nicht auf.



Jesus sagt: Ja, es kostet etwas, mit mir zu gehen.
Aber ihr habt auch was davon.

Damals hat er zu Petrus und zu den anderen Jüngern gesagt:  

„Wahrlich, ich sage euch:
Es ist niemand, der Haus oder Frau
oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt
um des Reiches Gottes willen,
der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit
und in der kommenden Welt das ewige Leben“.

Und genau das sagt er auch heute zu uns:

„Entscheidet euch“, sagt Jesus[viii].
„Ihr habt meine Worte“.

Und er sagt auch:
„Ich bin anspruchsvoll.
Ich will etwas von Euch.
Aber mit meinen Worten werdet Ihr etwas bewegen.
Und zum Guten verändern.

Ihr werdet erleben, dass ihr das, was ihr dafür hinter Euch lasst, vielfach zurückbekommt.  

Nicht nur dermal einst in der Ewigkeit, sondern auch schon heute und hier.



Gleich werde ich wählen gehen.
Wenn ich mein Kreuzchen mache auf dem Wahlzettel,
dann wird nichts genau passen zu dem, was mir wichtig ist.

Manches von dem, was die Partei vertritt, der ich meine Stimme geben werde, passt mir sogar gar ganz und gar nicht.

Aber bei der wichtigsten Lebensentscheidung, die ich je getroffen habe – da ist das anders.

Da muss ich keine Abstriche machen.
Bei dieser Wahl möchte ich bleiben.

Ihn habe ich gewählt.

Jesus.

Ihm will ich nachfolgen. Weiterhin. Von ganzem Herzen. So gut ich es eben vermag.



Und schließlich möchte ich allen, die diese Wahl in der Form für sich noch nicht getroffen haben, einfach nur empfehlen:

Lasst Euch drauf ein. Probiert es aus, wie es ist, Jesus den kleinen Finger zu überlassen.



„Ich will hören, was Du sagst, Jesus.
Und leben wie Du es willst.
So gut ich kann. Bitte hilf mir dabei“.

AMEN.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.


[i] Lukas 18, 18 - 27
[ii] Man beachte die unmittelbar folgende Sequenz bei Lukas 18, 31 – 34 und ebenso die Parallelstelle Matth. 20, 17ff (Leidensankündigung, die von den Jüngern nicht verstanden wird).
[iii] Siehe z.B. Luk. 4, 31ff

[iv] Siehe z.B. Luk. 4, 33ff
[v] Siehe Luk. 4, 38ff
[vi] Siehe Luk. 5, 1ff
[vii] Siehe Luk. 5, 10b ff
[viii] Ich danke Silke Panthöfer und Michael Greßler aus der Facebook-Gruppe vom Zentrum für Ev. Predigtkultur für Inspiration und (im Falle von Michael Greßler) auch für einzelne Zitate.