Erwartungsvoll schaut der
gut gekleidete Mann Jesus an. Man sieht auf den ersten Blick, dass er ziemlich
wohlhabend sein muss.
„Guter Meister, was muss
ich tun, um das ewige Leben zu ererben?“
Wir haben eben bei der
Schriftlesung[i]
schon ausführlich
gehört, wie es nach dieser Frage weitergeht. Alles läuft hinaus auf die unmissverständlichen Aufforderung von Jesus:
„Verkaufe alles, was Du
hast und gib` s den Armen, so wirst du einen unverlierbaren Schatz im Himmel
haben. Und dann komm und folge mir nach“.
Was?!
Alles
verkaufen?
Um
alles zu verschenken?
Alles?
Ja,
wirklich alles.
100
Prozent von allem, was Dir gehört.
Nein,
das ist unmöglich.
Wahrhaftig
– der reiche Mann möchte wirklich ein gutes, gottgefälliges Leben führen.
Aber
ein derart radikaler Ansatz…?!
Nein!
Das ist völlig ausgeschlossen.
Dafür
ist er einfach nicht der Typ.
Und
doch: Traurig sein der junge Mann am Ende gewesen: So überliefert es nicht nur
Lukas, sondern mit ihm auch die Evangelisten Matthäus und Markus.
Und
das ist ja auch traurig: Da würde einer gerne mit Jesus gehen und auch erleben,
was man nur in seiner Nähe erleben kann. Aber der Preis ist ihm zu hoch.
Schade
ist das. Echt schade.
Unmittelbar
an die Geschichte von Jesus und dem reichen Mann schließt sich eine kleine
Szene an. Man überliest sie leicht.
Aber
sie ist es wert, einmal näher betrachtet zu werden. Und genau das wollen wir
jetzt tun.
Ich
lese Lukas 18, 28 – 30:
Da sprach Petrus (zu Jesus):
Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.
Er aber sprach zu ihnen:
Wahrlich, ich sage euch: Es
ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verlässt um
des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit
und in der kommenden Welt das ewige Leben.
Mit
einem Mal ist ihm, Petrus, alles wieder so präsent, als wäre es gestern gewesen.
Sein
Abschied von zuhause.
Dem
großen Haus in Kapernaum, direkt am Hafen.
Die
lange Umarmung und der Kuss seiner Liebsten.
Ihr
verrutschtes Lächeln, als sie ihm ins Ohr flüstert:
Mach Dir um mich keine
Sorgen. Ich komme schon zurecht.
Die
Tränen seiner Mutter.
Und
die große, schwielige Hand seines Vaters, der ihm auf die Schulter klopft:
Mach´s gut mein Junge, מזל־טוב
– viel Glück - und pass gut auf Dich auf!
Die
skeptischen Blicke der Kollegen, die ihn für einen Spinner halten.
Siehe, wir haben alles
verlassen und sind dir nachgefolgt…
Hört
sich Petrus plötzlich sagen. Mitten in die nachdenkliche Stille hinein.
Ohne
dass er wüsste, wie er diesen Satz jetzt am besten zu Ende bringen könnte.
Wir haben alles verlassen und sind dir
nachgefolgt…
Ja,
Jesus, so ist es.
Wir,
hier, alle miteinander, sind Dir nachgefolgt, ohne zu wissen, auf was wir uns
da einlassen.
Und
im Grunde genommen wissen wir es immer noch nicht[ii].
Damals
an jenem Morgen, als sie dagesessen hatten, ihre Netze flickend, wie immer am
Ende einer langen Nacht auf dem Wasser:
Da
hatte sich wie von selbst eins zum anderen gefügt.
Er,
Petrus, jedenfalls, hatte zuerst gar nicht mitbekommen, was dort drüben am
anderen Steg eigentlich los war.
Aus
irgendeinem Grund drängelten sich dort eine Menge Leute und machten einen
ziemlichen Spektakel.
Plötzlich
hatte jemand neben ihm gestanden.
Er
hatte sofort erkannt: Das ist Jesus.
Jesus,
der Zimmermann aus Nazareth.
Der
die Heilige Schrift auszulegen weiß, dass man beim Zuhören ganz und gar die
Zeit vergisst[iii].
Und
von dem überdies – wunderbarerweise heilsame Kräfte ausgehen[iv].
Er
hat es selbst erlebt. Im eigenen Haus. Vor ein paar Tagen erst, da haben sie
Jesus gerufen. Damit er die Schwiegermutter heilt, von einem gefährlichen
Fieber[v].
Da
ist er also wieder, dieser Jesus.
Ob
er sich mal ein Boot leihen könnte[vi]. Am
besten mit zwei, drei Mann Besatzung, um ein kleines Stück rausfahren zu
können. Um die Akustik zu verbessern.
Ja,
klar. Warum nicht?
Nach
dieser frustigen Nacht, in der sie praktisch nichts gefangen hatten, kann es
nicht schaden, sich auf andere Gedanken bringen zu lassen.
Siehe, wir haben alles
verlassen und sind dir nachgefolgt…
Wenn
er es jetzt, mit einigem Abstand, recht bedenkt, hat für ihn, Petrus, eigentlich
alles ziemlich unspektakulär angefangen.
Mit
einem verliehenen Boot.
Einem
kleinen Gefallen nur, der nicht weiter weh tut.
Sozusagen
den kleinen Finger hat er Jesus gereicht.
Ohne
dass er hätte ahnen können, das dieser schon wenige Stunden später nach der
ganzen Hand –
Ach
was, gleich nach seiner ganzen Existenz griff!
„Hab keine Angst“[vii], hörte er Jesus heute noch
sagen.
„Von jetzt an wirst Du ein
Menschenfischer sein“.
Noch
immer, gerade jetzt, nach dieser denkwürdigen Sache mit dem reichen Mann eben –
da wunderte er sich, wie er das damals
nur geschafft hat.
Immerhin:
Er war nicht alleine. Auch Jakobus und Johannes, seine Kollegen haben damals alles
stehen und liegen gelassen:
Die
Boote, die Netze, den Fischereibetrieb, die Familie, das Haus, einfach alles.
Siehe, ich habe alles
verlassen und bin dir nachgefolgt…
Ich
selbst könnte diesen Satz für mich so nicht unterschreiben.
Ich
habe nicht alles verlassen, um Jesus nachzufolgen.
Ich habe nicht eines Tages meine Tasche gepackt und alle Zelte hinter mir abgebrochen.
Es gibt Leute, die tun das.
Ich habe nicht eines Tages meine Tasche gepackt und alle Zelte hinter mir abgebrochen.
Es gibt Leute, die tun das.
Sie
folgen Jesus nach.
Indem sie als Missionare, als Entwicklungshelfer, als Mediziner oder Pflegefachleute in ein fremdes Land gehen.
Sie
lassen Sicherheit und Komfort hinter sich und sind bereit, sich einzulassen auf
völlig andere Kultur und eine fremde Sprache.
Es gibt Männer und Frauen, die verzichten auf Ehe und Familie, um in eine Kommunität einzutreten oder in ein Kloster.
Man
kann über den Zölibat streiten.
Aber
ich habe Respekt vor den Männern und Frauen, die sich dafür entscheiden, dem
Ruf Jesu zu folgen und ihm zu dienen als Ordensleute oder als Priester.
Ich
allerdings bin hier geblieben.
Mein
Leben ist angenehm und bequem, im Vergleich zu dem, was viele andere auf sich
nehmen, um Jesus nachfolgen.
Ich habe nicht alles aufgegeben.
Ich habe nicht alles aufgegeben.
Weil
ich das so in dieser Klarheit für mich nie gehört habe: „Verkaufe alles, was Du hast und gib` s den Armen, so wirst du einen
unverlierbaren Schatz im Himmel haben. Und dann komm und folge mir nach“.
Bei
mir war und ist es anders.
Bei mir war und ist es eher so, dass Jesus mich sozusagen auch um meinen kleinen Finger gebeten hat.
Bei mir war und ist es eher so, dass Jesus mich sozusagen auch um meinen kleinen Finger gebeten hat.
Ganz
oft sogar.
Immer
wieder tut er das.
Tagtäglich.
Ich besitze zwar keine Boote, die ich verleihen könnte, so wie Petrus.
Aber habe ein Auto.
Und ein Haus.
Jesus fragt mich nach meiner Zeit.
Er will mitreden, wenn ich Prioritäten setze.
Er schubst mich an, ich soll endlich mal diesen Besuch machen, den ich schon so lange vor mir herschiebe.
Jesus bedient sich meiner Freude am Lesen, am Lernen und am Schreiben.
Er zeigt auf mein Portemonnaie, auf den Kontostand und mahnt: So, jetzt mach mal, ich habe Dich schließlich reich beschenkt.
„Siehe, ich habe nicht
alles verlassen und doch will ich mit Dir gehen. Ich will dir nachfolgen,
Jesus.“
Das
ist mein Satz.
Den
kann ich unterschreiben.
Ich will hören, was Du
sagst, Jesus.
Und leben, wie Du es
willst.
So gut ich kann.
Ich
weiß: Das ist nicht nur mein Satz.
Hier
in dieser Kirche sitzen viele, die das für sich genauso oder ganz ähnlich formulieren
würden:
Ich will hören, was Du
sagst, Jesus.
Und leben, wie Du es
willst.
So gut ich kann.
Es
wäre spannend, wenn jetzt der eine oder die andere hier in den Bänken aufstehen
würde, um zu erzählen, was man alles erleben kann, wenn sich traut, Jesus den
kleinen Finger zu reichen.
Wie
das ist, in seiner Spur zu gehen.
Obwohl
wir unsere Adresse behalten. Und unseren gewohnten Arbeitsplatz.
Ich will hören, was Du
sagst, Jesus.
Und leben, wie Du es
willst.
So gut ich kann.
Es
ist gut, dass es nicht nur einzelne sind, die sich diesen Satz zu eigen machen.
Es
ist gut, dass wir viele sind, die sich dafür entschieden haben, mit Jesus zu
gehen.
Denn
nicht nur wir als einzelne, auch unsere Gesellschaft, unser Land, ja, unsere
Welt braucht das christliche Zeugnis, ganz unbedingt. Dringender denn je.
Gerade
heute, am Wahlsonntag, wird das ganz augenfällig.
Gleich
werde ich wählen gehen. Wie viele andere hier vermutlich auch. Sofern sie das
nicht schon erledigt haben.
Denn
genau das ist auf jeden Fall Ausdruck unserer christlichen Verantwortung: Wählen gehen!
Auch
wenn das, was Jesus sagt, auf keinem Wahlzettel steht.
Und
auch wenn keine Partei, auch nicht die mit dem C im Namen, wortwörtlich
umsetzen kann, was Jesus lehrt:
Es
ist wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen, was in den Wahlprogrammen
steht.
Dass
wir darauf achten, wie sich die Anhängerinnen dieser oder jener Partei
darstellen und benehmen:
Auf
Wahlveranstaltungen.
Im
Internet.
Und
an der Art wie sie ihre Plakate gestalten lassen.
Wir
haben die Pflicht zu prüfen:
Was
könnte am ehesten
Zu
den Worten von Jesus passen?
Damit
ist ja z.B. auf jeden Fall schon einmal ausgeschlossen, dass wir unser Kreuzchen
bei einer Partei mache, die gezielt Angst und Fremdenfeindlichkeit schürt. Und
die sich ungeniert aller möglicher Parolen bedient, die an die finstersten
Zeiten unserer Geschichte erinnern.
Jesus
nachfolgen – das hört an der Tür zum Wahllokal nicht auf.
Jesus
sagt: Ja, es kostet etwas, mit mir zu gehen.
Aber
ihr habt auch was davon.
Damals
hat er zu Petrus und zu den anderen Jüngern gesagt:
„Wahrlich, ich sage euch:
Es ist niemand, der Haus
oder Frau
oder Brüder oder Eltern
oder Kinder verlässt
um des Reiches Gottes
willen,
der es nicht vielfach
wieder empfange in dieser Zeit
und in der kommenden Welt
das ewige Leben“.
Und
genau das sagt er auch heute zu uns:
„Entscheidet
euch“, sagt Jesus[viii].
„Ihr
habt meine Worte“.
Und
er sagt auch:
„Ich
bin anspruchsvoll.
Ich
will etwas von Euch.
Aber
mit meinen Worten werdet Ihr etwas bewegen.
Und
zum Guten verändern.
Ihr
werdet erleben, dass ihr das, was ihr dafür hinter Euch lasst, vielfach
zurückbekommt.
Nicht nur dermal einst in der Ewigkeit, sondern auch schon heute und hier.
Gleich
werde ich wählen gehen.
Wenn
ich mein Kreuzchen mache auf dem Wahlzettel,
dann
wird nichts genau passen zu dem, was mir wichtig ist.
Manches
von dem, was die Partei vertritt, der ich meine Stimme geben werde, passt mir
sogar gar ganz und gar nicht.
Aber
bei der wichtigsten Lebensentscheidung, die ich je getroffen habe – da ist das
anders.
Da
muss ich keine Abstriche machen.
Bei
dieser Wahl möchte ich bleiben.
Ihn
habe ich gewählt.
Jesus.
Ihm
will ich nachfolgen. Weiterhin. Von ganzem Herzen. So gut ich es eben vermag.
Und
schließlich möchte ich allen, die diese Wahl in der Form für sich noch nicht
getroffen haben, einfach nur empfehlen:
Lasst
Euch drauf ein. Probiert es aus, wie es ist, Jesus den kleinen Finger zu
überlassen.
„Ich will hören, was Du
sagst, Jesus.
Und leben wie Du es willst.
So gut ich kann. Bitte hilf
mir dabei“.
AMEN.
Und der Friede Gottes, der
höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus
Christus, unserem Herrn. Amen.
[ii] Man beachte die
unmittelbar folgende Sequenz bei Lukas 18, 31 – 34 und ebenso die Parallelstelle
Matth. 20, 17ff (Leidensankündigung, die von den Jüngern nicht verstanden
wird).
[viii] Ich danke Silke Panthöfer und Michael
Greßler aus der Facebook-Gruppe vom Zentrum für Ev. Predigtkultur für Inspiration und (im Falle von Michael Greßler) auch für einzelne Zitate.