Sonntag, 26. Juli 2020

Gott suchen in Coronazeiten - (Ev. Gemeinschaft Wahlbach am 26. Juli 2020)



Das Thema für heute Abend ist inspiriert durch das neues Buch von Ulrich Eggers, dem Geschäftsführer und Verleger des SCM-Verlages. Er ist außerdem erster Vorsitzender von Willow Creek Deutschland e.V.: Gott suchen in der Krise - Glaube und Corona.

Bei dem Buch handelt es sich um einen Sammelband mit Beiträgen von frommen Promis, überwiegend aus dem evangelikalen Spektrum. 

So schnell ein Buch zu Corona? Mag man sich fragen.

Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass nicht weiter verwunderlich ist. Denn Ulrich Eggers und andere Autoren waren früh von Corona betroffen.

Das kam so: Zum Auftakt des Willow-Creek-Kongresses Ende Februar in Karlsruhe gab es unmittelbar vor Beginn ein Abendessen mit den Referenten. Einer von ihnen bekam etwas später Fieber und weitere Symptome, wurde auf Corona getestet und war prompt positiv. Daraufhin wurden sämtliche Teilnehmer dieses Abendessens von jetzt auf gleich unter Quarantäne gestellt und der gesamte Kongress vorzeitig abgebrochen. 

Ulrich Eggers, seine Ehefrau und weitere Gäste  beim besagten Abendessen entwickelten während der Quarantäne ebenfalls Symptome und erkrankten zum Teil heftig.

Es gab also eine ganze Reihe von frommen Autoren, die in Sachen Covid-19 einen Erfahrungsvorsprung hatten. Das hat die Entstehung des Buches sicherlich begünstigt.

 

Ich habe das Buch gekauft, aus Neugier und weil es mir empfohlen wurde.

Ich halte es für lesenswert, auch wenn ich den einen oder anderen Beitrags kritisch sehe.  Aber das soll heute Abend nicht das Thema sein.

Die Lektüre hat mich jedenfalls dazu inspiriert, selbst einmal gründlicher nachzudenken, wie das eigentlich bei mir gewesen ist und immer noch ist mit Corona und meinem Glauben.

In der Hoffnung, dass ich Euch im besten Sinne anstecke. Natürlich nicht mit Covid-19. Wohl aber damit, dass ihr selbst für Euch Bilanz zieht und  Eure Erfahrungen reflektiert. Über das, was ihr erlebt habt mit Euch selbst und mit Gott, während des Lockdowns und in der ersten Zeit danach.

Ich habe meine Überlegungen in vier Abschnitte gegliedert. Sie sind unterschiedlich lang und womöglich auch etwas literarischer, als ihr es gewohnt seid. Der Abend wird also eher den Charakter einer Lesung haben.

Zwischen den einzelnen Sequenzen gibt etwas Klaviermusik.

Vielen Dank an der Stelle schon jetzt an … !

 

Abgesagt – ein kleines Virus und seine Folgen  

Normalerweise ist im „R 108“, einem Sitzungsraum bei uns im Haus der Kirche in Siegen ist Platz für ungefähr zwanzig Personen.

An diesem Montag, dem 16. März 2020 sind wir zu zehnt. Mehr wäre auch schwierig. Womöglich sogar verboten. Weil wir Abstand halten müssen. So ist es seit neustem vorgeschrieben.  

Wir, das sind die Referatsleitenden des Kirchenkreises, der Verwaltungsleiter, der Synodalpfarrer, die Sekretärinnen der Superintendentur und unser Chef, der Superintendent. Der uns kurzfristig hat zusammen trommeln lassen.

Draußen scheint die Sonne. Ein Frühlingstag, wie gemalt.

Beim Reinkommen haben wir noch rumgeflachst, versucht, die Situation durch kleine Witzeleien zu entkrampfen. Aber irgendwie hat das nicht so richtig funktioniert.

Übers Wochenende haben sich die Nachrichten überschlagen. Was gestern noch galt, gilt längst schon nicht mehr.

Die Grenzen sind abgeriegelt. Das gesamte öffentliche Leben wird gerade runtergefahren. Seit heute Morgen sind sämtliche Schulen und Kitas geschlossen.

In unserer Runde fehlen deshalb die Geschäftsführerin unseres Kitabereichs und die Schulleiterin vom EVAU, unserem evangelischen Gymnasium. Die beiden kämpfen sich gerade mit ihren Teams durch einen unübersehbaren Berg von Detailfragen, die dringend, am besten sofort, geregelt werden müssen.

 

Um die Mittagszeit sitze ich wieder in meinem Büro. Hier ist eigentlich alles wie immer. Die Aktenordner stehen im Regal. Meine Büropflanzen müssten dringend mal abgestaubt werden. Draußen vor dem Fenster spielt der Wind mit den Zweigen der uralten Linde.

Mein Kopf fühlt sich an, als wäre er in Watte gepackt.

Eben noch habe ich engagiert mitberaten, mich informiert gegeben. Dem NDR-Corona-Podcast und dem patenten Professor Drosten sei Dank.

Wir haben Verabredungen getroffen. Auch ich habe einige Aufgaben übernommen.  Eben noch war ich voller Energie.

 

Jetzt fühle ich mich wie ein Luftballon, den jemand angepiekt hat.

Ich ermahne mich selbst:

Was stelle ich mich bloß an? Andere stehen gerade vor bedeutend schwerwiegenderen Herausforderungen!

Ich rufe das Back-End der Kirchenkreishomepage auf. Bevor ich den Cursor ansetze, um die Bereiche zu markieren, die ich bearbeiten will, hole ich tief Luft.

Einige Mausklicke später sind jede Menge Termine, Veranstaltungen, Pläne und Projekte im Datennirwana verschwunden.

Es fühlt sich an wie eine berufliche Selbst-Erdolchung.

 

Ich trinke einen Schluck  Leitungswasser. Zum Teekochen hat mir vorhin die Ruhe gefehlt.  

Ich muss einen Moment überlegen, dann schreibe ich auf den leergeräumten Platz auf der Internetseite:

„Aufgrund der Corona-Pandemie müssen alle Veranstaltungen und Kurse der Erwachsenenbildung vorläufig leider ausfallen. Selbstverständlich erstatten wir bereits gezahlte Teilnahmebeiträge zurück“.

Ich versuche mich darauf zu konzentrieren, was wir eben in unserer Runde miteinander vereinbart haben:

Dass wir nicht einfach nur alles absagen wollen.

Weil wir als Kirche einen Auftrag haben.

Dem wir gerecht werden müssen und wollen.

Gerade jetzt.

 

Wir haben uns vorgenommen,

dass wir versuchen wollen

rüber zu bringen,

mit den Mitteln, die uns bleiben,

 

was wir hoffen

was uns tröstet.

Worauf wir vertrauen.

 

Oder besser gesagt:
wem wir  vertrauen.

 

Auch wenn wir, wie die meisten anderen auch,

maximal verunsichert sind,

weil niemand wissen kann,

wie alles werden soll und wohin uns das alles noch führen wird.

 

 

Auf einmal ist da dieser Bibelvers.

Wie ein Rettungsring taucht er plötzlich auf.

Später, in den ersten Tagen des Lockdowns wird er mir immer wieder begegnen.

Auf Facebook, Instagram, YouTube und sonst wo im Netz. 

 

Dieser Vers wird

offensichtlich nicht nur mir

zur Melodie,

die im Dunklen gepfiffen,

die Gespenster der Angst vertreiben soll.

 

Die alten Worte,

ich spüre es mit Gewissheit,

sie werden mir helfen,

einen Fuß vor den anderen zu setzen,

mich Schritt für Schritt hineinzuwagen,

ins Ungewisse.    

 

Das ist es! Genau diese Worte möchte ich mit anderen teilen.

 

Rasch google ich die genaue Bibelstellenangabe,

dann schreibe ich in Fettschrift und zentriert unter meinen Text mit der Veranstaltungsabsage:

"Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit".

2. Tim. 1, 7

 

Musikstück



Passionszeit im Lockdown

 Auf einer Internetseite zum Kirchenjahr heißt es: „Die Passionszeit lädt dazu ein, die Routine des Alltags zu unterbrechen und sich Zeit für die grundlegenden Fragen des Lebens zu nehmen“.

 

Was in den Jahren zuvor mehr Anspruch als Wirklichkeit war, ergibt sich in dieser Passionszeit wie von selbst.

 

„Stay at home“„Wir bleiben zuhause“. Das öffentliche Leben ist in einen Ruhemodus versetzt, mehr oder weniger weltweit.

 

Wie viele andere Schreibtischarbeiter*innen auch, kann ich vom homeoffice aus arbeiten. Eine privilegierte Situation, wenn ich an die Beschäftigten in der Pflege, im Einzelhandel und anderen sogenannten „systemrelevanten“ Bereichen denke. Die – wenn überhaupt – oft nur unzureichend geschützt sind vor diesem tückischen, nach wie vor rätselhaften Virus.

Wie viele von ihnen werden wohl nach Feierabend außerdem noch das das Homeschooling ihrer Kinder überwachen müssen?  

 

Gleichwohl, auch mein neuer Alltag ist überraschend vollgepackt. Im Eilverfahren versuchen wir als Kirche nachzuholen, was wir in Sachen Digitalisierung in den letzten Jahren verschlafen haben.

 

Wie organisiere ich eine Videokonferenz?

Wie einen Streaming-Gottesdienst

oder ein Online-Seminar?

 

 

Zwischendurch und mittendrin immer neue Nachrichten zur Lage. Die Infektionszahlen steigen rasant. Inzwischen sind auch Menschen aus der Verwandtschaft und aus dem erweiterten Bekanntenkreis betroffen.

 

Drei Menschen, die ich kenne, sterben.

Ein riesiger Schock.

 

Hinzu kommt die Sorge um meine demenzkranke Schwiegermutter. Das Heim, in dem sie lebt, hat sich eine Art Hochsicherheitstrakt verwandelt, wie alle Altenheime und Krankenhäuser. Besuche sind verboten, aus guten Gründen. Und zugleich ist der Gedanke, was das für Bewohner und Patienten bedeutet, kaum erträglich. Was ist, wenn meine Schwiegermutter jetzt stirbt? Werden wir sie je wieder sehen können?

 

 

Morgens komme ich nur schwer in die Gänge. Ich sitze in meinem „homeoffice“ und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Tausend Kleinigkeiten warten darauf, dass ich sie erledige. Am schwersten fällt es mir, mich um Terminsachen zu kümmern, um Veranstaltungsplanungen für den Herbst oder Winter. Wer weiß, ob auch diese Pläne nicht letztlich für die Tonne sein werden?

 

Das, was ich trotzdem auf die Beine gestellt bekomme, kommt mir dilettantisch vor und unbedeutend. Meine Arbeit lebt normalerweise vom Austausch, vom Gespräch mit anderen. Jetzt bin ich überwiegend auf mich selbst geworfen.

 

Dabei bin ich vergleichsweise gut dran, weil ich mit meinem lieben Ehemann zusammen sein kann.

Wie mag es denen gehen, die alleinstehend sind?

 

Manchmal zünde ich jetzt morgens, bevor ich den Rechner hochfahre, eine Kerze an.

Einfach so, ganz für mich alleine.

Ich nehme meine Gitarre zur Hand.

Obwohl ich weder gut singen,

geschweige denn gut Gitarre spielen kann

 

„Du bist ein wunderbarer Hirt“, singe ich.

Manchmal bis die Tränen fließen.

 

 

Die Feiertage rücken näher.

Karfreitag und Ostern.

 

Wie soll das gehen, ohne Kirchgang, ohne Familientreffen?

 

Ich bin aufgeregt, weil ich trotz allem predigen darf an Karfreitag.

Per Livestream.

 

Zur Vorbereitung nehme ich teil an einer Zoom-Konferenz mit anderen aus unserem Kirchenkreis, die auch an Karfreitag predigen oder dafür eine Andacht schreiben werden.

 

Ich bin so froh, als die Gesichter der anderen nach und nach auf meinem Bildschirm auftauchen.

Zum ersten Mal erlebe ich, dass man per Videokonferenz auch miteinander beten kann.

 

Der vorgeschlagene Predigttext steht in 2. Korinther 5, ab Vers 19:

 

„In Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er das Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt.

Wir treten also anstelle von Christus auf.

Es ist als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt.

So bitten wir nun anstelle von Christus:

Lasst Euch mit Gott versöhnen!“

 

Versöhnung.

 

Wir sprechen darüber, was für ein großes Wort das ist.

 

Was Versöhnung für uns bedeutet.

 

Wir sprechen darüber, dass Versöhnung ein Weg ist.

 

Der damit beginnt, dass Gott uns die Schuld vergibt und dass wir seine Vergebung annehmen.

Dass darauf viele einzelne kleine Schritte folgen.

 

Wir sprechen über den Schritt, der oft der schwierigste ist:  

 

Dass ich lerne, mir selbst zu vergeben.

Mich auszusöhnen mit den Wunden der Vergangenheit.

 

Die gerade jetzt so leicht aufbrechen,

wo wir alle rausgekegelt sind aus unserem gewohnten Alltag.

 

 

Mich aussöhnen mit mir selbst.

 

Das lerne ich in der Coronazeit auch bei „Kaffee und Kunsten“.

Einem Mitmach-Projekt auf Facebook. Angestoßen, vorbereitet und begleitet von einer Gruppe höchst kreativer Pfarrer*innen, von denen mir einige bekannt sind aus der Facebook-Gruppe des Zentrums für Predigtkultur der EKD.

 

Pünktlich um 15 Uhr gibt es bei „Kaffee und Kunsten“ jeden Werktag einen Impuls, sich künstlerisch zu betätigen. Auf vielfältige Weise. Playing-Arts heißt das Konzept. Auf eine feine, leise Weise, kunstvoll versteckt, geht es immer auch um einen geistlichen Aspekt.

 

An Gründonnerstag lautet die Aufgabe, verkürzt zitiert:

 

„Eine Liebestat für deine Füße – Zeige her deine Füße, bereite ihnen ein Seifenbad, wasche deine Füße gründlich, vorsichtig und hingebungsvoll… setze dich danach gemütlich hin, lege die Füße hoch und führe ein Gespräch auf Augenhöhe mit ihnen. Was haben dir deine Füße zu erzählen? Und was du ihnen? …“

 

Erst am Abend komme ich dazu, mir auch ein Fußbad zu richten. Ohne dass ich Zeit hätte, selbst noch etwas zu posten über meine Erfahrung beim Füße waschen.

 

Andere haben schon Worte gefunden, die passen, auch für mich.

 

Eine schreibt über die, denen sie eigentlich die Füße waschen müsste (oder meint sie vielleicht eher den Kopf? Weil sie ihnen noch etwas zu vergeben hat. Sie schreibt auch über die, ihr etwas zu vergeben hätten. Dann schließt sie:

 

„Wem ich heute, Gründonnerstag 2020 die Füße gewaschen habe: Mir selbst. Und ich vergebe mir meine Ungeduld. Meine Strenge. Ich vergebe mir meine fehlende Leichtigkeit. Meine übergroßen Gefühle. Meine Verstrickungen. Ich vergebe mir, dass ich manches Alte immer noch nicht vergeben kann. Dass ich feststecke in mir. Vergib auch du mir. Vergib auch du mir, Jesus. Und mache mich frei. Amen[i].“

 

Musik

 

Corona  - eine Strafe Gottes?  

„Da soll der Menschheit doch etwas gesagt werden“, meint meine Mutter, als wir über Corona sprechen.

Auch mein Mann, ein ausgesprochen rationaler Mensch, der wahrlich nicht zum Spekulieren neigt, lässt beim Frühstück die Zeitung sinken, und sinniert darüber, dass man, was Corona betrifft tatsächlich meinen könne, da sei da eine unsichtbare Hand im Spiel.

„Überleg doch mal“, sagt er: „Alles, was nichts taugt, alle möglichen Sachen, von denen lange bekannt ist, dass sie umweltschädlich sind, überflüssig oder sonstwie moralisch fragwürdig.

All diese Dinge werden auf einmal zu einem zusätzlichen Riesenproblem.

Der Karneval, Kreuzfahrten, der Ski-Tourismus, die viele Fliegerei.

Die globalisierte Massenproduktion, 

all das befeuert diese Pandemie.

Man könnte fast meinen, das wäre eine Sintflut 2.o.“

 

Wir Menschen wollen verstehen. Wir wollen begreifen, warum etwas geschieht. Wir suchen nach Erklärungen, nach Mustern. Gerade wenn wir in eine Situation geraten, die wie die Corona-Pandemie neu für uns ist und übersichtlich.

Wir Menschen streben nach Sinn, wir denken darüber nach, was die tiefere Bedeutung ist von dem, was wir erleben. Und wie wir darauf reagieren wollen.  

Welchen Sinn könnte Corona haben?

Wie erkläre ich mir das, was gerade geschieht?

 

Ich glaube zum Beispiel nicht, dass Corona eine Strafe Gottes ist.

In der Fußgängerzone in Siegen hätten irgendwelche Eiferer Flugblätter verteilt in denen das behauptet worden sei, höre ich.

Und in IDEA, dem berühmt-berüchtigten evangelikalen Meinungs- und Nachrichtenblatt lese ich, warum der Leiter einer sogenannten "bibeltreuen Ausbildungsstätte“ Corona auch für eine Strafe Gottes hält. Mich überzeugt seine Argumentation nicht.  

Ich glaube nicht, nicht mehr, an einen Gott, der in sicherer Distanz zu uns irgendwo hoch oben in seinem Himmel sitzt und der irgendwann, wenn das Maß mal wieder voll ist, auf den roten Knopf drückt. Um ein Strafgericht in Gang zu setzen. Das unterschiedslos alle trifft. Die Übeltäter ebenso wie die, die unter den bösen Taten der anderen sowieso schon genug zu leiden haben.

Der Gott, an den ich glaube ist der Gott Israels.

Ich glaube an den,

dessen Stimme zu hören war in der Wüste

aus dem brennenden Dornbusch:

 

Ich bin der ich bin.

Ich werde sein, der ich sein werde.

Ich bin da – für Euch[ii].

 

Ich glaube, daran, dass Gott, seinen Namen,

sein „ich bin da – für euch“,

in besonderer Weise erfahrbar gemacht hat

in dem Menschen Jesus von Nazareth.

 

Ich verlasse mich darauf,

dass Gott deshalb sehr gut weiß,

was es heißt, ein Mensch zu sein.

Jemand, gerne lebt und lacht.

Isst und trinkt.

 

Ich verlasse mich darauf, dass Gott weiß,

was es heißt ein Mensch zu sein,

verletzlich, gefährdet und wenn es richtig eng wird,

voller Angst vor dem Tod.  

 

Ich glaube, dass Gott mit und durch Jesus

alles getan hat, was getan werden musste,

um uns,

dich und mich,

ja die ganze Schöpfung 

zu befreien.

Aus der Sklaverei der Sünde und des Todes.

 

 „Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten,

durch seine Wunden sind wir geheilt“,

heißt es in Jesaja 53, 5.

Darauf vertraue ich.

Deshalb glaube ich nicht, dass Corona eine Strafe Gottes ist.

 

Was ich allerdings glaube ist,

dass alles, was geschieht mit Gott zu tun hat.

Auch jetzt, in der Coronazeit.

 

Dietrich Bonhoeffer schreibt aus dem Gefängnis an seinen Freund Eberhard Bethge: „Es ist zwar nicht alles, was geschieht, „Gottes Wille“, aber es geschieht schließlich doch nichts „ohne Gottes Willen“ (Matth. 10, 29), d.h. es gibt durch jedes Ereignis, und sei es noch so unglücklich, hindurch einen Zugang zu Gott[iii].


Ich verstehe Corona vor allem als einen Weckruf.

Als eine riesengroße Chance zur Umkehr.

 

Ich finde, mein Mann hat Recht.

Auch wenn ich mir, wenn es um den Karneval geht,

nicht sicher bin, ob er da als Siegerländer nicht vielleicht doch ein bisschen zu streng ist.

 

Aber alles andere, das mein Mann aufgezählt hat und was jetzt durch Corona in die Schlagzeilen gerät, gehört unzweifelhaft zu den Ursachen der drohenden Klimakatastrophe oder beschleunigt sie zumindest:

Die vielen Flüge,

der moderne Massentourismus, bei dem zuletzt jedes Maß verloren gegangen ist, unser überbordender Konsum,

unsere Ignoranz,

wenn es um das Thema Landraub, Ausbeutung und Massentierhaltung geht.  

 

Corona deckt außerdem die Schwächen unseres Gesundheitssystems auf.

In den letzten Jahrzehnten ist es systematisch auf Profit hin orientiert worden.

 

Jetzt in der Krise zeigt sich,

dass es auf nichts anderes ankommt,

als darum kranken Menschen zu helfen

und um eine gute Daseinsvorsorge.

 

Corona öffnet uns die Augen.

Für die Ungerechtigkeiten in unserem Bildungssystem.

Für die Mängel in der Versorgung von alten und pflegebedürftigen Menschen.   

 

Von der ganzen Hetzerei, den vielen Terminen, dem „Schneller-höher-weiter“, das auch unsere kirchlichen, unsere frommen Organisationen voll mitgemacht haben – will ich gar nicht erst anfangen.

Wie viele haben irgendwann nicht mehr mithalten können, sind erschöpft zusammengeklappt?

Burnout, Depression, Ehen die unter dem ständigen Druck zerbrochen sind.

Kinder, die vor allem als Betreuungsproblem wahrgenommen wurden.

 

Wir haben das alles gewusst.

Es war alles bekannt.

Aber wir haben es laufen lassen.

 

Und jetzt, in der Coronazeit, da fallen uns all die Dinge auf die Füße.

 

 

 „Ihr seid vollkommen naiv“

haben die jungen Leute von „Fridays for Future“ zu hören bekommen, vor Corona.

Als sie gefordert haben, dass die Erkenntnisse der Naturwissenschaft in Sachen Klima endlich ernstgenommen werden müssen.

 „Es muss doch rund laufen,

was ihr verlangt, ist utopisch,

schlicht nicht durchführbar“.

 

Aber jetzt, ausgelöst durch dieses miese kleine Virus,

da lernen wir endlich, die Warnungen von Wissenschaftlern ernst zu nehmen!

 

Die Flugzeuge bleiben auf dem Boden.

Und die Kreuzfahrtschiffe im Hafen.

 

Das Wasser in der Lagune von Venedig ist so klar und rein wie schon lange nicht mehr. 

Der Smog über den Großstädten Asiens löst sich auf.

Ihre Bewohner atmen auf und bestaunen den blauen Himmel und die weißen Wolken.

 

Trotz allem was furchtbar und schrecklich ist,

an Corona.

Wir bekommen eine Auszeit verordnet.

In der wir lernen, was wirklich kostbar ist:

 

Das Leben.

Die Gesundheit.

Unsere Familie.

Freunde.

Zusammenhalt.

Solidarität mit denen, die es schwerer haben als wir selbst

 

 

Ich glaube, dass es Gott uns diese Krise zumutet.

Dass er zulässt, dass wir die Folgen unseres Tuns zu spüren bekommen.

 

In einem Passionslied singen wir[iv]:

„Streng ist seine Güte.

Gnädig sein Gericht“.

 

Ich glaube, dass diese Krise auch eine gnädige Seite hat.

Weil wir die Chance bekommen, uns neu zu besinnen.

 

Und von Gott zu lernen,

der sich nicht zu schade dafür war, selbst umzukehren,

und sich sein Handeln gereuen zu lassen,

wie wir in der Noah-Geschichte nachlesen können.

 

Ich glaube, Gott schenkt uns gerade eine unfassbar wertvolle Chance, umzukehren.
Verspielen wir diese Chance oder nutzen wir sie?

 

David betet in Psalm 51:

„Schaffe in mir Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist.

Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe und mit einem willigen Geist rüste mich aus.“

 Psalm 51, 12 - 14

 

Musik

 

 

Das Jesus-Normal  

 

Es ist immer dieselbe Runde.

 

über die Wiesen und durch den Wald.

Seit beinahe 30 Jahren

 

 

Anfangs hatte ich oft die Kinder im Schlepptau.

Später den Hund.

 

Meist bin ich hier allein unterwegs,

abends manchmal auch zu zweit.

 

Hier kenne ich jeden Baum und jeden Strauch.

Ich weiß genau,

wie es hier aussieht,

wie es hier riecht

und was man wann hören kann

im Frühling, im Sommer, im Herbst und im Winter.

 

Es ist immer derselbe Weg,

aber er ist ständig im Wandel.

 

In der Coronazeit gehe ich diesen Weg noch viel öfter als sonst

 

Und manchmal, da schwinge ich mich auf Rad.
Wenn mir die Decke auf den Kopf fällt,

wenn wir alles zu viel wird.

 

Dieser Weg wird mir in den Tagen der Krise zum Zufluchtsort.

Zum HaMakom,

Wie es auf Hebräisch heißt.

Zum Ort Gottes.

 

Hier draußen,

wo der Frühling regiert

und nicht das Virus.

Wo ich keine Maske tragen muss,

hier draußen

fühle ich mich frei.

 

Hier werde ich getröstet

und erfreut.

 

Ich kenne auf diesen Weg

jeden Baum und jeden Strauch.

 

Dachte ich zumindest.

 

Und entdecke doch erst jetzt,

in der Krise,

als wäre es zum allerersten Mal

das Grün der Kräuter am Boden.

 

Brennnesseln,

Knoblauchrauke,

Gundermann,

Labkraut,

Löwenzahn,

Giersch,

Breitwegerich

Vogelmiere

 

 

 

Als wir uns das letzte Mal getroffen haben im Hebräischkurs haben wir Psalm 23 übersetzt.  

„Adonai ist mein Hirte,

mir mangelts nicht.

Auf grünen Grastriften lagert er mich.

Zu Wassern der Ruh führt er mich.

Die Seele bringt er mir zurück“.

 

Das zarte frühlingsfrische Grün der Kräuter

 

Ich pflücke es,

nehme es mit nach Hause.

 

Ich informiere mich,

lerne die Kräuter besser kennen,

werde nach und nach mutiger.

 

Ich koche Mus aus den Kräutern,

Suppe, Lasagne, Bratlinge

es schmeckt uns hervorragend!

 

Wie großzügig streut Gott seine grünen Gaben aus!

 

Ohne  bezahlen zu müssen,

kostenlos,

gratis,

darf ich mitnehmen,

so viel ich brauche.

 

Es ist genug da - für alle.

 

Ich muss mich nur bücken,

darf einfach ernten von dem,

was ich nicht gesät habe.

Rasch ist mein Beutel gefüllt.

 

Dankbar trete ich meinen Rückweg an.

 

Wenn ich an den Lockdown denken,

dann denke ich auch an diese wunderbaren grünen Geschenke.

 

Ich spüre, wie mich diese Zeit verwandelt hat

Und immer noch verwandelt.

 

Nein, ich will nicht wieder zurück zu Normal.

 

Weil unser Normal von vorher nicht normal ist.

 

Normal, das heißt, ja so viel wie „Maßstab“.

An dem, was vorher war, möchte ich auf jeden Fall nicht mehr Maß nehmen.

 

Nein, ich weiß auch nicht,

wie es weiter gehen wird.

Mit Corona und uns allen.

 

Und ich bin beileibe nicht ohne Sorge,

vor allem nicht,

wenn ich an den Herbst denke

und an den Winter.

 

Wenn wir Leute einfallen, die ihre Arbeit verloren haben

Oder vielleicht noch verlieren werden.

 

Ich bin mir außerdem sicher,

dass das alles auch die Kirche verändern wird,

und das nicht nur im positiven Sinne.

 

Was ich aber vor allem weiß,

und woran ich Maß nehmen möchte,

mehr als zuvor

das ist das,  

was Jesus gesagt hat.

Oben auf dem Berg.

 

Das soll mein neues Normal werden.

 

Hört, was Jesus gesagt hat,

vielleicht macht das auch Euch Lust,

bewusster und intensiver als zuvor

Maß zu nehmen an seinem Normal.

 

Dem Jesus-Normal:

 

 

Darum sage ich euch:

Macht euch keine Sorgen

um euer Leben –

was ihr essen oder trinken sollt.

Oder um euren Körper –

was ihr anziehen sollt.

Ist das Leben nicht mehr als Essen und Trinken?

Und ist der Körper nicht mehr als Kleidung?

Seht euch die Vögel an!

Sie säen nicht,

sie ernten nicht,

sie sammeln keine Vorräte in Scheunen:

Und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.

 

Seid ihr nicht viel mehr wert als sie?

Wer von euch kann dadurch,

dass er sich Sorgen macht,

sein Leben nur um eine Stunde verlängern?

Und warum macht ihr euch Sorgen,

was ihr anzieht?

Seht euch die Wiesenblumen an:

Sie wachsen,

ohne zu arbeiten

und ohne sich Kleider zu machen.

Ich sage euch:

Nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit

war so schön gekleidet wie eine von ihnen.

Gott macht die Wiesenblumen so schön.

Und dabei gehen sie an einem Tag auf

und werden am nächsten Tag im Backofen verbrannt.

Darum wird er sich noch viel mehr um euch kümmern.

Ihr habt zu wenig Vertrauen!

Macht euch also keine Sorgen!

Fragt euch nicht:

Was sollen wir essen?

Was sollen wir trinken?

Was sollen wir anziehen?

Um all diese Dinge

dreht sich das Leben der Heiden.

Euer himmlischer Vater weiß doch,

dass ihr das alles braucht.

Strebt vor allem anderen

nach seinem Reich

und nach seinem Willen –

dann wird Gott euch auch das alles schenken.

 

Matthäus 6, 25 - 33:

 

Musik

 



[i] Birgit Mattausch, Kaffee und Kunsten vom 9. April 2020   https://frauauge.blogspot.com/2020/04/johannes-13.html

[ii] 2. Mose 3, 1 ff

[iii] Bonhoeffer, Dietrich: Wiederstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichungen aus der Haft. Herausgegeben von Eberhard Bethge, Gütersloh, 1983, 12. Auflage, S. 92

[iv] Jürgen Henkys nach einem Niederländischen Passionslied, EG 97