Predigt anlässlich meiner Einführung als Referentin für Erwachsenenbildung im
Ev. Kirchenkreis Siegen
Ev. Kirchenkreis Siegen
Ev. Kirche Wilnsdorf / 10. Sonntag nach Trinitatis / 24. August 2014
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.
Liebe Gemeinde,
Ein
Wochenendseminar im Februar, veranstaltet von einer Gemeinde unseres
Kirchenkreises. Das Wetter war scheußlich, die Stimmung bestens:
95
Teilnehmer - alle Generationen mit dabei: Vom Baby bis zur Großmutter.
Wuselig
ging`s zu und laut bisweilen, aber es gab auch die leisen und nachdenklichen
Momente. Kurzum: Gemeinde live und in Farbe!
Ich
war eingeladen, als Referentin mit dabei zu sein. Einen schöneren Auftakt für
meine neue Aufgabe hätte ich mir wohl kaum wünschen können!
Das
Thema für das Wochenende hatte der
Mitarbeiterkreis wie folgt formuliert:
„Beziehungsweise
leben“ - Ist Geben wirklich immer seliger als Nehmen?“
Um
die ehrenamtliche Mitarbeit in der Gemeinde sollte es gehen: Um das Gute
daran, aber auch um die Grenzen. Während die Kinder ihr eigenes Programm
absolvierten, haben wir Erwachsene intensiv nachgedacht und diskutiert:
Wie
kann das gelingen: Der hohen Verantwortung im Presbyterium gerecht werden? Engagiert
dabei sein: Im Team der Kinderbibelwoche, im Frauenkreis, im Chor: Verlässlich,
mit ganzem Herzen, ohne dass die Familie, der Beruf und anderes, was einem
wichtig ist, zu kurz kommen?
Und
wenn es am Ende dann doch zu viel geworden ist? Wie macht man das eigentlich: Sich abgrenzen, das
eigene Engagement wieder zurückfahren? Zumal dann ja gleich die Frage im Raum
steht: Müssen jetzt andere die Zähne umso fester zusammen beißen? Schließlich
muss die Arbeit ja irgendwie weiter gehen, oder?
Wir
haben festgestellt: Gerade jetzt, wo so vieles im Umbruch ist in unseren
Gemeinden, da geraten wir schnell an den Rand unserer Möglichkeiten. Jede und
jeder für sich, aber letztlich auch die Gemeinde insgesamt.
Wir
haben uns darum mit verschiedenen Lösungsansätzen beschäftigt. Zum Beispiel:
·
mit persönlichem Zeitmanagement
·
mit Methoden, die helfen, die eigenen Bedürfnisse und die der anderen in
einer guten Balance zu halten
·
mit neuen Ideen zum Thema "geistliches Leben im Alltag.
Ich
weiß nicht, was den anderen, die an diesem Wochenende dabei waren, in
Erinnerung geblieben ist von den vielen Impulsen und Diskussionsbeiträgen.
Bei
mir ist es ein Lied vor allem. Ein Popsong. Eigentlich nicht meine Musik. Schon
gar nicht, wenn sie regelrecht countrymäßig daher kommt! Aber so ist das eben manchmal!
Der
Titel des Liedes lautet: „Thrive“, und das bedeutet „Aufblühen“ oder
„Gedeihen“.
Einer
der Gemeindepfarrer hatte diesen Song auf einer CD mitgebracht und am ersten
Abend dazu eine Andacht gestaltet. Überraschender Weise, das war so gar nicht
beabsichtigt, entpuppte sich „Thrive“ zu so etwas wie dem Herzstück des
Wochenendes. Und das lag ganz sicher nicht nur an der Melodie, obwohl sie
durchaus Ohrwurmpotential hat. (Song "Thrive" derband "Casting Crowns" https://www.castingcrowns.com/music/lyrics/thrive leise einspielen, dann
wieder ausblenden).
Immer
wieder lief der Song und nach und nach gelang es manchen sogar mitzusingen: Es
waren wohl auch die Worte, die gepasst haben:
Frei
übersetzt heißt es z.B. in einer Passage: „Wir
sind für so viel mehr geschaffen als nur für ein mittelmäßiges Leben. Es genügt
nicht, einfach nur irgendwie zu überleben. Wir sind geschaffen, um zu grünen
und zu blühen, um Frucht zu bringen, wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist“.
(Lied
ausblenden lassen)
"Like
a tree, planted by the Water": Ja, dieser Song ist eine Nachdichtung von
Psalm 1.
Und
darum war für mich klar, als ich einen Predigttext für den heutigen
Gottesdienst auswählen durfte: Psalm 1, der soll es sein!
Hören
wir nun also Psalm 1:
Wohl dem, der nicht wandelt
im Rat der Gottlosen,
noch tritt auf den Weg der
Sünder
noch sitzt wo die Spötter
sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz
des HERRN
und sinnt über seinem
Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum,
gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu
seiner Zeit,
und seine Blätter verwelken
nicht.
Und was er macht, das gerät
wohl.
Aber so sind die Gottlosen
nicht, sondern wie Spreu,
die der Wind verstreut.
Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht, noch die Sünder in der Gemeinde
der Gerechten. Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen
Weg vergeht.
Das
Original, finde ich, klingt kantiger als die Nachdichtung. Weniger gefällig.
Das
schöne harmonische Bild vom grünenden Baum am Wasser scheint irgendwie nicht so
recht zu passen zur übrigen Szenerie. Geradezu holzschnittartig wirkt das
Ganze:
Hier
die Gerechten, da die Gottlosen.
Hier
das blühende Leben: Frisches grünes Laub, köstliche Früchte –
und
dort: Nichts als Spreu, lästige Verpackung des Eigentlichen, ein Abfallprodukt,
bloß weg damit!
Bei
uns wissen das nur noch die Älteren, die früher mithelfen mussten in der
Landwirtschaft, wie lästig Spreu sein kann: Diese kleinen nervigen Pieksdinger,
die einem beim Dreschen um die Ohren fliegen!
Korn
oder Spreu.
Gut
oder schlecht.
Top
oder Flop.
Zu
der Zeit, als dieser Psalm entstanden ist, mag diese kategorische Einteilung
pädagogisch üblich gewesen sein. Uns heute dagegen kommt das eher verdächtig
vor:
"Das
ist doch Schwarz-weiß-Malerei!" sagen wir manchmal, um ein Argument
abzuwerten.
Wer
als gebildet betrachtet werden möchte, tut gut daran, auch die Zwischentöne zu
benennen, die Dinge, wie wir so schön sagen "differenziert darzustellen".
Wenn
wir Evangelische Erwachsenenbildung betreiben, dann ist das ja geradezu ein
Markenzeichen, dass wir eben keine vorgefertigten Schubladen anbieten wollen. Wir
mühen uns darum, in unseren Veranstaltungen und Seminaren ein Lernklima zu
ermöglichen, dass geprägt ist von
Offenheit und Toleranz. Unser Ziel ist die kritische Aneignung und nicht die
bedenkenlose Übernahme von "gut" oder "schlecht".
Und
doch, gerade dann, wenn wir uns Zeit nehmen für ein Thema, wenn wir genauer
hinschauen und sorgfältig abwägen: Dann wird klar: Nicht alles ist gleich-gültig.
Das
Leben kann gelingen. Aufblühen wie ein Baum, Früchte tragen, anderen
wohltuenden Schatten spenden.
Aber
das Leben kann auch misslingen. Verwelken. Verdorren.
Es gibt Wege, die versanden im Nirgendwo.
Manches,
was auf den ersten Blick erstrebenswert erscheint, verflüchtigt sich, kann
nicht standhalten, wenn es hart auf hart kommt. So wie bei den Spelzen des
Getreides die wegfliegen, wenn gedroschen wird.
„Halte Dich an das Gesetz
Gottes, wenn Du willst, dass dein Leben gelingt“, empfiehlt uns Psalm 1.
„Grab deine Wurzeln tief
ein: Nahe an dieser einzigartigen Kraftquelle und Dein Lebensbaum wird aufblühen, grünen, gedeihen
und Frucht bringen“.
Eine
verlockende Perspektive.
Und
doch: So einfach ist das ja nun auch wieder nicht: Sich gründen im Wort Gottes.
Gerade
hier im Siegerland wissen wir das nur allzu gut. Viele von uns haben ja so ihre
ganz eigenen Erfahrungen damit, wie das ist: Wenn haarklein - glasklar - Ende
der Diskussion – ein für alle Mal -vorgegeben wird, wie Gottes Wort denn nun zu
verstehen ist.
Da
wird der Rahmen eng gesteckt. So eng
bisweilen, dass das Leben zu verkümmern oder gar zu ersterben droht.
Aber, machen wir uns nichts
vor: Diese Enge, diesen Tunnelblick, diese allzu sichere Gewissheit, den einen
wahren Schlüssel zum Verständnis der Heiligen Schrift in der Hand zu halten,
den gibt es durchaus auch dort, wo man sich liberal gibt und aufgeklärt.
Andere in ein schlechtes
Licht rücken, weil sie die Bibel angeblich falsch verstehen, mein eigenes
Verständnis für das Überlegene halten:
Ich muss zugeben: Das ist
eine Falle, in die ich selbst immer wieder gerne hineintappe!
Wohl dem, der nicht wandelt
im Rat der Gottlosen,
noch tritt auf den Weg der
Sünder
noch sitzt wo die Spötter
sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz
des HERRN
und sinnt über seinem
Gesetz Tag und Nacht!
Mit
Psalm 1 betreten wir eine poetische Landschaft,
die wenig Ähnlichkeit hat mit unserer abendländischen Dichtkunst.
Dieses
biblische Buch, der Psalter, enthält 150 Lieder und Gebete des Volkes Israels.
Später entwickelte sich der Psalter auch zum Gebetbuch der Kirche.
Aus
fünf einzelnen Bänden besteht der Psalter. Und das scheint bewusst so angelegt
zu sein. Fünf einzelne Bände, genau wie es bei der Tora der Fall ist, den fünf Büchern Mose.
In
der Tora spricht Gott. Er offenbart seinen Willen.
Gott
streckt seine Hand aus und bietet den Menschen seinen Bund an.
Trotz
allem, was schief gelaufen ist auf menschlicher Seite soll die Verbindung
zwischen Himmel und Erde wieder hergestellt werden.
Das
ist die Geschichte, die in den fünf Büchern der Tora erzählt wird.
Die
fünf Bücher der Psalmen können wir als eine Art Antwort verstehen. Gott hat
gesprochen. Und seine Leute antworten ihm mit den Psalmen.
Dieser
Gedanke hat etwas Wundersames an sich: Denn diese menschliche Antwort, die Psalmen, sind ja
andererseits selbst wiederum ein Teil der Bibel und damit Wort Gottes.
Die
Psalmen weisen uns darauf hin: Gott in rechter Weise zu antworten, das gelingt
uns Menschen nicht aus uns selbst heraus, Gott selbst ist es, der das Gespräch
in Gang bringt.
Die
Psalmen sind dabei vielstimmig. Es gibt offenbar nicht die eine Antwort, die
immer und für alle passt.
Das
Spektrum reicht von Dur bis Moll: Alle erdenklichen Schattierungen menschlicher
Gefühle und Empfindungen kommen vor.
Nichts
muss verdrängt oder geleugnet werden. Die überschäumende Freude nicht, ebenso
wenig wie abgrundtiefe Trauer oder finstere Rachegelüste.
Alles
hat seinen Platz und seine Zeit.
In
all ihrer Unterschiedlichkeit weisen die Psalmen dabei eine gemeinsame
Grundstruktur auf:
Immer
zwei Zeilen gehören zusammen. Sie sagen beinahe das Gleiche, aber nicht ganz.
Darum werden und wurden die Psalmen häufig auch im Wechsel gesungen oder
gesprochen.
Auf
diese Weise wird hörbar: Erst die unterschiedlichen Stimmen ergeben ein
harmonisches Ganzes.
Eine
meditative Grundhaltung wird eingeübt: Ein
Gedanke wird sozusagen umkreist, der Blick verändert sich, bekommt
Tiefenschärfe.
Und
doch bleibt irgendwie immer eine Lücke:
Mag
es auch noch so viele Worte und Begriffe geben: Die menschliche Sprache in
ihrer ganzen Schönheit und Komplexität, sie bleibt begrenzt.
Auch
da, wo Gott sich ihrer bedient, um mit uns in Kontakt zu
treten.
Aber
Gott riskiert es, dass wir ihn missverstehen.
So
groß ist seine Liebe.
So
groß ist diese Liebe, dass er schließlich ein noch viel größeres Wagnis
eingegangen ist. Auch davon erzählt die Bibel. Zu Beginn des
Johannesevangeliums heißt es:
"Und das Wort wurde
ein Mensch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit".
Gott
Wort hat ein Gesicht bekommen: In dem Menschen Jesus von Nazareth.
An
seinem Beispiel strahlt auf, wie das konkret aussehen kann: Nach Gottes Willen
leben, ja: „Lust haben an seine Weisungen“.
Denn
Jesus war ein Mensch, auf den das zugetroffen hat - ohne jede Einschränkung:
Er
war tatsächlich "wie ein Baum,
der am Wasser gepflanzt ist".
Wenn
Jesus predigte, dann erwachten die alten Worte zu neuem Leben:
·
Gerechtigkeit
·
Freiheit
·
Ehrfurcht vor dem Leben,
·
„selig sind die
Friedfertigen - sagte er und:
·
„betet für eure Feinde“,
·
„ihr könnt nicht Gott
lieben und zugleich das Geld“…
Die
einen, die Jesus hören, sind entsetzt.
Sie
wenden sich ab.
Wer
will, dass alles so bleibt wie es ist, sollte sich besser fernhalten von Jesus.
Die
anderen aber,
·
die Verkümmerten
·
die Gescheiterten und von anderen längst Abgeschriebenen
·
die mit dem durstigen Herzen,
·
alle, die nicht bereit sind, sich zu arrangieren mit Unrecht und Leid
-
sie finden bei Jesus, wonach sie sich schon so lange gesehnt haben.
"Kommt her zu mir,
alle, die ihr Euch abmüht mit eurem Leben", sagt er:
"Kommt her zu mir und
lernt von mir" (Matth. 11, 28).
„Lernt von mir“: Diese Aufforderung hat für
uns heute Abend einen besonderen Klang. Weil sie sich verbindet mit den Worten
von Psalm 1.
Und
weil sie uns eine Idee davon gibt, was das konkret heißen kann:
Wenn
wir Erwachsenenbildung betreiben, wenn wir zusammen lernen und arbeiten im
Kirchenkreis und in unseren Gemeinden.
Es
kann für uns heißen - ich wünsche es uns jedenfalls:
·
dass wir die Bibel zu Rate ziehen, wenn wir uns auseinandersetzen mit
gesellschaftlichen und politischen Fragen
·
dass wir sie ins Gespräch bringen, nicht nur in der Kirche, weil diese
Welt nichts dringender braucht als Gottes zurechtbringendes und heilsames Wort.
·
Dass wir die Bibel gründlich lesen, sie analysieren, mit Lust und Neugier,
auch wenn wir dabei nicht immer einer Meinung sein werden.
·
Dass wir die alten Worte in unseren Herzen bewegen, dass wir sie
meditieren und uns von ihnen trösten und ermahnen lassen, dass sie uns leiten in unserem Ringen um einen guten Weg.
Und
vor allem, das ist ganz wichtig, das dürfen wir niemals vergessen:
Wir
sind dazu geschaffen und berufen, zu grünen und zu blühen und Frucht zu
bringen, so „wie ein Baum der am Wasser gepflanzt ist“.
Und der Friede Gottes, der
höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus
Christus, unserem Herrn. Amen.
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Wer den Bericht über den Einführungsgottesdienst auf der Homepage des Kirchenkreises gerne nachlesen möchte: Einfach auf das Foto klicken!
Auf dem Foto (von links nach rechts): Pfr. Kuno Klinkenborg (Amt für missionarische Dienste der Westfälischen Landeskirche), Pfr. Dr. Christoph Burba (Ev. Ref. Kirchengemeinde Niederschelden, Synodaler Ausschuss für Erwachsenenbildung, Heike Dreisbach, Superintendent Pfr. Peter-Thomas Stuberg, Pfrn. Mirjam Ellermann (Ev. Ref. Kirchengemeinde Rödgen-Wilnsdorf), Volker Gürke (Diakon, Diakonie in Südwestfalen).

