Donnerstag, 28. August 2014

"Wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen..." Predigt über Psalm 1

Predigt anlässlich meiner Einführung als Referentin für Erwachsenenbildung im 
Ev. Kirchenkreis Siegen

Ev. Kirche Wilnsdorf / 10. Sonntag nach Trinitatis / 24. August 2014









Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

Liebe Gemeinde,

Ein Wochenendseminar im Februar, veranstaltet von einer Gemeinde unseres Kirchenkreises. Das Wetter war scheußlich, die Stimmung bestens:
95 Teilnehmer - alle Generationen mit dabei: Vom Baby bis zur Großmutter.

Wuselig ging`s zu und laut bisweilen, aber es gab auch die leisen und nachdenklichen Momente. Kurzum: Gemeinde live und in Farbe!

Ich war eingeladen, als Referentin mit dabei zu sein. Einen schöneren Auftakt für meine neue Aufgabe hätte ich mir wohl kaum wünschen können!

Das Thema für das Wochenende  hatte der Mitarbeiterkreis wie folgt formuliert:

„Beziehungsweise leben“ - Ist Geben wirklich immer seliger als Nehmen?“

Um die ehrenamtliche Mitarbeit in der Gemeinde sollte es gehen: Um das Gute daran, aber auch um die Grenzen. Während die Kinder ihr eigenes Programm absolvierten, haben wir Erwachsene intensiv nachgedacht und diskutiert:

Wie kann das gelingen: Der hohen Verantwortung im Presbyterium gerecht werden? Engagiert dabei sein: Im Team der Kinderbibelwoche, im Frauenkreis, im Chor: Verlässlich, mit ganzem Herzen, ohne dass die Familie, der Beruf und anderes, was einem wichtig ist, zu kurz kommen?

Und wenn es am Ende dann doch zu viel geworden ist? Wie macht  man das eigentlich: Sich abgrenzen, das eigene Engagement wieder zurückfahren? Zumal dann ja gleich die Frage im Raum steht: Müssen jetzt andere die Zähne umso fester zusammen beißen? Schließlich muss die Arbeit ja irgendwie weiter gehen, oder?

Wir haben festgestellt: Gerade jetzt, wo so vieles im Umbruch ist in unseren Gemeinden, da geraten wir schnell an den Rand unserer Möglichkeiten. Jede und jeder für sich, aber letztlich auch die Gemeinde insgesamt.

Wir haben uns darum mit verschiedenen Lösungsansätzen beschäftigt. Zum Beispiel:

·        mit persönlichem Zeitmanagement
·        mit Methoden, die helfen, die eigenen Bedürfnisse und die der anderen in einer guten Balance zu halten
·        mit neuen Ideen zum Thema "geistliches Leben im Alltag.

Ich weiß nicht, was den anderen, die an diesem Wochenende dabei waren, in Erinnerung geblieben ist von den vielen Impulsen und Diskussionsbeiträgen.

Bei mir ist es ein Lied vor allem. Ein Popsong. Eigentlich nicht meine Musik. Schon gar nicht, wenn sie regelrecht countrymäßig daher kommt! Aber so ist das eben manchmal!

Der Titel des Liedes lautet: „Thrive“, und das bedeutet „Aufblühen“ oder „Gedeihen“.

Einer der Gemeindepfarrer hatte diesen Song auf einer CD mitgebracht und am ersten Abend dazu eine Andacht gestaltet. Überraschender Weise, das war so gar nicht beabsichtigt, entpuppte sich „Thrive“ zu so etwas wie dem Herzstück des Wochenendes. Und das lag ganz sicher nicht nur an der Melodie, obwohl sie durchaus Ohrwurmpotential hat. (Song "Thrive" derband "Casting Crowns" https://www.castingcrowns.com/music/lyrics/thrive  leise einspielen, dann wieder ausblenden).

Immer wieder lief der Song und nach und nach gelang es manchen sogar mitzusingen: Es waren wohl auch die Worte, die gepasst haben:

Frei übersetzt heißt es z.B. in einer Passage: „Wir sind für so viel mehr geschaffen als nur für ein mittelmäßiges Leben. Es genügt nicht, einfach nur irgendwie zu überleben. Wir sind geschaffen, um zu grünen und zu blühen, um Frucht zu bringen, wie ein Baum, der am Wasser gepflanzt ist“. (Lied ausblenden lassen)

"Like a tree, planted by the Water": Ja, dieser Song ist eine Nachdichtung von Psalm 1.

Und darum war für mich klar, als ich einen Predigttext für den heutigen Gottesdienst auswählen durfte: Psalm 1, der soll es sein!

Hören wir nun also Psalm 1:

Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen,
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!
Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen,
der seine Frucht bringt zu seiner Zeit,
und seine Blätter verwelken nicht.
Und was er macht, das gerät wohl.
Aber so sind die Gottlosen nicht, sondern wie Spreu,
die der Wind verstreut. Darum bestehen die Gottlosen nicht im Gericht, noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, aber der Gottlosen Weg vergeht.

Das Original, finde ich, klingt kantiger als die Nachdichtung. Weniger gefällig.

Das schöne harmonische Bild vom grünenden Baum am Wasser scheint irgendwie nicht so recht zu passen zur übrigen Szenerie. Geradezu holzschnittartig wirkt das Ganze:

Hier die Gerechten, da die Gottlosen.
Hier das blühende Leben: Frisches grünes Laub, köstliche Früchte –
und dort: Nichts als Spreu, lästige Verpackung des Eigentlichen, ein Abfallprodukt, bloß weg damit!

Bei uns wissen das nur noch die Älteren, die früher mithelfen mussten in der Landwirtschaft, wie lästig Spreu sein kann: Diese kleinen nervigen Pieksdinger, die einem beim Dreschen um die Ohren fliegen!

Korn oder Spreu.
Gut oder schlecht.
Top oder Flop.

Zu der Zeit, als dieser Psalm entstanden ist, mag diese kategorische Einteilung pädagogisch üblich gewesen sein. Uns heute dagegen kommt das eher verdächtig vor:    
"Das ist doch Schwarz-weiß-Malerei!" sagen wir manchmal, um ein Argument abzuwerten.

Wer als gebildet betrachtet werden möchte, tut gut daran, auch die Zwischentöne zu benennen, die Dinge, wie wir so schön sagen "differenziert darzustellen".

Wenn wir Evangelische Erwachsenenbildung betreiben, dann ist das ja geradezu ein Markenzeichen, dass wir eben keine vorgefertigten Schubladen anbieten wollen. Wir mühen uns darum, in unseren Veranstaltungen und Seminaren ein Lernklima zu ermöglichen, dass  geprägt ist von Offenheit und Toleranz. Unser Ziel ist die kritische Aneignung und nicht die bedenkenlose Übernahme von "gut" oder "schlecht".

Und doch, gerade dann, wenn wir uns Zeit nehmen für ein Thema, wenn wir genauer hinschauen und sorgfältig abwägen: Dann wird klar: Nicht alles ist  gleich-gültig.

Das Leben kann gelingen. Aufblühen wie ein Baum, Früchte tragen, anderen wohltuenden Schatten spenden.

Aber das Leben kann auch misslingen. Verwelken. Verdorren.

Es gibt Wege, die versanden im Nirgendwo.

Manches, was auf den ersten Blick erstrebenswert erscheint, verflüchtigt sich, kann nicht standhalten, wenn es hart auf hart kommt. So wie bei den Spelzen des Getreides die wegfliegen, wenn gedroschen wird.

„Halte Dich an das Gesetz Gottes, wenn Du willst, dass dein Leben gelingt“, empfiehlt uns Psalm 1.
„Grab deine Wurzeln tief ein: Nahe an dieser einzigartigen Kraftquelle und  Dein Lebensbaum wird aufblühen, grünen, gedeihen und Frucht bringen“.

Eine verlockende Perspektive.

Und doch: So einfach ist das ja nun auch wieder nicht: Sich gründen im Wort Gottes.

Gerade hier im Siegerland wissen wir das nur allzu gut. Viele von uns haben ja so ihre ganz eigenen Erfahrungen damit, wie das ist: Wenn haarklein - glasklar - Ende der Diskussion – ein für alle Mal -vorgegeben wird, wie Gottes Wort denn nun zu verstehen ist.

Da wird der Rahmen eng gesteckt. So eng bisweilen, dass das Leben zu verkümmern oder gar zu ersterben droht.

Aber, machen wir uns nichts vor: Diese Enge, diesen Tunnelblick, diese allzu sichere Gewissheit, den einen wahren Schlüssel zum Verständnis der Heiligen Schrift in der Hand zu halten, den gibt es durchaus auch dort, wo man sich liberal gibt und aufgeklärt.

Andere in ein schlechtes Licht rücken, weil sie die Bibel angeblich falsch verstehen, mein eigenes Verständnis für das Überlegene halten:
Ich muss zugeben: Das ist eine Falle, in die ich selbst immer wieder gerne hineintappe!  
Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen,
noch tritt auf den Weg der Sünder
noch sitzt wo die Spötter sitzen,
sondern hat Lust am Gesetz des HERRN
und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht!

Mit Psalm 1 betreten wir eine poetische Landschaft, die wenig Ähnlichkeit hat mit unserer abendländischen Dichtkunst.

Dieses biblische Buch, der Psalter, enthält 150 Lieder und Gebete des Volkes Israels. Später entwickelte sich der Psalter auch zum Gebetbuch der Kirche.

Aus fünf einzelnen Bänden besteht der Psalter. Und das scheint bewusst so angelegt zu sein. Fünf einzelne Bände, genau wie es bei der Tora der Fall ist, den fünf Büchern Mose.

In der Tora spricht Gott. Er offenbart seinen Willen.

Gott streckt seine Hand aus und bietet den Menschen seinen Bund an.

Trotz allem, was schief gelaufen ist auf menschlicher Seite soll die Verbindung zwischen Himmel und Erde wieder hergestellt werden.

Das ist die Geschichte, die in den fünf Büchern der Tora erzählt wird.

Die fünf Bücher der Psalmen können wir als eine Art Antwort verstehen. Gott hat gesprochen. Und seine Leute antworten ihm mit den Psalmen.

Dieser Gedanke hat etwas Wundersames an sich: Denn diese menschliche Antwort, die Psalmen, sind ja andererseits selbst wiederum ein Teil der Bibel und damit Wort Gottes.

Die Psalmen weisen uns darauf hin: Gott in rechter Weise zu antworten, das gelingt uns Menschen nicht aus uns selbst heraus, Gott selbst ist es, der das Gespräch in Gang bringt.

Die Psalmen sind dabei vielstimmig. Es gibt offenbar nicht die eine Antwort, die immer und für alle passt.

Das Spektrum reicht von Dur bis Moll: Alle erdenklichen Schattierungen menschlicher Gefühle und Empfindungen kommen vor.

Nichts muss verdrängt oder geleugnet werden. Die überschäumende Freude nicht, ebenso wenig wie abgrundtiefe Trauer oder finstere Rachegelüste.

Alles hat seinen Platz und seine Zeit.

In all ihrer Unterschiedlichkeit weisen die Psalmen dabei eine gemeinsame Grundstruktur auf:

Immer zwei Zeilen gehören zusammen. Sie sagen beinahe das Gleiche, aber nicht ganz. Darum werden und wurden die Psalmen häufig auch im Wechsel gesungen oder gesprochen.

Auf diese Weise wird hörbar: Erst die unterschiedlichen Stimmen ergeben ein harmonisches Ganzes.  

Eine meditative Grundhaltung  wird eingeübt: Ein Gedanke wird sozusagen umkreist, der Blick verändert sich, bekommt Tiefenschärfe.

Und doch bleibt irgendwie immer eine Lücke:

Mag es auch noch so viele Worte und Begriffe geben: Die menschliche Sprache in ihrer ganzen Schönheit und Komplexität, sie bleibt begrenzt.

Auch da, wo Gott sich ihrer bedient, um mit uns in Kontakt zu treten.

Aber Gott riskiert es, dass wir ihn missverstehen. 

So groß ist seine Liebe.

So groß ist diese Liebe, dass er schließlich ein noch viel größeres Wagnis eingegangen ist. Auch davon erzählt die Bibel. Zu Beginn des Johannesevangeliums heißt es:

"Und das Wort wurde ein Mensch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit".

Gott Wort hat ein Gesicht bekommen: In dem Menschen Jesus von Nazareth.

An seinem Beispiel strahlt auf, wie das konkret aussehen kann: Nach Gottes Willen leben, ja: „Lust haben an seine Weisungen“.

Denn Jesus war ein Mensch, auf den das zugetroffen hat - ohne jede Einschränkung:

Er war tatsächlich "wie ein  Baum, der am Wasser gepflanzt ist".

Wenn Jesus predigte, dann erwachten die alten Worte zu neuem Leben:

·        Gerechtigkeit
·        Freiheit
·        Ehrfurcht vor dem Leben,
·        „selig sind die Friedfertigen - sagte er und:
·        „betet für eure Feinde“,
·         „ihr könnt nicht Gott lieben und zugleich das Geld“…

Die einen, die Jesus hören, sind entsetzt.

Sie wenden sich ab.

Wer will, dass alles so bleibt wie es ist, sollte sich besser fernhalten von Jesus.

Die anderen aber,

·        die Verkümmerten
·        die Gescheiterten und von anderen längst Abgeschriebenen
·        die mit dem durstigen Herzen,
·        alle, die nicht bereit sind, sich zu arrangieren mit Unrecht und Leid

-      sie finden bei Jesus, wonach sie sich schon so lange gesehnt haben.  

"Kommt her zu mir, alle, die ihr Euch abmüht mit eurem Leben", sagt er:
"Kommt her zu mir und lernt von mir" (Matth. 11, 28).

„Lernt von mir“: Diese Aufforderung hat für uns heute Abend einen besonderen Klang. Weil sie sich verbindet mit den Worten von Psalm 1.

Und weil sie uns eine Idee davon gibt, was das konkret heißen kann:

Wenn wir Erwachsenenbildung betreiben, wenn wir zusammen lernen und arbeiten im Kirchenkreis und in unseren Gemeinden.

Es kann für uns heißen - ich wünsche es uns jedenfalls:

·        dass wir die Bibel zu Rate ziehen, wenn wir uns auseinandersetzen mit gesellschaftlichen und politischen Fragen
·        dass wir sie ins Gespräch bringen, nicht nur in der Kirche, weil diese Welt nichts dringender braucht als Gottes zurechtbringendes und heilsames Wort.
·        Dass wir die Bibel gründlich lesen, sie analysieren, mit Lust und Neugier, auch wenn wir dabei nicht immer einer Meinung sein werden.
·        Dass wir die alten Worte in unseren Herzen bewegen, dass wir sie meditieren und uns von ihnen trösten und ermahnen lassen, dass sie uns leiten in unserem Ringen um einen guten Weg.  

Und vor allem, das ist ganz wichtig, das dürfen wir niemals vergessen:

Wir sind dazu geschaffen und berufen, zu grünen und zu blühen und Frucht zu bringen, so  „wie ein Baum der am Wasser gepflanzt ist“.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.




________________________________________________________________________________________

Wer den Bericht über den Einführungsgottesdienst auf der Homepage des Kirchenkreises gerne nachlesen möchte: Einfach auf das Foto klicken!


http://www.kirchenkreis-siegen.de/index.php?katid=1&newsid=904&PHPSESSID=bf5480ea53eb3d8c5025d20361bd2966

Auf dem Foto (von links nach rechts): Pfr. Kuno Klinkenborg (Amt für missionarische Dienste der Westfälischen Landeskirche), Pfr. Dr. Christoph Burba (Ev. Ref. Kirchengemeinde Niederschelden, Synodaler Ausschuss für Erwachsenenbildung, Heike Dreisbach, Superintendent Pfr. Peter-Thomas Stuberg, Pfrn. Mirjam Ellermann (Ev. Ref. Kirchengemeinde Rödgen-Wilnsdorf), Volker Gürke (Diakon, Diakonie in Südwestfalen).