Sonntag, 27. November 2022

Herausfordernde Hoffnungspost. Predigt über Offenbarung 3,14-22

1. Advent, Ev. Kirche Wilnsdorf, Ev. Ref. Kirchengemeinde Rödgen-Wilnsdorf


Gnade sein mit Euch und Friede von dem, der da ist und da war und der da kommt. AMEN

Liebe Gemeinde,

Gerade jetzt, wo es lange dunkel ist und kalt – freue ich mich ganz besonders auf meine allererste Tasse Tee früh am Morgen.  

 

Duftende Teeblätter,

Darjeeling Second Flush,

übergossen mit sprudelnd heißem Wasser.

 

Ich liebe es eingemummelt in eine warme Decke

dem Tag beim Heraufdämmern zuzuschauen.

Ich wärme meine Finger an der heißen Teetasse, puste Dampfwölkchen weg und genieße das belebende Getränk. Schluck für Schluck.

 

Aber manchmal kommt es anders, wie das so ist…

Kaum ist mein Tee aufgebrüht,

fällt mein Blick auf etwas, was ich rasch mal eben wegspülen sollte. Und da – oh nein! Meine Oxaliskleepflanze lässt die Blätter hängen! Hoffentlich ist noch was zu retten! Beim Gießen bin ich etwas zu schwungvoll. Ein Lappen muss her. - Haben wir eigentlich noch genug Brot?  

 

Mein Tee! Den habe ich jetzt glatt vergessen!

Rasch nehme ich den Filter raus. Ich fühle es gleich:  

 

Lauwarm! So ein Mist!

 

Von einer lauwarmen Enttäuschung handelt auch unser Predigttext für heute. Wir hören die Verse 14 bis 22 aus dem 3. Kapitel der Offenbarung des Johannes.

 

Lesung durch Lektor (mit Handmikro von der Bank aus, also aus dem "Off"): Offenbarung 3, 14-22

 

14»Schreib an den Boten[1] der Gemeinde in Laodizea: ›So spricht der, der das Amen ist, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang von Gottes Schöpfung:

15 Ich kenne deine Taten. Du bist weder kalt noch heiß. Ach, wärst du doch kalt oder heiß!

16 Doch du bist lauwarm, weder heiß noch kalt. Darum will ich dich aus meinem Mund ausspucken.

17 Du sagst: Ich bin reich, habe alles im Überfluss und mir fehlt es an nichts. Dabei weißt du gar nicht, wie unglücklich du eigentlich bist, bedauernswert, arm, blind und nackt.

18 Ich gebe dir einen Rat: Kauf Gold von mir, das im Feuer gereinigt wurde. Dann bist du wirklich reich! Und kauf weiße Kleider, damit du etwas anzuziehen hast. Sonst stehst du nackt da und musst dich schämen! Kauf außerdem Salbe und streich sie auf deine Augen. Denn du sollst klar sehen können!

19 Alle, die ich liebe, weise ich zurecht und erziehe sie streng. Mach also Ernst und ändere dich.

20 Hör doch! Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten. Ich werde mit ihm das Mahl einnehmen und er mit mir.

 

21 Wer siegreich ist und standhaft im Glauben, der soll neben mir auf meinem Thron sitzen –so wie auch ich den Sieg errungen habe und neben meinem Vater auf seinem Thron sitze.‹

22 Wer ein Ohr dafür hat, soll gut zuhören, was der Geist Gottes den Gemeinden sagt!«

 

 

Ein Brief – direkt aus dem Himmel.

Harsche Kritik ohne das allerkleinste bisschen Anerkennung. Eine Drohung gar. Ein Gerichtswort.

 „Ich will dich aus meinem Mund ausspucken.“

Mag sein, ich habe als Kind zu viele Gruselpredigten über die Offenbarung gehört. Aber wenn ich das lese, bekommt mein kleines pietistisches Hasenherz es erst einmal mit der Angst zu tun.   

Muss das sein, ausgerechnet heute, am ersten Advent?

 

Dieser Brief – wer hat ihn diktiert und wer soll ihn lesen? Wozu dieses geheimnisvoll-umständliche Sprache?

 

›So spricht der, der das Amen ist, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang von Gottes Schöpfung:

 

„Der das Amen ist“.

Amen, dieses unscheinbar kleine hebräische Wort. So wie es ist, eins zu eins, ganz und gar unübersetzt ist es eingepflanzt worden in unsere Liturgien und Gebete[2].

 

Amen.

Was heißt das eigentlich?

Die Antwort findet sich im Gesangbuch.

Unter der Nummre 344.

 „Amen – das ist, es werde wahr.[3] 

So beginnt die letzte Strophe von Martin Luthers Vaterunser-Lied. 

 

„Amen – das ist, es werde wahr.[4] 

 

Amen – ein Hoffnungswort?

Wenn ich also Post bekäme und auf dem Absender stünde: „Der das Amen ist“ – dann müsste ich keinen Vollstreckungsbefehl befürchten?

Kein endgültiges Urteil, bei dem sämtliche Rechtsmittel ausgeschöpft sind?

 

 

›So spricht der, der das Amen ist, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang von Gottes Schöpfung:

 

Ein Brief aus dem Himmel. Hoffnungspost. Wenn auch mit einigen Zumutungen. Geschrieben von Jesus höchstpersönlich. Dem Auferstandenen, in den Himmel aufgefahrenen Messias Gottes.

Adressiert ist der Brief an den „Boten der Gemeinde in Laodizea“ – wer soll das sein?

Ein menschliches Wesen, jemand aus der Gemeindeleitung oder gar ein göttlicher Bote, ein Engel? Das bleibt offen. Und doch ist klar, wer sich diese Botschaft letztlich zu Herzen nehmen soll: Die Gemeinschaft der Jesus-Nachfolger_innen in Laodizea. Und ganz allgemein „die Gemeinden“. Damit sind offensichtlich erst einmal die sechs anderen Gemeinden in Kleinasien gemeint, an die sich die Offenbarung ebenfalls richtet und die jeweils einen eigenen Brief bekommen haben, die Gemeinden in Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes und Philadelpia.

„Die Gemeinden“, damit sind wohl zugleich die Jesus-Nachfolger:innen aller Zeiten angesprochen. Auch wir heute Morgen, am 1. Advent 2022, hier in Wilnsdorf.

 

Aber zurück nach Laodizea – nach Kleinasien. Heute erinnern dort in der Westtürkei nur noch ein paar Ruinen an die einst so wohlhabende Stadt.  


Das antike Laodizea lässt sich vielleicht am besten mit dem heutigen Frankfurt vergleichen. Es ist eine Stadt mit vielen Banken und Handelshäusern. Es gibt eine medizinische Fakultät, Spezialgebiet Augenheilkunde, und außerdem erstklassige Wollmanufakturen, die dunkle Tuchwaren in alle Welt exportieren[5].

 

In Laodizea sind sie so reich, dass es heißt, die Laodizaer hätten Hilfe von außen dankend abgelehnt, als es dort einmal ein schweres Erdbeben gegeben habe[6].

 

 Du sagst: Ich bin reich, habe alles im Überfluss und mir fehlt es an nichts“.

 

Offenbar ticken die Jesus-Nachfolger_innen in Laodizea nicht sehr viel anders als die Menschen um sie herum.

Merkwürdig eigentlich. Und andererseits auch wieder nicht.

Ich muss mir ja bloß an die eigene Nase fassen. Ich bin ja selbst auch meilenweit davon entfernt, das umzusetzen, was Jesus gefordert hat. Das mit dem Mantel zum Beispiel, den abgeben soll, wer zwei davon hat[7]. Dabei gibt es zurzeit wahrlich genug Anlass zum Teilen. In diesem Winter, in dem viele, auch hier in Wilnsdorf vielleicht zum ersten Mal im Leben erleben müssen, dass es nicht reicht, am Ende des Monats. Ganz zu schweigen von der fürchterlichen Lage der Menschen in der Ukraine.  

Du sagst: Ich bin reich, habe alles im Überfluss und mir fehlt es an nichts. Dabei weißt du gar nicht, wie unglücklich du eigentlich bist, bedauernswert, arm, blind und nackt“.

Jesus nimmt die Gemeinde in Laodizea hart ran:

Du glaubst du bist reich, weil bei dir der Handel floriert?

Ganz im Gegenteil! Bettelarm bist du!

 

Du glaubst, du hast den totalen Durchblick, weil bei Euch die Koryphäen der Augenheilkunde praktizieren?

Von wegen! Für das Wesentliche bist Du blind!

 

Du glaubst, Du hast Stil und Geschmack? Bilde Dir nichts ein! Dein Aufzug ist doch im Grunde einfach nur peinlich!


Jesus legt den Finger in die Wunde.

Was ist ein Glaube wert, der keine Früchte trägt?[8]

 

Wenn der Glaube zum Hobby wird und die Kirche zum Verein zur Pflege religiöser Geselligkeit,

wenn reiche Leute den Glauben noch oben drauf packen auf ihr abgesichertes, ästhetisch verfeinertes Leben,

wenn der Glaube zum Wellnessprogramm wird, das mir hilft, mich spirituell besser zu fühlen -

 – dann findet Jesus das,

ich bitte um Verzeihung für diesen Kraftausdruck, aber er steht genauso da im Original

– dann findet Jesus das zum Kotzen.

 

Puh, das ist krass.

Ich denke, es ist gut, wenn wir jetzt erst einmal einen Schritt zurücktreten, um das größere Bild zu betrachten: 

 

Die Offenbarung mit all ihrem Schrecken und all ihrer Schönheit –  sie wurde geschrieben für eine kleine Gruppe von Christinnen und Christen, die sich machtlos fühlen angesichts der erdrückenden Übernacht des römischen Imperiums. Wahrscheinlich gab es damals noch keine Verfolgung im engeren Sinne, wie das später der Fall war. Aber immerhin scheint es ratsam, die Botschaft der Offenbarung nur verschlüsselt weiterzugegeben. Offene Kritik am Imperium ist gefährlich.

Und wer nicht mitmacht beim Staatskult, bei dem der Kaiser als gottgleich verehrt wird, der muss mindestens damit leben, nicht dabei zu sein, wenn die wirklich wichtigen Deals abgeschlossen werden.

Welche Geschäftsfrau, welcher Manufakturchef kann sich das leisten? Geht nicht beides: Am Tag des Herrn mit den anderen Abendmahl feiern und werktags beim offiziellen Kult mitmachen?

 

Die Offenbarung ist ein Buch aus antiken Zeiten und zugleich ist sie bestürzend aktuell.

 

Sie ist ein Weckruf für alle, die lau und unentschieden sind.

 

Die Offenbarung ist ein Trostbuch für alle, die auf Trost dringend angewiesen sind. Wie die Gemeinde damals in Thyiatira zum Beispiel. Dort gehen sie einen anderen Weg als in Laodizea. Auch in Thyatira bekommen sie in ihrem Brief Kritisches zurückgemeldet. Aber vor allem werden sie gelobt für ihre Liebe, ihr tatkräftiges Handeln, für ihren Dienst. Die Gläubigen in Thyatira leben, was sie glauben. Auf jeden Fall versuchen sie es. Trotz aller Schwierigkeiten, die sie sich damit einhandeln. Sie bewirken etwas, auch wenn es sich vielleicht erst einmal klein anfühlt und unbedeutend. Aber sie bekommen von Jesus gesagt, dass sie weitermachen sollen, weil das, was sie tun, auch wenn es sich nach nichts anfühlt, in Wahrheit ein bedeutender Beitrag ist für den Durchbruch von Gottes neuer Welt. 

 

Die Offenbarung ist ein Weckruf für alle, die das Lauwarme bevorzugen. Die auch mal Bio kaufen und öfter zu Fuß gehen. Aber man muss ja nicht gleich fanatisch werden… und so lange die Chinesen weiter ihr CO2 in die Luft jagen.   

 

Die Offenbarung ist ein Trostbuch für alle, die die Zustände, so wie sie sind, nicht mehr aushalten.

 

Die vielen toten Flüchtlinge im Mittelmeer. Die bittere Erkenntnis, dass das 1,5 Grad Ziel beim Klima nicht mehr zu halten sein wird.

Die Offenbarung ist ein Trostbuch für die, die in kalten Kellerlöchern hocken in der Ukraine. Für alle, die ihre Toten beklagen, für alle, deren Gebete um Verschonung nicht erhört wurden.

 

Die Offenbarung ist ein Buch für die, die rufen und schreien, wenn auch vielleicht nur noch stumm: „Wie lange noch, Gott, wie lange[9]?“

 

Die Offenbarung – ein Trostbuch – ein Weckruf?

Heiß oder kalt?

 

Wer zu Gott gehören will, muss wissen:
Gott selbst hat sich längst entschieden.

Für ihn ist das keine Frage: Gott steht auf der Seite der Schwachen. Der Gefolterten, der Ausgebeuteten, der Vergessenen.

 

Heiß oder kalt.

Auch ich muss mich wohl entscheiden.

So wie die Gläubigen in Laodizea.

Was rät Jesus ihnen? Wie kommen sie raus aus ihrer lauwarmen Badewanne?

 

Jesus sagt: „Ich gebe dir einen Rat: Kauf Gold von mir, das im Feuer gereinigt wurde. Dann bist du wirklich reich! Und kauf weiße Kleider, damit du etwas anzuziehen hast. Sonst stehst du nackt da und musst dich schämen! Kauf außerdem Salbe und streich sie auf deine Augen. Denn du sollst klar sehen können!

 

Ändere Dich, sagt Jesus.

Setz Deine Prioritäten neu. Sieh auf das, was wirklich gewichtig ist, was echt ist und von ewigem Glanz.

Die Liebe zum Beispiel. Sie wird bleiben, wenn all der trügerische Glamour längst vergessen sein wird.  

 

Kauf weiße Kleider, priesterliche Gewänder. Nackt bist Du gekommen und nackt wirst Du wieder gehen. Sieh doch: Alles was Du hast und bist, verdankst Du dem Segen. Behalt ihn nicht für Dich. Gib ihn weiter an andere, gib ihn zurück an Gott, lass ihn fließen, den Segen.

Und kauf Augensalbe, damit Du sehen kannst. Schau nicht weg, lass Dich berühren von der Not. Schärf Deinen Blick für all die klitzekleinen und manchmal auch ganz schön großen Wunder, die jetzt schon geschehen. Lerne sie zu lesen, sie zeigen Dir den Weg zur himmlischen Stadt. Wo es kein Leid mehr geben wird, keine Schmerzen und kein Geschrei.   

 

 Alle, die ich liebe, weise ich zurecht und erziehe sie streng, sagt Jesus. Mach also Ernst und ändere dich.

 

„Will ich ja gern, Jesus,“ denke ich bei mir selbst.

„Aber es ist so schwer.

Mir fallen leicht 1000 Sachen ein, die ich ändern könnte, theoretisch und tatsächlich versuche ich ja auch manches. Aber gerade, wenn ich mich bewege, wenn ich versuche, es anders und besser zu machen, spüre ich um so mehr, wie sehr alles mit allem zusammenhängt und dass mein Beitrag, die Knoten zu lösen allenfalls lächerlich sein kann. Egal, wie viel Mühe ich mir gebe“.

 

Da!

Ich höre etwas.

Ein Klopfen.

Hörst Du es auch?

Eine Stimme, sie ruft:

 

Hör doch! Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten. Ich werde mit ihm das Mahl einnehmen und er mit mir.

 

 Jesus! Du bist es! Du selbst bist es! Nicht bloß ein Brief von Dir. Du kommst!

Zu mir. Zu Uns.

 

Komm rein, setzt Dich.

 

Es sieht zwar gerade ziemlich chaotisch aus bei mir,

nichts ist geputzt, nichts ist geschmückt.
und Plätzchen habe ich auch noch keine gebacken.

Aber egal, ich bin froh, dass Du da bist.

 

Ob ich Brot habe, fragst Du? Nicht mehr viel, aber ich kann rasch was auftauen. Und Wein? Kein Problem, wir müssten noch was dahaben. Im Kühlschrank sind auch noch Sachen .... Und Teewasser, Teewasser setze ich auch rasch auf.

 

Und dann sitzen wir am Tisch.

Die Kerzen brennen.

Jesus dankt und bricht das Brot.

Wir teilen. Wir kauen und schlucken.

Wir sitzen nicht alleine am Tisch.

Die anderen sind auch da.

Ihr seid auch da.

Gemeinsam bilden wir eine heilige Verschwörung.

 

Wir essen und trinken und reden.  

Stoßen an auf die kommende Welt.

Wir lachen und freue uns auf.

Wir hören einander zu, besprechen und diskutieren, wie das aussehen könnte, ganz praktisch, schon jetzt und hier.

Verantwortung übernehmen, weil Gott seine Macht nicht allein ausüben will.

Gott ist kein Autokrat à la Putin,

sondern ein Gerechter und ein Helfer, einer dem geholfen wurde, eine, die sich helfen lässt[10]. 

Im Himmel steht nicht bloß ein Thron, oder ein Schreibtisch, wie wir heute vielleicht sagen würden, sondern viele.

Gott will nicht allein sein,

sie ist die Liebe, die Gemeinschaft in Person.

Gott sehnt sich danach, dass wir dabei sind, will es nicht anders haben, als dass wir unseren Teil der Verantwortung übernehmen. Nur so kann es gut werden am Ende. Wirklich gut.  

 

Hör doch! Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten. Ich werde mit ihm das Mahl einnehmen und er mit mir.

 

 

 

Mich tröstet das und es ermutigt mich:
Dass ich mich nicht allein auf eigene Faust durchkämpfen muss, durch diese verwirrende Welt und die endlos vielen Optionen. 

Jesus sitzt mit am Abendbrottisch.

Wir können ihn fragen, wie er das geschafft hat, sich nicht unterkriegen zu lassen oder lau zu werden, ohne darüber zu verbittern oder zu verbiestern.

Wir lernen von Jesus und wir lernen voneinander.

Und wenn wir scheitern, dann reicht Jesus uns Brot und Wein, damit wir Kraft kriegen für den Neubeginn.

 

Ich nehme mir vor, in dieser Adventszeit genauer zu hinzulauschen und hinzuhören.

Damit ich mitbekomme, wenn Jesus anklopft.

Und wenn ich sein Klopfen höre -

dann will ich so schnell wie möglich nur Tür rennen und ihm aufmachen.

 

Advent heißt:


Jesus kommt.

Alles wird gut.

 

AMEN.

 

 



[1] „Bote“ abweichend von der Übersetzung der BasisBibel. Griechisch: τῷ ἀγγέλῳ - dem „Aggelo“ – gemeint sein kann ein menschlicher Bote oder ein göttlicher Bote, also ein Engel; siehe: Rehkopf, Friedrich, Griechisch-deutsches Wörterbuch zum Neuen Testament, Göttingen, 2000.

[2] Siehe: Marquardt, Friedrich Wilhelm: Was meint: So Gott will und er lebt?". Zeitschrift für Kirche und Judenum, 2008, Heft 3,  Zitiert nach einem PDF, veröffentlicht von Jewish-Christian Relations (ICCJ), https://www.jcrelations.net/de/artikelansicht/was-meint-so-gott-will-und-er-lebt.pdf, abgerufen am 22.11.22, 17:38 Uhr. 

[3] EG 344,9

[4] EG 344,9

[5] Renninger, Monika: „1. Sonntag im Advent. Offenbarung 3,14-22. Türen auf! In: Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext zur Perikopenreihe 5, Studium in Israel e.V. (Hg), Berlin, 2022, S. 3

[6] ebenda

[7] Siehe Lukas 3,11

[8] Siehe Jakobus 1,22

[9] Siehe: Wengst, Klaus: „Wie lange noch?“ Schreien nach Recht und Gerechtigkeit – eine Deutung der Apokalypse des Johannes, Stuttgart, 2010. Nicht direkt zitiert, aber für meine Predigtarbeit sehr wertvoll war außerdem: Faerber, Walter: Visionen gegen die Monster. Die Offenbarung des Johannes für eine Welt voller Krisen, Neukirchen-Vlyn, 2018.

[10] Sacharja 9,9a (siehe Anmerkung zu diesem Vers bei Luther 2017)

Freitag, 2. September 2022

Mit Schuld leben. Predigt über 2. Samuel 12,1-15a

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

11. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2022, Ev. Freikirchliche Gemeinde Siegen-Weststraße

Liebe Gemeinde,

Entschuldigung! Tut mir leid!

Wie oft sage ich das wohl?

Weil ich höflich sein möchte, nicht übergriffig.

Oder weil ich ehrlich zerknirscht bin.

 

Entschuldigung! Tut mir leid!

Insgeheim hoffe ich meist, dass die Sache damit vom Tisch ist.  

Manchmal funktioniert das auch.

Aber nicht immer.

Manches lässt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen.

Weil es wirklich verletzend war.

Oder weil sonst ein Schaden entstanden ist. 

Jemand trägt mir etwas nach. Ist nachhaltig sauer auf mich.

Ich habe es nicht in der Hand, ob mir tatsächlich verziehen wird.

Manchmal bitten andere mich um Verzeihung. Von meinem Naturell her neige ich nicht unbedingt dazu, nachtragend zu sein. Aber manches bleibt mir dann doch in den Kleidern hängen. Dabei bin ich bisher, Gott sei Dank, nie Opfer von etwas wirklich Gravierendem geworden. 

 

Wenn es um die großen Verstrickungen geht, um meinen Beitrag zur „Spur der Verwüstung[1][1]“, die unser westlicher Lebensstil unweigerlich tagtäglich hinterlässt, dann hilft ein lapidares „Entschuldigung, tut mir leid“ erst recht nicht weiter.

Bei wem sollte ich anfangen, um Verzeihung zu bitten? Bei den Aktivistinnen? Bei meinen Enkelkindern? Bei den Opfern der Überschwemmungen in Pakistan? Bei den Seevögeln, die elend sterben, weil sie Plastikmüll gefressen haben oder bei den vertrockneten Bäumen?

Meine Generation hätte früher aufwachen, der Politik viel mehr Druck machen, eigenes Verhalten hinterfragen und vor allem ändern müssen. Es wäre möglich gewesen. Die Fakten waren seit langem bekannt.

 

Das Thema „Schuld und Vergebung“  - macht es angesichts der gigantischen globalen Folgen überhaupt noch Sinn, in diesen Kategorien zu denken? - 

Aber auch wenn wir das Thema "Schuld und Vergebung" kleiner fassen, es auf aufs unmittelbar Zwischenmenschliche beziehen – wird schnell klar:

Vergebung ist kein Radiergummi, kein Fleckentferner, nichts, was entstandenen Schaden wegzaubern könnte.

Und auch wenn es manchmal so wirkt, gerade in unseren frommen Kreisen. Manche Worship-Songs, manche Predigten tun so, als wäre alles wieder in Ordnung, wenn wir uns nur Gottes Vergebung gefallen lassen. Aber Vergebung ist kein geistliches Detox-Smoothie, keine schnelle Lösung, damit ich den Schlamassel, den ich (mit)angerichtet habe, möglichst schnell hinter mir lassen kann.

Es ist bitter, aber unsere Taten, die Folgen unserer Taten, ganz gleich ob absichtlich oder unabsichtlich: Sie lassen sich nicht ungeschehen machen.

Schuldig werden, mit Schuld umgehen lernen, das gehört zu unserem Menschsein dazu, jedenfalls jenseits von Eden.

Was Vergebung im Sinne der Bibel sein kann, auf welche Weise Vergebung helfen kann, selbst völlig verfahrene Situation zum Besseren zu wenden, wie ein Weiterleben möglich wird, trotz, ja gerade MIT der eigenen Schuld – davon lesen wir im 2. Buch Samuel im 12. Kapitel.

Wir hören die Verse 1-15a nach der Übersetzung der Elberfelder Bibel:

Lesung: 2. Samuel 12, 1-15a (Elberfelder Übersetzung)

1 Und der HERR sandte Nathan zu David. Und er kam zu ihm und sagte zu ihm: Zwei Männer waren in einer Stadt, der eine reich und der andere arm. 2 Der Reiche hatte Schafe und Rinder in großer Menge. 3 Der Arme hatte aber nichts als nur ein einziges kleines Lamm, das er gekauft hatte. Und er ernährte es, und es wurde groß bei ihm, zugleich mit seinen Kindern. Von seinem Bissen aß es, aus seinem Becher trank es, und in seinem Schoß schlief es. Es war ihm wie eine Tochter.

4 Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann; dem aber tat es leid, ein Tier von seinen Schafen und von seinen Rindern zu nehmen, um es für den Wanderer zuzurichten, der zu ihm gekommen war.

Da nahm er das Lamm des armen Mannes und richtete es für den Mann zu, der zu ihm gekommen war. 

 

5 Da entbrannte der Zorn Davids sehr gegen den Mann, und er sagte zu Nathan: So wahr der HERR lebt, der Mann, der das getan hat, ist ein Sohn des Todes. 6 Das Lamm aber soll er vierfach erstatten, dafür, dass er diese Sache getan hat, und weil es ihm um den Armen nicht leid getan hat.

 

7 Da sagte Nathan zu David: Du bist der Mann!

So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König über Israel gesalbt, und ich habe dich aus der Hand Sauls gerettet, 8 und ich habe dir das Haus deines Herrn gegeben und die Frauen deines Herrn in deinen Schoß und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben. Und wenn es zu wenig war, so hätte ich dir noch dies und das hinzugefügt.

9 Warum hast du das Wort des HERRN verachtet, indem du tatest, was böse ist in seinen Augen?

Uria, den Hetiter, hast du mit dem Schwert erschlagen, und seine Frau hast du dir zur Frau genommen. Ihn selbst hast du ja umgebracht durch das Schwert der Söhne Ammon.

10 Nun denn, so soll das Schwert von deinem Haus auf ewig nicht weichen, dafür, dass du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, deine Frau zu werden.

11 So spricht der HERR: Siehe, ich lasse aus deinem eigenen Haus Unglück über dich erstehen und nehme deine Frauen vor deinen Augen weg und gebe sie deinem Nächsten, dass er bei deinen Frauen liegt vor den Augen dieser Sonne!

12 Denn du, du hast es im Verborgenen getan; ich aber, ich werde dies tun vor ganz Israel und vor der Sonne!

13 Da sagte David zu Nathan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt.

Und Nathan sagte zu David:

So hat auch der HERR deine Sünde hinweggetan, du wirst nicht sterben.

14 Nur, weil du den Feinden des HERRN durch diese Sache Anlass zur Lästerung gegeben hast, muss auch der Sohn, der dir geboren ist, sterben. 15 Und Nathan ging in sein Haus zurück.

 

Was David getan hat, ist krass.

Und damit meine ich jetzt nicht, oder allenfalls am Rande, die Sache mit dem Fremdgehen. Auch wenn es vor allem dieser Teil der Geschichte ist, der Künstlerinnen und Künstler über die Jahrhunderte hinweg am offenbar meisten fasziniert hat. 

Die schöne Batseba im Bade, das war und ist ein beliebtes Motiv in der Malerei. Betrachten wir etwa die Batseba von Peter Paul Rubens – das ist ja naheliegend hier in Siegen, zumal heute, wo Stadtfest gefeiert wird.

Rubens inszeniert die Badende in besonders sinnlicher, aufreizender Pose. Die Frau als Verführerin – die dem Mann zum Verhängnis wird.

Ein uraltes, nach wie vor wirkmächtiges patriarchales Motiv. Bis heute wird vergewaltigen Frauen zum Vorwurf gemacht, sie seien eben zu provozierend gekleidet gewesen.

David und Batseba und ihre folgenreiche royale Affäre - das ist mehr als ein Fall für die Gala oder die Neue Post. Denn diese Affäre, sie hat ein toternstes Nachspiel.

 

Es geht um einen Auftragsmord.

Veranlasst vom Staatsoberhaupt höchstpersönlich und durchgeführt mit Mitteln, wie sie ausschließlich jemandem in einer solchen Position zur Verfügung stehen. Das Mordopfer ist Uria, der Hetiter, ein bewährter Offizier der israelischen Armee[2][1], ein Mann mit Migrationshintergrund. Einer, der für seine unbedingte Loyalität bekannt ist.

Uria war dem König im Weg. Er musste weg, beseitigt werden. Bloß wie?

Wie praktisch, dass Israels Armee gerade in Kämpfe verwickelt ist, in der Ferne, im Osten. Könnten nicht die Feinde das schmutzige Geschäft des Tötens erledigen?

David veranlasst, dass Uria an der Front in eine tödliche Falle gerät. 

Nicht lange und die Nachricht von Urias Tod trifft in Jerusalem ein. 

Was tut David? Er setzt seine staatstragende Miene auf und heuchelt Bedauern.

 

 

Aber Gott lässt sich nicht hinters Licht führen.

David hätte das wissen können.

„Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an[3][2].

Das hatte der Prophet Samuel einst gesagt. Damals, als er den blutjungen David zum König gesalbt hatte. 

David, der Hoffnungsträger.

Der es besser hatte machen sollen als Saul, sein überforderter, impulsgesteuerter Vorgänger.

Mit jedem Schritt auf der Karriereleiter erweitern sich Davids Möglichkeiten. Macht kann zum Guten eingesetzt, aber auch schamlos ausgenutzt werden. 

„Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern[4][3], sagt Jesus.

 

Gott verlangt Rechenschaft. Er durchschaut die Intrigen der mächtigen Macher. Die lauten und die lautlosen Schreie der Opfer, sie werden gehört in der himmlischen Welt.

Gott sendet Boten und Botinnen, die das Unrecht aufdecken.

Journalistinnen und Menschenrechtsanwälte, Jugendliche, die Demoplakate beschriften und die Schule schwänzen. Wissenschaftlerinnen, die aufrüttelnd und faktenbasiert informieren, die uns vor Augen halten, dass es eigentlich längst fünf nach zwölf ist. Gott sendet mutige Menschen mit prophetischen Stimmen. Leute wie Nathan.

 

Nathan verhält sich strategisch, legt dem König einen Rechtsfall vor. Was nichts Ungewöhnliches ist. Der König ist damals in Israel die oberste Instanz der Justiz.

Hofft Nathan, das Davids Rechtsempfinden noch nicht völlig auf dem Hund ist?

Herzzerreißend jedenfalls die fiktive Geschichte vom armen Mann, der sein einziges geliebtes Lamm geraubt bekommt – ausgerechnet von einem, der es eigentlich überhaupt nicht nötig hätte.

David reagiert empört. Verlangt die Höchststrafe! „Dieser Mann ist ein Sohn des Todes.

Nathan schaut David an und sagt: 

אַתָּ֣ה הָאִ֑ישׁ

Ein Satz wie ein Blitz. Kurz und heftig. Wie aus heiterem Himmel.

Gleißendes Licht - augenblicklich wird Davids Herz ausleuchtet, bis in die verborgensten Winkel.

אַתָּ֣ה הָאִ֑ישׁ

„Du bist dieser Mann[5][4]

 

Der König auf seinem Thronsessel.

Ich sehe ihn vor mir, wie er in sich zusammensackt.

Tief gebeugt, den Kopf mit beiden Händen abgestützt, mit geschlossenen Augen muss er sich anhören, was der Prophet weiter zu sagen hat.

Wahrscheinlich sind die beiden nicht allein. Wer auch immer diese Szene miterlebt haben mag, er oder sie wird jetzt ganz Ohr sein.  

 

Nathan redet mir ruhiger, klarer Stimme.

Er erinnert zuallererst an all das Gute, das David geschenkt ist, geht sozusagen ressourcenorientiert vor.

 

Wie kann das sein, dass ausgerechnet so einer wie Du, David, den Hals einfach nicht voll bekommen konnte? Hätte es nicht andere, legale Wege gegeben, Dein Begehren zu stillen?

 

Nathan fasst die Faken zusammen: Knapp, präzise, unmissverständlich.

David hat mit Batseba geschlafen, der Frau eines anderen Mannes.

Und als sich herausgestellt hat: Dieser Seitensprung hat Folgen, hat David es mit dem klassischen Täuschungsmanöver versucht. Aber die Strategie, das Kind dem betrogenen Ehemann unterzuschieben, ist gescheitert. Ausgerechnet an der Korrektheit des Betrogenen.

 

Hättest Du nicht spätestens jetzt zur Besinnung kommen müssen, David? 

An Deinen Händen klebt Blut! Nicht das Blut der Feinde Israels, sondern das Blut eines Deiner treusten Untergebenen.

Auch wenn Du nur Befehle erteilt und eine Unterschrift geleistet hast.

Ein Mörder bist Du, David.

Ein feiger, elender Schreibtischmörder.

 

Nathan bringt in Gottes Auftrag ans Licht, was nicht wieder gut zu machen ist, jedenfalls nicht hier, nicht auf der Erde:

Das Leben eines Menschen ist ausgelöscht.

Unwiederbringlich.

 

Und nicht nur das, die böse Tat, sie betrifft nicht nur die unmittelbar ins Geschehen Verstrickten.

 

Was David getan hat, hat Beziehungs- und Vertrauensbande zerrissen.

In Davids Familie. Unter seinen Führungskräften, in seinem Volk.

Zerrissen ist auch Davids Vertrauensbeziehung zu Gott. 

 

 

David, geliebter David[6][5], - was wird aus Dir werden?

Wir haben deinem Harfenspiel gelauscht.

Deine Psalmen mitgebetet.

Dich bewundert für Deinen Glaubensmut.

David, geliebeter David,

Gottes Gesalbter, was soll aus dir werden?

 

„Ich habe gegen den HERRN gesündigt“.

Der Täter gesteht.

Ganz still wird es jetzt.

Vielleicht nur ganz kurz.

Aber dies ist der entscheidende Wendepunkt.

Ein heiliger Augenblick.

 

Halten sie den Atem an in der himmlischen Welt?
Bevor sich dort jene Freude Bahn bricht– von der Jesus spricht, wenn er sagt:

„Es wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen[7]
[6]

 

 

David hat sich dem göttlichen Urteil gebeugt.

 

Andere Könige, Präsidenten, Potentaten, Bischöfe und Bosse vor ihm und nach ihm beauftragen PR-Agenturen, verfügen fristlose Entlassungen, Haftbefehle, Todesurteile. Je nach System und Zeit unterscheidet sich, was im Werkzeugkasten der Mächtigen liegt.

 

David hätte, anstatt zu bereuen und zu bekennen, genauso gut die Schuld auf Joab schieben können. Seinen Heerführer, seine ausführende Hand. Das wäre naheliegend gewesen, zu versuchen, Joab als den eigentlich Schuldigen hinzustellen.

 

Aber David übernimmt selbst die volle Verantwortung. Ohne jeden Abstrich.

 

Wie reagiert der Prophet?

Was sagt Gott?

 

„So hat auch der HERR deine Sünde hinweggetan“ – antwortet Nathan.  Wortwörtlich: So hat der HERR „Deine Versündigung vorüber gehen lassen, du musst nicht sterben.“

 

Vergebung kann ich mir nicht selbst zusprechen.

Es braucht das Verbum externum, das heilsame Wort von außen.

Gott gewährt David, was er einst bereits Kain gewährt hat, dem Brudermörder: Ein Weiterleben. Trotz der Schuld. MIT der Schuld.

 

Vergebung bedeutet:

 

Das Böse, das ich getan habe, die Sünde, die durch mich in die Welt gekommen ist, soll mich nicht länger beherrschen.

Gott spricht mich frei. Sieht in mir mehr als meine Tat. Ich bin und bleibe sein Kind. Und meine Sünde ist jetzt nicht mehr mein Problem, sondern Gottes Problem. Auch wenn, das schwer zu fassen ist.

 

1000 Jahre nach David wird Jesus erzählen, wie der Vater im Himmel den verlorenen Sohn voller Freude in seine Arme schließt, wie er Festmahl bereiten und wie er saubere Kleider herbeibringen lassen wird  und einen neuen kostbaren Siegelring[8][7].

 

Vergebung heißt also auch: Gott traut mir zu, dass ich auch in der von meiner Schuld geprägten Situation in seinem Sinne handeln kann. 

 

David darf König bleiben, auch wenn sich seine Tat wie das Startsignal lesen lässt für die Intrigen und blutigen Kämpfe, die jetzt ausbrechen unter seinen Söhnen und in der Führungsetage, über der Frage, wer die Thronfolge antreten soll.   

 

Alle müssen weiterleben mit den Folgen der bösen Tat.

Trotz des göttlichen Zuspruchs der Vergebung. Die Opfer müssen es oder ihre Hinterbliebenen, ebenso wie der Täter oder die Täterin. Selbst scheinbar Unbeteiligte werden hineingezogen.

 

Der Schmerz wird neue Schmerzen hervorbringen. Neue Wunden schlagen.

 

Dafür steht wohl auch das Kind, das Batseba geboren hat und das nicht lange leben darf.

 

Mit den Folgen der bösen Tat leben und mit ihnen umgehen, das kann, je nachdem für alle Beteiligten eine bleibende Herausforderung, eine ernste Lebensaufgabe sein.

 

Beides gilt, es darf nicht auseinandergerissen werden:

 

Gott beseitigt die Sünde. Er lässt sie „vorbeischreiten“, er „bedeckt sie[9], wirft sie in die tiefste Tiefe des Meeres[10]. Ich bin als Täterin meiner Tat und ihren Folgen nicht heillos ausgeliefert.

 

Und zugleich stellt Gott mich wieder hinein in die durch meine Tat veränderte Realität[11][8].

 

Auch in die Realität des Jahres 2022, in dem sich die Auswirkungen der Klimakatastrophe nicht mehr kleinreden lassen und in denen wir uns auseinandersetzen müssen mit einem abscheulichen Krieg und seinen Folgen.

 

 

 

„Das Schwert [soll] von deinem Haus auf ewig nicht weichen“ und „Siehe, ich lasse aus deinem eigenen Haus Unglück über dich entstehen[12][9]

 

So hatte Nathan es David prophezeit und so kommt es auch.

 

David wird aus Jerusalem fliehen, vor dem eigenen Sohn, der einen Putschversuch gestartet hat gegen den eigenen Vater.

Voller Angst wird David den gleichen Weg gehen, den Jesus ein Jahrtausend später ebenfalls wird gehen müssen.

Durchs Kidrontal hinauf auf den Ölberg.

Weinend, betend und flehend, begleitet von einigen Getreuen.

 

Dort am Ölbergs wird sich für David erweisen, dass er die tödlichen Folgen seiner Tat wahrhaftig nicht tragen muss, dass es wahr ist, was der Prophet ihm geantwortet hat auf sein Schuldbekenntnis hin: „der HERR hat deine Versündigung an Dir vorübergehen lassen, du musst nicht sterben.“

 

Jesus, hingegen, der Sohn Davids, auch er Gottes geliebter Gesalbter,

Jesus betet vergeblich: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber![13][10]

 

 

Ein anderer hat getragen, was ich nicht tragen kann. Die tödlichen, ewigen Folgen meiner Schuld.

Ich bin freigesprochen.

Befreit, mich meiner Verantwortung zu stellen.

Ich muss nicht verdrängen, vertuschen und verzweifelt versuchen, die Schuld auf andere zu schieben.

 

Ich kann es wagen, zu meiner Schuld zu stehen und umzukehren.

Ich kann versuche es besser zu machen.

So gut es mir möglich ist,

als Mensch in meinem zwiespältigen Leben jenseits von Eden.

 

Ich werde immer wieder scheitern.

 

Aber ich bin nicht allein.

Dass wir schuldig werden, unweigerlich, weil wir Menschen sind,

das teilen wir miteinander.

 

Wir können versuchen, es uns gegenseitig leichter zu machen.

Um Gottes Willen,

der versprochen hat, uns die Treue zu halten.

Und der am Ende, in seinem himmlischen Forum am jüngsten Tag,

in seinem heilsam zurechtbringenden Gericht heilen und versöhnen wird, was hier auf Erden zerrissen und unvollständig geblieben ist.  

Für jetzt und für hier stehen Brot und Wein bereit. Das Abendmahl, das „keine Belohnung ist für die Perfekten, sondern Wegzehrung für Sünder“[14].

Für jetzt und für hier haben wir die Psalmen. Israels Gebetbuch, aus dem wir uns Worte leihen können, auch dann, wenn wir schuldig, wie David geworden sind.

Lasst uns gemeinsam beten,

mit Worten aus dem 51. Psalm,

der David zugeschrieben wird.

Lasst uns, wie David bitten um ein neues Herz, um einen neuen gefestigten Geist.


AMEN.

 

Wir beten mit Davids Worten:

Psalm 51 (NGÜ) in Auszügen[15][11] im Wechsel

3 Sei mir gnädig, o Gott – du bist doch reich an Gnade! In deiner großen Barmherzigkeit lösche meine Vergehen aus!

4 Wasche meine Schuld ganz von mir ab, und reinige mich von meiner Sünde!

5 Denn ich erkenne meine Vergehen, und meine Sünde ist mir ständig vor Augen.

6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ja, ich habe getan, was in deinen Augen böse ist. Das bekenne ich, damit umso deutlicher wird: Du bist im Recht mit deinem Urteil, dein Richterspruch ist wahr und angemessen.

8 Du liebst es, wenn ein Mensch durch und durch aufrichtig ist; so lehre mich doch im Tiefsten meines Herzens Weisheit!

10 Lass mich wieder etwas Wohltuendes hören und Freude erleben, damit ich aufblühe, nachdem du mich so zerschlagen hast.

11 Schau nicht weiter auf die Sünden, die ich begangen habe, sondern lösche meine ganze Schuld aus!

12 Erschaffe in mir ein reines Herz, o Gott, und gib mir einen neuen, gefestigten Geist.

13 Schick mich nicht weg aus deiner Nähe, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.

14 Lass mich wieder Freude erleben, wenn du mich rettest. Hilf mir, indem du mich bereit machst, dir gerne zu gehorchen.

AMEN



Eine Fülle von Anregungen für diese Predigt habe ich gewonnen aus einem Interview von Julia Krebel, Westfälische Wilhelms-Universtität Münster mit Prof. Dr. Magdalene Frettlöh, Bern: "Mit Magdalene L. Frettlöh im Gespräch : Über Schuld, das Wunder der Vergebung und die Hoffnung auf ein anderes Forum", 2011. https://miami.uni-muenster.de/Record/b276941d-8d0e-4a8f-9ae1-dfd86b8e810f, abgerufen am 02.09.22


 


 

 



[1][1] So Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am 1. April in der ZDF Sendung „Lanz“: "Wir ziehen mit unserem täglichen Leben eine Spur der Verwüstung durch die Erde, was immer wir tun hat Konsequenzen", zitiert nach: Mattausch, Birgit: „Ein bisschen weniger schlimm“, Spiritus-Blog, 04.04.2022, https://www.evangelisch.de/blogs/spiritus/199420/04-04-2022, abgerufen am 24.08.22, 10:50 Uhr

 

[3][2] 1. Samuel 16,7

[4][3] Lukas 12, 48

[5][4] 2. Samuel 12,7

[6][5] Geliebter oder Liebender ist die Namensbedeutung von David

[7][6] Lukas 15,7

[8][7] Siehe Lukas 15,11-32

[9] Psalm 32,1

[10] Micha 7,19

[11][8] Butting, Klara: „11. Sonntag nach Trinitatis: 2. Samuel 12,1-10.13-15a. Schuld und Vergebung in: Studium in Israel, Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe 4, Berlin, 2021, Seite 340

[12][9] 2. Samuel 12,10-11

[13][10] Matthäus 26,39. Der Vergleich mit der Septuaginta zeigt, dass hier die gleiche Verbform zugrunde liegt.

[14] Frei nach dem Gedächtnis zitiert: Ratzinger, Joseph (ich habe mir das Zitat einmal irgendwann einmal notiert, leider ohne Quellenangaben, sie lässt sich im Nachhinein bedauerlicherweise von mir auch nicht mehr recherchieren.

[15][11] Folgt der Versauswahl zu Psalm 51 im EG 727