11. Sonntag nach Trinitatis, 28. August 2022, Ev. Freikirchliche Gemeinde Siegen-Weststraße
Liebe Gemeinde,
Entschuldigung! Tut mir leid!
Wie oft sage ich das wohl?
Weil ich höflich sein möchte, nicht übergriffig.
Oder weil ich ehrlich zerknirscht bin.
Entschuldigung! Tut mir leid!
Insgeheim hoffe ich meist, dass die Sache damit vom Tisch ist.
Manchmal funktioniert das auch.
Aber nicht immer.
Manches lässt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen.
Weil es wirklich verletzend war.
Oder weil sonst ein Schaden entstanden ist.
Jemand trägt mir etwas nach. Ist nachhaltig sauer auf mich.
Ich habe es nicht in der Hand, ob mir tatsächlich verziehen wird.
Manchmal bitten andere mich um Verzeihung. Von meinem Naturell her neige ich nicht unbedingt dazu, nachtragend zu sein. Aber manches bleibt mir dann doch in den Kleidern hängen. Dabei bin ich bisher, Gott sei Dank, nie Opfer von etwas wirklich Gravierendem geworden.
Wenn es um die großen Verstrickungen geht, um meinen Beitrag zur „Spur der Verwüstung[1][1]“, die unser westlicher Lebensstil unweigerlich tagtäglich hinterlässt, dann hilft ein lapidares „Entschuldigung, tut mir leid“ erst recht nicht weiter.
Bei wem sollte ich anfangen, um Verzeihung zu bitten? Bei den Aktivistinnen? Bei meinen Enkelkindern? Bei den Opfern der Überschwemmungen in Pakistan? Bei den Seevögeln, die elend sterben, weil sie Plastikmüll gefressen haben oder bei den vertrockneten Bäumen?
Meine Generation hätte früher aufwachen, der Politik viel mehr Druck machen, eigenes Verhalten hinterfragen und vor allem ändern müssen. Es wäre möglich gewesen. Die Fakten waren seit langem bekannt.
Das Thema „Schuld und Vergebung“ - macht es angesichts der gigantischen globalen Folgen überhaupt noch Sinn, in diesen Kategorien zu denken? -
Aber auch wenn wir das Thema "Schuld und Vergebung" kleiner
fassen, es auf aufs unmittelbar Zwischenmenschliche beziehen – wird schnell
klar:
Vergebung ist kein Radiergummi, kein Fleckentferner, nichts, was entstandenen
Schaden wegzaubern könnte.
Und auch wenn es manchmal so wirkt, gerade in unseren frommen Kreisen. Manche Worship-Songs, manche Predigten tun so, als wäre alles wieder in Ordnung, wenn wir uns nur Gottes Vergebung gefallen lassen. Aber Vergebung ist kein geistliches Detox-Smoothie, keine schnelle Lösung, damit ich den Schlamassel, den ich (mit)angerichtet habe, möglichst schnell hinter mir lassen kann.
Es ist bitter, aber unsere Taten, die Folgen unserer Taten, ganz gleich ob absichtlich oder unabsichtlich: Sie lassen sich nicht ungeschehen machen.
Schuldig werden, mit Schuld umgehen lernen, das gehört zu unserem Menschsein dazu, jedenfalls jenseits von Eden.
Was Vergebung im Sinne der Bibel sein kann, auf welche Weise Vergebung helfen kann, selbst völlig verfahrene Situation zum Besseren zu wenden, wie ein Weiterleben möglich wird, trotz, ja gerade MIT der eigenen Schuld – davon lesen wir im 2. Buch Samuel im 12. Kapitel.
Wir hören die Verse 1-15a nach der Übersetzung der Elberfelder Bibel:
Lesung: 2. Samuel 12, 1-15a (Elberfelder Übersetzung)
1 Und der HERR sandte Nathan zu David. Und er kam zu ihm und sagte zu ihm: Zwei Männer waren in einer Stadt, der eine reich und der andere arm. 2 Der Reiche hatte Schafe und Rinder in großer Menge. 3 Der Arme hatte aber nichts als nur ein einziges kleines Lamm, das er gekauft hatte. Und er ernährte es, und es wurde groß bei ihm, zugleich mit seinen Kindern. Von seinem Bissen aß es, aus seinem Becher trank es, und in seinem Schoß schlief es. Es war ihm wie eine Tochter.
4 Da kam ein Besucher zu dem reichen Mann; dem aber tat es leid, ein Tier von seinen Schafen und von seinen Rindern zu nehmen, um es für den Wanderer zuzurichten, der zu ihm gekommen war.
Da nahm er das Lamm des armen Mannes und richtete es für den Mann zu, der zu ihm gekommen war.
5 Da entbrannte der Zorn Davids sehr gegen den Mann, und er sagte zu Nathan: So wahr der HERR lebt, der Mann, der das getan hat, ist ein Sohn des Todes. 6 Das Lamm aber soll er vierfach erstatten, dafür, dass er diese Sache getan hat, und weil es ihm um den Armen nicht leid getan hat.
7 Da sagte Nathan zu David: Du bist der Mann!
So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König über Israel gesalbt, und ich habe dich aus der Hand Sauls gerettet, 8 und ich habe dir das Haus deines Herrn gegeben und die Frauen deines Herrn in deinen Schoß und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben. Und wenn es zu wenig war, so hätte ich dir noch dies und das hinzugefügt.
9 Warum hast du das Wort des HERRN verachtet, indem du tatest, was böse ist in seinen Augen?
Uria, den Hetiter, hast du mit dem Schwert erschlagen, und seine Frau hast du dir zur Frau genommen. Ihn selbst hast du ja umgebracht durch das Schwert der Söhne Ammon.
10 Nun denn, so soll das Schwert von deinem Haus auf ewig nicht weichen, dafür, dass du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, deine Frau zu werden.
11 So spricht der HERR: Siehe, ich lasse aus deinem eigenen Haus Unglück über dich erstehen und nehme deine Frauen vor deinen Augen weg und gebe sie deinem Nächsten, dass er bei deinen Frauen liegt vor den Augen dieser Sonne!
12 Denn du, du hast es im Verborgenen getan; ich aber, ich werde dies tun vor ganz Israel und vor der Sonne!
13 Da sagte David zu Nathan: Ich habe gegen den HERRN gesündigt.
Und Nathan sagte zu David:
So hat auch der HERR deine Sünde hinweggetan, du wirst nicht sterben.
14 Nur, weil du den Feinden des HERRN durch diese Sache Anlass zur Lästerung gegeben hast, muss auch der Sohn, der dir geboren ist, sterben. 15 Und Nathan ging in sein Haus zurück.
Was David getan hat, ist krass.
Und damit meine ich jetzt nicht, oder allenfalls am Rande, die Sache mit dem Fremdgehen. Auch wenn es vor allem dieser Teil der Geschichte ist, der Künstlerinnen und Künstler über die Jahrhunderte hinweg am offenbar meisten fasziniert hat.
Die schöne Batseba im Bade, das war und ist ein beliebtes Motiv in der Malerei. Betrachten wir etwa die Batseba von Peter Paul Rubens – das ist ja naheliegend hier in Siegen, zumal heute, wo Stadtfest gefeiert wird.
Rubens inszeniert die Badende in besonders sinnlicher, aufreizender Pose. Die Frau als Verführerin – die dem Mann zum Verhängnis wird.
Ein uraltes, nach wie vor wirkmächtiges patriarchales Motiv. Bis heute wird vergewaltigen Frauen zum Vorwurf gemacht, sie seien eben zu provozierend gekleidet gewesen.
David und Batseba und ihre folgenreiche royale Affäre - das ist mehr als ein Fall für die Gala oder die Neue Post. Denn diese Affäre, sie hat ein toternstes Nachspiel.
Es geht um einen Auftragsmord.
Veranlasst vom Staatsoberhaupt höchstpersönlich und durchgeführt mit Mitteln, wie sie ausschließlich jemandem in einer solchen Position zur Verfügung stehen. Das Mordopfer ist Uria, der Hetiter, ein bewährter Offizier der israelischen Armee[2][1], ein Mann mit Migrationshintergrund. Einer, der für seine unbedingte Loyalität bekannt ist.
Uria war dem König im Weg. Er musste weg, beseitigt werden. Bloß wie?
Wie praktisch, dass Israels Armee gerade in Kämpfe verwickelt ist, in der Ferne, im Osten. Könnten nicht die Feinde das schmutzige Geschäft des Tötens erledigen?
David veranlasst, dass Uria an der Front in eine tödliche Falle gerät.
Nicht lange und die Nachricht von Urias Tod trifft in Jerusalem ein.
Was tut David? Er setzt seine staatstragende Miene auf und heuchelt Bedauern.
Aber Gott lässt sich nicht hinters Licht führen.
David hätte das wissen können.
„Der Mensch sieht, was vor Augen ist, der Herr aber sieht das Herz an[3][2]“.
Das hatte der Prophet Samuel einst gesagt. Damals, als er den blutjungen David zum König gesalbt hatte.
David, der Hoffnungsträger.
Der es besser hatte machen sollen als Saul, sein überforderter, impulsgesteuerter Vorgänger.
Mit jedem Schritt auf der Karriereleiter erweitern sich Davids Möglichkeiten. Macht kann zum Guten eingesetzt, aber auch schamlos ausgenutzt werden.
„Wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern[4][3]“, sagt Jesus.
Gott verlangt Rechenschaft. Er durchschaut die Intrigen der mächtigen Macher. Die lauten und die lautlosen Schreie der Opfer, sie werden gehört in der himmlischen Welt.
Gott sendet Boten und Botinnen, die das Unrecht aufdecken.
Journalistinnen und Menschenrechtsanwälte, Jugendliche, die Demoplakate beschriften und die Schule schwänzen. Wissenschaftlerinnen, die aufrüttelnd und faktenbasiert informieren, die uns vor Augen halten, dass es eigentlich längst fünf nach zwölf ist. Gott sendet mutige Menschen mit prophetischen Stimmen. Leute wie Nathan.
Nathan verhält sich strategisch, legt dem König einen Rechtsfall vor. Was nichts Ungewöhnliches ist. Der König ist damals in Israel die oberste Instanz der Justiz.
Hofft Nathan, das Davids Rechtsempfinden noch nicht völlig auf dem Hund ist?
Herzzerreißend jedenfalls die fiktive Geschichte vom armen Mann, der sein einziges geliebtes Lamm geraubt bekommt – ausgerechnet von einem, der es eigentlich überhaupt nicht nötig hätte.
David reagiert empört. Verlangt die Höchststrafe! „Dieser Mann ist ein Sohn des Todes.
Nathan schaut David an und sagt:
אַתָּ֣ה הָאִ֑ישׁ
Ein Satz wie ein Blitz. Kurz und heftig. Wie aus heiterem Himmel.
Gleißendes Licht - augenblicklich wird Davids Herz ausleuchtet, bis in die verborgensten Winkel.
אַתָּ֣ה הָאִ֑ישׁ
„Du bist dieser Mann[5][4]“
Der König auf seinem Thronsessel.
Ich sehe ihn vor mir, wie er in sich zusammensackt.
Tief gebeugt, den Kopf mit beiden Händen abgestützt, mit geschlossenen Augen muss er sich anhören, was der Prophet weiter zu sagen hat.
Wahrscheinlich sind die beiden nicht allein. Wer auch immer diese Szene miterlebt haben mag, er oder sie wird jetzt ganz Ohr sein.
Nathan redet mir ruhiger, klarer Stimme.
Er erinnert zuallererst an all das Gute, das David geschenkt ist, geht sozusagen ressourcenorientiert vor.
Wie kann das sein, dass ausgerechnet so einer wie Du, David, den Hals einfach nicht voll bekommen konnte? Hätte es nicht andere, legale Wege gegeben, Dein Begehren zu stillen?
Nathan fasst die Faken zusammen: Knapp, präzise, unmissverständlich.
David hat mit Batseba geschlafen, der Frau eines anderen Mannes.
Und als sich herausgestellt hat: Dieser Seitensprung hat Folgen, hat David es mit dem klassischen Täuschungsmanöver versucht. Aber die Strategie, das Kind dem betrogenen Ehemann unterzuschieben, ist gescheitert. Ausgerechnet an der Korrektheit des Betrogenen.
Hättest Du nicht spätestens jetzt zur Besinnung kommen müssen, David?
An Deinen Händen klebt Blut! Nicht das Blut der Feinde Israels, sondern das Blut eines Deiner treusten Untergebenen.
Auch wenn Du nur Befehle erteilt und eine Unterschrift geleistet hast.
Ein Mörder bist Du, David.
Ein feiger, elender Schreibtischmörder.
Nathan bringt in Gottes Auftrag ans Licht, was nicht wieder gut zu machen ist, jedenfalls nicht hier, nicht auf der Erde:
Das Leben eines Menschen ist ausgelöscht.
Unwiederbringlich.
Und nicht nur das, die böse Tat, sie betrifft nicht nur die unmittelbar ins Geschehen Verstrickten.
Was David getan hat, hat Beziehungs- und Vertrauensbande zerrissen.
In Davids Familie. Unter seinen Führungskräften, in seinem Volk.
Zerrissen ist auch Davids Vertrauensbeziehung zu Gott.
David, geliebter David[6][5], - was wird aus Dir werden?
Wir haben deinem Harfenspiel gelauscht.
Deine Psalmen mitgebetet.
Dich bewundert für Deinen Glaubensmut.
David, geliebeter David,
Gottes Gesalbter, was soll aus dir werden?
„Ich habe gegen den HERRN gesündigt“.
Der Täter gesteht.
Ganz still wird es jetzt.
Vielleicht nur ganz kurz.
Aber dies ist der entscheidende Wendepunkt.
Ein heiliger Augenblick.
Halten sie den Atem an in der himmlischen Welt?
Bevor sich dort jene Freude Bahn bricht– von der Jesus spricht, wenn er sagt:
„Es wird Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, mehr als
über 99 Gerechte, die der Buße nicht bedürfen[7][6]“
David hat sich dem göttlichen Urteil gebeugt.
Andere Könige, Präsidenten, Potentaten, Bischöfe und Bosse vor ihm und nach ihm beauftragen PR-Agenturen, verfügen fristlose Entlassungen, Haftbefehle, Todesurteile. Je nach System und Zeit unterscheidet sich, was im Werkzeugkasten der Mächtigen liegt.
David hätte, anstatt zu bereuen und zu bekennen, genauso gut die Schuld auf Joab schieben können. Seinen Heerführer, seine ausführende Hand. Das wäre naheliegend gewesen, zu versuchen, Joab als den eigentlich Schuldigen hinzustellen.
Aber David übernimmt selbst die volle Verantwortung. Ohne jeden Abstrich.
Wie reagiert der Prophet?
Was sagt Gott?
„So hat auch der HERR deine Sünde hinweggetan“ – antwortet Nathan. Wortwörtlich: So hat der HERR „Deine Versündigung vorüber gehen lassen, du musst nicht sterben.“
Vergebung kann ich mir nicht selbst zusprechen.
Es braucht das Verbum externum, das heilsame Wort von außen.
Gott gewährt David, was er einst bereits Kain gewährt hat, dem Brudermörder: Ein Weiterleben. Trotz der Schuld. MIT der Schuld.
Vergebung bedeutet:
Das Böse, das ich getan habe, die Sünde, die durch mich in die Welt gekommen ist, soll mich nicht länger beherrschen.
Gott spricht mich frei. Sieht in mir mehr als meine Tat. Ich bin und bleibe sein Kind. Und meine Sünde ist jetzt nicht mehr mein Problem, sondern Gottes Problem. Auch wenn, das schwer zu fassen ist.
1000 Jahre nach David wird Jesus erzählen, wie der Vater im Himmel den verlorenen Sohn voller Freude in seine Arme schließt, wie er Festmahl bereiten und wie er saubere Kleider herbeibringen lassen wird und einen neuen kostbaren Siegelring[8][7].
Vergebung heißt also auch: Gott traut mir zu, dass ich auch in der von meiner Schuld geprägten Situation in seinem Sinne handeln kann.
David darf König bleiben, auch wenn sich seine Tat wie das Startsignal lesen lässt für die Intrigen und blutigen Kämpfe, die jetzt ausbrechen unter seinen Söhnen und in der Führungsetage, über der Frage, wer die Thronfolge antreten soll.
Alle müssen weiterleben mit den Folgen der bösen Tat.
Trotz des göttlichen Zuspruchs der Vergebung. Die Opfer müssen es oder ihre Hinterbliebenen, ebenso wie der Täter oder die Täterin. Selbst scheinbar Unbeteiligte werden hineingezogen.
Der Schmerz wird neue Schmerzen hervorbringen. Neue Wunden schlagen.
Dafür steht wohl auch das Kind, das Batseba geboren hat und das nicht lange leben darf.
Mit den Folgen der bösen Tat leben und mit ihnen umgehen, das kann, je nachdem für alle Beteiligten eine bleibende Herausforderung, eine ernste Lebensaufgabe sein.
Beides gilt, es darf nicht auseinandergerissen werden:
Gott beseitigt die Sünde. Er lässt sie „vorbeischreiten“, er „bedeckt sie[9]“, wirft sie in die tiefste Tiefe des Meeres[10]. Ich bin als Täterin meiner Tat und ihren Folgen nicht heillos ausgeliefert.
Und zugleich stellt Gott mich wieder hinein in die durch meine Tat veränderte Realität[11][8].
Auch in die Realität des Jahres 2022, in dem sich die Auswirkungen der Klimakatastrophe nicht mehr kleinreden lassen und in denen wir uns auseinandersetzen müssen mit einem abscheulichen Krieg und seinen Folgen.
„Das Schwert [soll] von deinem Haus auf ewig nicht weichen“ und „Siehe, ich lasse aus deinem eigenen Haus Unglück über dich entstehen[12][9]“
So hatte Nathan es David prophezeit und so kommt es auch.
David wird aus Jerusalem fliehen, vor dem eigenen Sohn, der einen Putschversuch gestartet hat gegen den eigenen Vater.
Voller Angst wird David den gleichen Weg gehen, den Jesus ein Jahrtausend später ebenfalls wird gehen müssen.
Durchs Kidrontal hinauf auf den Ölberg.
Weinend, betend und flehend, begleitet von einigen Getreuen.
Dort am Ölbergs wird sich für David erweisen, dass er die tödlichen Folgen seiner Tat wahrhaftig nicht tragen muss, dass es wahr ist, was der Prophet ihm geantwortet hat auf sein Schuldbekenntnis hin: „der HERR hat deine Versündigung an Dir vorübergehen lassen, du musst nicht sterben.“
Jesus, hingegen, der Sohn Davids, auch er Gottes geliebter Gesalbter,
Jesus betet vergeblich: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber![13][10]“
Ein anderer hat getragen, was ich nicht tragen kann. Die tödlichen, ewigen Folgen meiner Schuld.
Ich bin freigesprochen.
Befreit, mich meiner Verantwortung zu stellen.
Ich muss nicht verdrängen, vertuschen und verzweifelt versuchen, die Schuld auf andere zu schieben.
Ich kann es wagen, zu meiner Schuld zu stehen und umzukehren.
Ich kann versuche es besser zu machen.
So gut es mir möglich ist,
als Mensch in meinem zwiespältigen Leben jenseits von Eden.
Ich werde immer wieder scheitern.
Aber ich bin nicht allein.
Dass wir schuldig werden, unweigerlich, weil wir Menschen sind,
das teilen wir miteinander.
Wir können versuchen, es uns gegenseitig leichter zu machen.
Um Gottes Willen,
der versprochen hat, uns die Treue zu halten.
Und der am Ende, in seinem himmlischen Forum am jüngsten Tag,
in seinem heilsam zurechtbringenden Gericht heilen und versöhnen wird, was hier auf Erden zerrissen und unvollständig geblieben ist.
Für jetzt und für hier stehen Brot und Wein bereit. Das Abendmahl, das „keine Belohnung ist für die Perfekten, sondern Wegzehrung für Sünder“[14].
Für jetzt und für hier haben wir die Psalmen. Israels Gebetbuch, aus dem wir uns Worte leihen können, auch dann, wenn wir schuldig, wie David geworden sind.
Lasst uns gemeinsam beten,
mit Worten aus dem 51. Psalm,
der David zugeschrieben wird.
Lasst uns, wie David bitten um ein neues Herz, um einen neuen gefestigten
Geist.
AMEN.
Wir beten mit Davids Worten:
Psalm 51 (NGÜ) in Auszügen[15][11] im Wechsel
…
3 Sei mir gnädig, o Gott – du bist doch reich an Gnade! In deiner großen Barmherzigkeit lösche meine Vergehen aus!
4 Wasche meine Schuld ganz von mir ab, und reinige mich von meiner Sünde!
5 Denn ich erkenne meine Vergehen, und meine Sünde ist mir ständig vor Augen.
6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ja, ich habe getan, was in deinen Augen böse ist. Das bekenne ich, damit umso deutlicher wird: Du bist im Recht mit deinem Urteil, dein Richterspruch ist wahr und angemessen.
…
8 Du liebst es, wenn ein Mensch durch und durch aufrichtig ist; so lehre mich doch im Tiefsten meines Herzens Weisheit!
…
10 Lass mich wieder etwas Wohltuendes hören und Freude erleben, damit ich aufblühe, nachdem du mich so zerschlagen hast.
11 Schau nicht weiter auf die Sünden, die ich begangen habe, sondern lösche meine ganze Schuld aus!
12 Erschaffe in mir ein reines Herz, o Gott, und gib mir einen neuen, gefestigten Geist.
13 Schick mich nicht weg aus deiner Nähe, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
14 Lass mich wieder Freude erleben, wenn du mich rettest. Hilf mir, indem du mich bereit machst, dir gerne zu gehorchen.
…
AMEN
Eine Fülle von Anregungen für diese Predigt habe ich gewonnen aus einem Interview von Julia Krebel, Westfälische Wilhelms-Universtität Münster mit Prof. Dr. Magdalene Frettlöh, Bern: "Mit Magdalene L. Frettlöh im Gespräch : Über Schuld,
das Wunder der Vergebung und die Hoffnung auf ein anderes Forum", 2011. https://miami.uni-muenster.de/Record/b276941d-8d0e-4a8f-9ae1-dfd86b8e810f, abgerufen am 02.09.22
[1][1] So Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck am 1. April in der ZDF Sendung „Lanz“: "Wir ziehen mit unserem täglichen Leben eine Spur der Verwüstung durch die Erde, was immer wir tun hat Konsequenzen", zitiert nach: Mattausch, Birgit: „Ein bisschen weniger schlimm“, Spiritus-Blog, 04.04.2022, https://www.evangelisch.de/blogs/spiritus/199420/04-04-2022, abgerufen am 24.08.22, 10:50 Uhr
[3][2] 1. Samuel 16,7
[4][3] Lukas 12, 48
[5][4] 2. Samuel 12,7
[6][5] Geliebter oder Liebender ist die Namensbedeutung von David
[7][6] Lukas 15,7
[8][7] Siehe Lukas 15,11-32
[9] Psalm 32,1
[10] Micha 7,19
[11][8] Butting, Klara: „11. Sonntag nach Trinitatis: 2. Samuel 12,1-10.13-15a. Schuld und Vergebung in: Studium in Israel, Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext. Zur Perikopenreihe 4, Berlin, 2021, Seite 340
[12][9] 2. Samuel 12,10-11
[13][10] Matthäus 26,39. Der Vergleich mit der Septuaginta zeigt, dass hier die gleiche Verbform zugrunde liegt.
[14] Frei nach dem Gedächtnis zitiert: Ratzinger, Joseph (ich habe mir das Zitat einmal irgendwann einmal notiert, leider ohne Quellenangaben, sie lässt sich im Nachhinein bedauerlicherweise von mir auch nicht mehr recherchieren.
[15][11] Folgt der Versauswahl zu Psalm 51 im EG 727

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