Donnerstag, 26. Dezember 2013

arm für uns (Predigt über 2. Kor. 8,9)

Predigt am zweiten Weihnachtstag 2013 in der Ev. Kirche Wilnsdorf

Weihnachtsbaum in der Ev. Kirche Wilnsdorf
Liebe Gemeinde,
Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Bereits Wochen vor dem Fest geht es los: Wohltätigkeitsorganisationen aller Art werben um unsere Aufmerksamkeit.
In unseren Briefkästen finden wir aufwändig gestaltete Spendenaufrufe. Nicht selten sind irgendwelche Gimmicks mit dabei: Postkarten und Kalender mit Fotos von niedlichen dunkelhäutigen Kindern, Adressaufkleber mit Pandabär-Motiv und dergleichen mehr. Alles gratis, versteht sich. Aber wir sind ja nicht dumm, wir verstehen schon, wie das ganze gemeint ist. Zumal die passenden Überweisungsformulare – wie praktisch - gleich beiliegen.
„Fundraising“ nennt sich das auf Neu-Deutsch. Professionelle Spendenwerbung. Auch bei uns in der Kirche greifen wir inzwischen ganz selbstverständlich darauf zurück. Und warum auch nicht? Wenn es um eine gute Sache geht, ist es ja nur zu begrüßen, wenn möglichst viele ermutigt werden, ihren Beitrag zu leisten.

Im 2. Korintherbrief, im 8. und 9. Kapitel stoßen wir auf eine Art antikes Fundraising. Paulus wirbt hier für eine großangelegte Spendenaktion zugunsten der verarmten Jerusalemer Gemeinde. Ein Vers aus diesem Spendenaufruf ist uns für heute als Predigttext vorgeschlagen.
Ich lese 2. Korinther 8,9:

Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.

Liebe Gemeinde,
ein Zitat aus einem Spendenaufruf entpuppt sich als Weihnachtsbotschaft. So konzentriert, so pointiert bekommen wir sie eher selten zu hören:
Obwohl er, Christus, reich ist, wurde er  doch arm um unseretwillen, damit wir durch seine Armut reich würden.

Und doch ist uns das Grundmotiv vertraut, dieser "fröhliche Wechsel“, wie Martin Luther das Ganze einmal genannt hat. Viele Weihnachtslieder erzählen davon: Eines davon haben wir eben gesungen:
"Er äußert sich all seiner G`walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding".

Und in einem von Luthers Weihnachtsliedern „Gelobet seist Du Jesus Christ“, das wir später noch zusammen singen werden, heißt es in der 6. Strophe:
„Er ist auf Erden kommen arm, dass er unser sich erbarm und in dem Himmel mache reich und seinen lieben Engeln gleich. Kyrieleis.“

Die altbekannten Worte und Melodien rufen das vertraute Bild in uns wach: Vom nächtlichen Stall und vom Kind in der Krippe.  
Wie ärmlich die Verhältnisse waren, in die das Jesuskind hineingeboren wurde, wird in vielen Krippenspielen phantasievoll ausgeschmückt:
So erfolgreich übrigens, dass man schon ziemlich bibelfest sein muss, um z.B. zu wissen, dass der böse Wirt, der Maria und Joseph so hartherzig fortschickt, eine reine Erfindung ist.

Einfach damit man sich das ein bisschen besser vorstellen kann, wenn es heißt:
„Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“.

Und doch: So behelfsmäßig das alles auch gewesen sein mag und so sehr wir jedes Jahr an Weihnachten auch betonen mögen, wie arm das Jesuskind doch gewesen sein muss:  
Die nächtliche Szene im Stall hat in unserer Kultur, in unserer gemeinsamen Vorstellung, einen  durchaus  idyllischen Charakter angenommen.

Fernab von den Häusern und Straßen der kleinen Stadt, irgendwo  versteckt zwischen Hügeln liegt er, jener windschiefe Unterstand.
Wer ihn betritt, den empfängt die dampfende Wärme des Viehs und der Duft nach frischem Heu.
Ein wenig Licht spendet allein der Schein einer alten Laterne. Der gütige Joseph hält sie hoch, um dem stillen Betrachter einen Blick auf das wunderbare Geschehen zu ermöglichen:
Wir sehen Maria, eingehüllt in ein fließend langes Gewand. Matt, aber beseelt lächelt sie. Und hat doch nur Augen für ihr Neugeborenes: Hübsch ordentlich gewickelt und gepuckt liegt es in seiner Krippe und schläft.
Scheu und ehrfürchtig treten die Hirten hinzu. Gebeugt, ja anbetend verharren sie in angemessenem Abstand zu Mutter und Kind.
Nur die kleinsten ihrer wolleweichen Lämmer drängeln sich vorwitzig um die Krippe.
Und draußen hoch am Himmel, genau über dem Stall, leuchtet der Weihnachtsstern.

Liebe Gemeinde, ist es nicht das, worum es an Weihnachten wirklich geht?
Um das Kind in der Krippe, um Maria und Joseph: Dieses bescheidene stille Glück, dieses Sinnbild familiärer Geborgenheit, allem Ungemach der Welt da draußen zum Trotz?

Genau danach sehen sich viele, wir vielleicht auch, wenn es auf Weihnachten zugeht.
Wär` das nicht schön, wenn auch wir, wenigstens ein kleines bisschen was von dieser besonderen Weihnachtsstimmung erleben könnten, zuhause unterm Tannenbaum?
Diese speziell- heimelige Atmosphäre: Gemütliches Zusammensein mit den Menschen, die uns am nächsten stehen? Zusammenhalt spüren. Das Glück der Kinder genießen. Das ist doch Weihnachten! So sollte es zumindest sein.

Bemerkenswert sachlich, beinahe kühl klingt dagegen das, was Paulus schreibt. Geradezu formelhaft hört es sich an:   
Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus: obwohl er reich ist, wurde er doch arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.
Paulus kommt ohne jedes Pathos aus, er verzichtet auf alle die vertrauten Details:
Keine Rede von Heu und Stroh, Stall und  Krippe oder irgendwelche anderen Zeichen materieller Entbehrung.

Paulus lenkt unseren Blick auf das, was sich hinter all den sichtbaren Zeichen verbirgt:  
Der Punkt, auf den alles ankommt, ist für ihn nicht das improvisierte Babybettchen, sondern dass Christus ganz bewusst und mit radikaler Konsequenz alle Vorteile seiner göttlichen Existenz aufgibt.

"Christus wurde arm um euretwillen".

Oder, wie im Christushymnus aus dem Philipperbrief heißt, den wir eben gebetet haben:  

Er „erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an“.

Das bedeutet: Der Sohn Gottes unterwirft sich der Begrenztheit eines ganz gewöhnlichen menschlichen Lebens. Freiwillig. Und zwar ohne Netz und doppelten Boden.

Als unsere Kinder noch klein waren und sich, wie wohl alle Kinder in einem bestimmten Alter, gerne Rollenspiele ausgedacht haben, da standen sie immer wieder vor dem Problem, dass ihnen nie alle Requisiten zur Verfügung standen, die eigentlich nötig gewesen wären. Von fehlenden Fertigkeiten ganz zu schweigen!
Aber Kinder sind ja bekanntlich erfinderisch.

Und so spielten unsere drei z.B. Reiterhof trotz fehlender Pferde. Sie tranken Kaffee, auch wenn echter Kaffee natürlich nichts ist für Kinder. Einer unserer Jungs spielte sogar eine Zeitlang regelmäßig mit großer Hingabe auf einer dreimanualigen Kemperorgel – zuhause im Kinderzimmer, versteht sich.
Der Kunstgriff dabei: So tun als ob. So tun als ob die Sofalehne ein Pferd wäre. So tun als ob kaltes Wasser Kaffee wäre. Und die Holzkiste der Spieltisch einer Orgel.
So tun als ob.

Nun ist diese Redewendung nicht ganz leicht auszusprechen, wenn man erst zwei oder drei Jahre alt ist.
Und deshalb wurde in unserer Familiensprache aus „so tun als ob“ das sehr viel einfachere „obstun“. Dieser Sprachgebrauch hielt sich lange, auch als unsere Kinder längst fehlerfrei sprechen konnten. Manchmal sagen wir das sogar heute noch: „Obstun“.

"Obstun" ist eine feine Sache: Es ermöglicht ein vollkommen unverbindliches Probehandeln, ein Ausprobieren und Reinschnuppern ohne ernsthafte Konsequenzen. Genau das, was Kinder brauchen, um die Welt besser kennen zu lernen.
Für den Sohn Gottes jedoch war das, was an Weihnachten geschehen ist alles andere als ein "Obstun": Er wurde wirklich ein Mensch, mit allen Konsequenzen, "ganz in echt", wie Kinder wohl sagen würden.
So verstanden ist Weihnachten alles andere als eine nette, märchenhafte Geschichte, die uns das Herz wärmt.

Ein Gott, der Mensch wird, und damit auf all seine göttlichen Privilegien verzichtet und der dennoch Gott bleibt:
Das ist ein Geschehen von kosmischer Bedeutung. Ein Ereignis, das die Verhältnisse zwischen Himmel und Erde, zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt von Grund auf verändert.

Ein Gott, der Mensch wird, und damit auf all seine göttlichen Privilegien verzichtet und der dennoch Gott bleibt:
Das ist aber auch eine echte Herausforderung für den menschlichen Verstand.
Unsere Auffassungsgabe und unsere Vorstellungkraft kommen da nicht hinterher.
Aber weil es in diesem Satz um nichts weniger geht, als um so etwas wie die Grundmatrix des Evangeliums, lässt er sich nicht einfach beiseiteschieben.
Und so mag es nicht verwundern, dass die Denker der jungen Kirche intensiv mit diesem Paradoxon, diesem scheinbar unauflöslichen Widerspruch, gerungen haben.
Lange haben die ersten christlichen Theologen hin- und her diskutiert. Es wurde heiß gestritten.

Die verschiedensten Möglichkeiten wurden durchgespielt, um das ganze irgendwie auf den Begriff zu bringen:

  • Ist Christus ein von Gott dem Vater irgendwann erschaffenes Wesen und damit eine Art Gott zweiter Klasse?
  • Oder: Existierte Christus schon vor der Schöpfung?
  • War es vielleicht so, dass der Mensch Jesus irgendwann, z.B. bei seiner Taufe, von Gott sozusagen adoptiert wurde? Als eine Art Auszeichnung, weil er ein besonders guter Mensch war, ein Prophet, ein begnadeter Lehrer?
  • Oder war Jesus in Wahrheit doch gar kein richtiger Mensch, sondern war es denen, die mit ihm zu tun gehabt hatten, nur so vorgekommen, als wäre Jesus ein Mensch? Womit wir wieder bei der Idee wären, das Jesus ein "Obstun-Mensch" gewesen sein könnte. Ein Gott, der nur so tut, als wäre er ein Mensch?
 Die Situation muss ziemlich verwirrend gewesen sein. Wenn wir heute versuchen, diese frühen Auseinandersetzungen darum, wer Jesus eigentlich war, irgendwie nachzuvollziehen: Dann müssen wir uns echt konzentrieren, um einen gewissen Überblick zu gewinnen.

Im Jahr 325 schließlich, beim Konzil von Nicäa fand man eine Lösung, mit der alle leben konnten. Als verbindliche Lehre wurde festgehalten:
Christus ist nicht erschaffen worden, er war Gott von Anfang der Schöpfung. „Geboren vom Vater vor aller Zeit“. Auf diese Formel einigte man sich.
„Er ist vom Himmel gekommen und hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.“  
Also: Jesus war wahrer Mensch und wahrer Gott zugleich.

Damit war die Diskussion zwar noch nicht beendet, denn der logische Knoten hatte sich ja, streng genommen, nicht wirklich aufdröseln lassen, bis heute nicht.

Aber das Bekenntnis von Nicäa hat sich durchgesetzt und verbindet die gesamte Christenheit nach wie vor weltweit.
Heute am Weihnachtstag werden wir es in diesem Gottesdienst zusammen sprechen, es steht in unserem Gesangbuch direkt hinter dem apostolischen Glaubensbekenntnis, das wir für gewöhnlich sprechen.
Das Glaubensbekenntnis von Nicäa verleiht uns Worte, mit denen wir das, was eigentlich unfassbar ist, aussprechen und uns zu Herzen nehmen können:

Dass Gott Anteil genommen hat an unserem Leben.
Dass der Gott, auf den wir hoffen und dem wir vertrauen ist kein konturloses höheres Wesen, keine anonyme allmächtige Größe irgendwo da draußen im Weltall ist.
Der allmächtige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Ursprung von allem, was lebt, unerreichbar für den menschlichen Verstand, hat sich uns gezeigt.Und zwar zu einem konkreten Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit in der Gestalt des Jesus von Nazareth.

Gott war sich nicht zu schade, seine Majestät aufzugeben, das Leben eines ganz gewöhnlichen Menschen zu führen.

Den Grund, warum er das getan hat, nennt Paulus "Charis": Das heißt: Gnade. Erbarmen. Mitgefühl. Gunsterweisung.
Gott hat es nicht aushalten wollen, dass wir Menschen uns selbst und damit am Ende dem Tod überlassen sind.

Darum ist Jesus gekommen und hat alles erlebt, was zum Menschsein dazu gehört:
·        Die Freude an der Schönheit der Schöpfung,
·        die Erfahrung geliebt zu werden und dazuzugehören.
·        Das gute Gefühl, etwas geschafft zu haben.
·        Das Risiko missverstanden zu werden und mit anderen in Konflikte zu geraten.
·        die Plagerei und die Tücken des Alltags.
·        Müdigkeit, Zahnweh und Halsschmerzen.
·        Die Belastung, nicht in die Zukunft sehen zu können und deswegen immer bedroht zu sein von der Sorge, was morgen sein wird.
·        Mit unerfüllten Wünschen zurechtkommen müssen. Todtraurig zu sein, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

"Christus wurde arm":

Das heißt wohl auch das:
·        Dass Jesus nicht allwissend war,
·        dass er Gott nicht ins Geschichtsbuch sehen konnte.
·        Dass er nicht schon vorher wusste, wie alles ausgehen würde.

Am deutlichsten erkennen wir das an der Szene im Garten Gethsemane, kurz bevor Jesus verhaftet wurde. Unter Tränen hat er den Vater im Himmel angefleht: "Vater, willst Du, so nimm diesen Kelch von mir. Aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe."

Wir schmälern das Vertrauen, das Jesus Gott entgegen gebracht hat, wenn wir aus ihm unter der Hand eine Art Übermensch machen, einen Supermann, der das Risiko des Glaubens im Grunde nicht nötig hatte.
Denn das ist ja gerade der Verdienst von Jesus, dass er Gott rückhaltlos vertraut hat. So ausnahms- und bedingungslos wie kein anderer Mensch, der vor ihm oder nach ihm gelebt hat.  

Alle vier Evangelien berichten übereinstimmend davon wie Jesus in jeder Situation seines Lebens daran festgehalten hat, dass Gott die Liebe ist. Selbst am Kreuz, als sich alle Gemeinheit und Bosheit zu der wir Menschen fähig sind, gegen ihn richteten.
Jesus ist Gott treu geblieben ist, bis zum letzten Atemzug

Darum hat der Tod Jesus nicht festhalten können.
Gott ihn aus dem Tod herausgerufen und ihm neues, ewiges Leben geschenkt. Eine neue Art von Leben, gegen das der Tod nichts mehr ausrichten kann.

Darin besteht der Reichtum, den Jesus erworben hat.

Und diesen Reichtum behält er nicht für sich, sondern will ihn mit uns teilen.

Das ist die gute Nachricht, jene große Freude, die allem Volk wiederfahren soll, so wie es der Engel den Hirten auf dem Feld verkündigt hat.   

Christus wurde arm um euretwillen, damit ihr durch seine Armut reich würdet.

Diejenigen, die begriffen haben, wie reich beschenkt sie sind durch das, was Jesus getan hat, die werden nun gar nicht anders können, als diesen Reichtum mit anderen zu teilen.

Immer wieder in der Geschichte der Kirche, ist das Hand in Hand gegangen: Die, deren Herzen berührt worden sind von Gottes Gnade, haben sie weiter gegeben in Wort und Tat.

Ein frühes Beispiel dafür ist der überwältigende Erfolg jener Spendenaktion zugunsten der verarmten Jerusalemer Gemeinde, von der wir zu Beginn schon gehört haben.  
Dieses Projekt muss einzigartig gewesen sein für die damaligen Verhältnisse. Wir können das Geschehen recht gut rekonstruieren, wenn wir den verschiedenen Hinweisen im Neuen Testament nachgehen.

Wie viele Spendenbriefe von der Art, wie die Korinther ihn bekommen haben, werden Paulus und seine Mitarbeiter wohl geschrieben haben? Wir wissen es nicht. Sicher ist: Am Ende muss einen gewaltige Summe zusammen gekommen sein.
Sie war das Ergebnis vieler kleiner Einzelspenden, hergegeben von Leuten, die teilweise selbst kaum genug zum Leben hatten.

Aus allen Himmelrichtungen flossen die Spenden: Aus  Mazedonien und Griechenland ebenso wie aus den entlegensten Gebieten der heutigen Türkei.
Über alle gesellschaftlichen Grenzen hinweg haben diese Christen der ersten Generation sich zusammengetan um ihren Glaubensgeschwistern in Jerusalem zu helfen. Männer und Frauen, Freie und Sklaven, römische Bürger und Angehöriger fremder Völker, Leute, die eigentlich überhaupt nichts verband als allein der Glaube an Jesus: Sie alle haben  zusammen gelegt, um ihren unbekannten Brüdern und Schwestern in ihrer Not zu helfen. Sie taten es aus Liebe, weil sie verstanden hatten, dass das einfach dazu gehört, wenn man Jesus nachfolgen will: Die Bereitschaft, eigenen Privilegien loszulassen zugunsten von denen, die in Not sind.

Das alles war nicht nur eine organisatorische Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass es damals noch kein Bankwesen gab in unserem heutigen Sinne.

Diese Spendenaktion markiert auch der Beginn der Gewohnheit, dass in christlichen Gottesdiensten eine Kollekte eingesammelt wird zugunsten diakonischer Aufgaben und kirchlicher Projekte überall auf der Welt.

Die Sammlung für die Jerusalemer Urgemeinde wurde aber auch zum Symbol dafür, dass die alte Trennung zwischen Juden und Heiden durch Jesus überwunden ist. Die Gemeinde, für die die Gaben bestimmt waren, bestand ja überwiegend aus Judenchristen und in den Gemeinden die sammelten, trafen sich überwiegend Christen aus heidnischen Völkern.

Ein wenig hatte die ganze Spendenaktion also auch den Charakter eines Dankeschöns an die Mutter aller Gemeinden, die Urgemeinde in Jerusalem.
Von dort, aus der Heiligen Stadt, war das Evangelium ja ausgebreitet worden in die gesamte damals bekannte Welt.

Die Augenzeugen dessen, was mit Jesus passiert war, hatten ihre Erfahrungen nicht für sich behalten, sondern sie mit anderen geteilt, so wie Jesus es ihnen aufgetragen hatte. Ein Segenskreislauf war entstanden:

Alle sollen jetzt dazu gehören. Die Tür zur reich gefüllten Schatzkammer der Verheißungen Gottes, zu der zuerst nur das Volk Israel den Zugang hatte, diese Tür steht nun allen offen, die auf Jesus vertrauen.

"Jesus hat den Himmel heruntergewirtschaftet", hat der Schweizer Theologe und Dichter Kurt Marti einmal augenzwinkernd gesagt und von der "Gnadenwirtschaft Gottes" gesprochen.

Gebe Gott, dass die Freude an dieser Gnadenwirtschaft Gottes immer wieder neu auch unsere Herzen erreicht.
Dass sie uns zu fröhlichen Empfängern und zu ebenso fröhlichen Gebern macht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

Sonntag, 17. November 2013

Schweige und höre: Predigt über 1. Samuel 3, 1 - 10 beim Literarischen Gottesdienst

Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres 2013
Trititatis Kirche Niederdielfen

Liebe voll gestaltet bis ins kleinste Detail ist der Literaturgottesdienst in unserer Kirchengemeinde. Ein Team unter der Leitung von Anne Hild und Gisela Stein bereitet den Gottesdienst vor. Hier die Dekoration der Festerbänke im Kirchraum. Weitere Fotos (privat: Siehe unten)



Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, der uns tröstet wie einen seine Mutter tröstet und von Jesus Christus, unserem Herrn.
 
Liebe Gemeinde,

um die Gäste kümmert sich Bruder Johannes. Die Gäste, das sind wir: Einige Männer und  Frauen aus einem Gremium unseres Kirchenkreises. Vor knapp einer Stunde sind wir angekommen, im Haus der Stille der Abtei Königsmünster in Meschede.

Nun sitzen wir im Refektorium, dem klösterlichen Speisesaal, am gedeckten Kaffeetisch. Bruder Johannes erklärt uns alles, was wir für unseren Aufenthalt im Haus der Stille wissen müssen. Wann es Essen gibt, wie die Schließanlage funktioniert  und dass der Klosterladen immer nur vormittags geöffnet hat.

"Vor dem Abendessen wird noch eine weitere Gruppe anreisen", teilt Bruder Johannes uns mit und fügt hinzu: "Diese Gruppe kommt zu einem Schweigewochenende. Und weil sie den Speisesaal gemeinsam nutzen, bitten wir Sie darum, dass auch Sie Ihre Mahlzeiten im Schweigen zu sich nehmen".

Ok - . Keine Tischgespräche - . Schweigend essen - . Darauf sind wir eigentlich nicht eingestellt. Wir schauen einander an. Zwei oder drei von uns wirken beinahe  ein bisschen erschrocken, nicken aber ganz tapfer. Die anderen nicken ebenfalls, aber, man sieht es ganz deutlich: Sie finden die Aussicht eigentlich ganz cool: Wenn man schon mal im Kloster ist, kann man so eine Erfahrung ja auch einfach mal mitnehmen.

Liebe Gemeinde,

es gibt Orte, die sind wie eine Verheißung: Komm, fordern sie uns auf: Tritt heraus aus dem Einerlei deines Alltags, lass Dich ein auf ein Geheimnis, das größer ist als Du.  

Seit Menschengedenken gibt es solche Orte, jede Religion kennt sie: Heilige Haine, Ahnenschreine und Tempel. Moscheen, Synagogen, Kathedralen und Klöster.

Der Schauplatz der Geschichte, die im Mittelpunkt unseres heutigen Predigttextes steht, ist ein solcher heiliger Ort: Die Stiftshütte, das Zentralheiligtum der Israeliten in Silo im Westjordanland.

Eine Art mobiler Tempel ist das. Ein Zelt, kunstvoll und kostbar gefertigt vor langer Zeit, damals als Mose das Volk Israel durch die Wüste führte. Die Bauanleitung, bis ins Detail ausgearbeitet, stammt von Gott höchstpersönlich. "Hier will ich unter euch wohnen". Das hatte Gott versprochen.

Inzwischen, wir schreiben ungefähr das Jahr 1100 vor Christus, hat die Stiftshütte einen festen Platz gefunden. Um sie herum ist im Laufe der Zeit eine Art Pilgerzentrum entstanden. Hierher kommen die Israeliten, um Gott für die Ernte zu danken und um neuen Segen zu erbitten. Hier opfern sie Gott ihre Gaben und feiern miteinander ihre heiligen Feste.

Soweit ist also alles gut organisiert. Die religiösen Traditionen werden gepflegt, die spirituellen Bedürfnisse der Menschen befriedigt. Nur wer näher hinschaut, bemerkt: Da stimmt etwas ganz und gar nicht.

Die Priester nehmen ihre Aufgabe nicht mehr ernst. Mehr noch: Sie missbrauchen ihr Amt. Allen voran Hofni und Pinhas, die Söhne des Hohenpriesters Eli. Schamlos betrügen sie die Gläubigen. Besonders hochwertiges Opferfleisch wandert nicht auf den Altar des Herrn, sondern landet auf dem privaten Grill der Priester. Wer es wagt, lästige Fragen zu stellen, wird dreist abgewimmelt.

Außerdem ist es ein offenes Geheimnis, dass die Priester ständig irgendwelche sexuellen Affären haben. 

Der alte Priester Eli hat es aufgegeben, sich diesem Treiben entgegen zu stellen.

In dieser Umgebung wächst nun ein kleiner Junge auf: Samuel heißt er. Seine Mutter hat ihn so genannt: Samuel, das bedeutet: "Gott hört". Sie war es auch, die ihn  hierher zum Heiligtum gebracht hat, damals, als er noch ein Kleinkind war. Samuel soll lernen, Gott als Priester zu dienen.

Eines Tages, oder besser gesagt, eines Nachts, ereignet sich etwas Außergewöhnliches. Hören wir, was uns dazu im 1. Buch Samuel im dritten Kapitel überliefert ist.

Und zu der Zeit, als der Knabe Samuel dem Herrn diente unter Eli, war des Herrn Wort selten, und es gab kaum noch Offenbarung. Und es begab sich zur selben Zeit, dass Eli lag an seinem Ort und seine Augen hatten angefangen, schwach zu werden, sodass er nicht mehr sehen konnte. Die Lampe Gottes war noch nicht verloschen. Und Samuel hatte sich gelegt im Heiligtum des Herrn, wo die Lade Gottes war.

Was für ein seltsamer Schlafplatz für einen kleinen Jungen! Ausgerechnet hier, direkt vor dem Vorhang, der das Allerheiligste abschirmt, in unmittelbarer Nähe der Lade Gottes mit den Gesetzestafeln darin: Ausgerechnet hier, schläft Samuel auf seiner Matte. Eingenebelt von Weihrauchduft. Alles andere als kindgerecht also.

Aber wir wissen ja: Kinder sind anpassungsfähig.

Und – wer weiß - vielleicht mag Samuel diesen Platz sogar: Denn hier im Inneren der Stiftshütte wird es niemals richtig finster. Von der Dämmerung bis zum Anbruch des neuen Tages brennt  das Licht der Menora, des siebenarmigen goldenen Leuchters. Anders als viele andere Kinder muss Samuel die Dunkelheit der Nacht also nicht fürchten. Und dass dieses Licht eine besondere Bedeutung hat: Das weiß er auch schon. Der alte Eli wird es ihm erklärt haben: Die Menora, die Lampe Gottes, ist eine Erinnerung an das Licht des ersten Schöpfungstages. Jenes Licht das aufleuchtete, noch bevor Sonne und Mond erschaffen waren. Die Menora ist ein Zeichen dafür dass Gott da ist. Immer. Auch dann, wenn er schweigt.

Es gehört zum Priesterdienst dazu, sich um dieses Licht zu kümmern: Müssen die Dochte erneuert werden? Ist noch genügend Olivenöl da? Wir können uns vorstellen, wie Samuel dem alten Eli dabei zur Hand geht und wie er nach und nach kleine Dienste selbst übernimmt.

Jetzt, in der Nacht brennen die sieben kleinen Flammen der Menora leise flackernd vor sich hin. Alles ist ganz still.

Hören wir, was weiter geschieht:

Und der Herr rief Samuel. Er aber antwortete: "Siehe, hier bin ich!, und lief zu Eli und sprach: "Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen." Er aber sprach: Ich habe nicht gerufen; geh wieder hin und lege dich schlafen. Und er ging hin und legte sich schlafen.

Der Herr aber rief abermals: "Samuel!" Und Samuel stand auf und ging zu Eli und sprach: "Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen." Er aber sprach: "Ich habe nicht gerufen, mein Sohn, geh wieder hin und lege dich schlafen.
Aber Samuel hatte den Herrn noch nicht erkannt, und des Herrn Wort war ihm noch nicht offenbart.

Als Samuel hört, wie sein Name gerufen wird, ist das für ihn offenbar gar keine Frage: Das kann nur der alte Eli sein. Wer sonst sollte etwas von ihm wollen, mitten in der Nacht? Samuel hat ja im Grunde nur diesen einen alten Mann, der sich so großväterlich um ihn kümmert. Samuels Mutter, sein Vater und die Geschwister, sie alle sind weit weg. Er kennt sie kaum.

Aber es ist nicht Eli, der ruft. Wir ahnen schon, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis das Rätsel gelöst werden wird. Und richtig: Wie in vielen guten Geschichte sind auch hier aller guten Dinge drei. Hören wir, wie es weitergeht:

Und der Herr rief Samuel wieder, zum dritten Mal. Und er stand auf und ging zu Eli und sprach: "Siehe, hier bin ich! Du hast mich gerufen." Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben rief, und sprach zu ihm: Geh wieder hin und lege dich schlafen; und wenn du gerufen wirst, so sprich: "Rede, Herr, denn dein Knecht hört." Samuel ging hin und legte sich an seinen Ort.

Eli dämmert jetzt endlich, was hier geschieht.

Wer den Anfang des 1. Samuelbuches gelesen hat, wo erzählt wird, was unserer Geschichte vorausgeht, der weiß: Es gab einmal eine Zeit, da hat Gott auch mit Eli gesprochen. Damals hat auch Eli Gottes Stimme gehört. Aber er hat Gottes Stimme nicht gehorcht. Und das ist ein entscheidender Unterschied.

Aber immerhin: Jetzt tut Eli das einzig Richtige. Er lehrt Samuel, was wie man das macht: Antwort geben, wenn Gott ruft. „Leg dich wieder hin, Samuel“, sagt Eli.  „Und wenn Du die Stimme noch einmal hörst, dann antworte: Rede, Herr, denn dein Knecht hört."

Wir sehen ihn förmlich vor uns, den kleine Samuel, wie er, auf bloßen Füßen vermutlich, zurück tappt zu seinem Lager im Heiligsten. Wie er sich wieder unter seine Decke kuschelt, wie er die Ohren spitzt und lauscht. Wird sich die Stimme noch einmal melden?

Höre wir, was uns weiter berichtet wird:  

Da kam der Herr und trat herzu und rief wie vorher: "Samuel, Samuel!" Und Samuel sprach: "Rede, denn dein Knecht hört".

So lange hat Gott geschwiegen, weil niemand hören wollte, was er zu sagen hatte. Aber nun spricht Gott wieder und er wird gehört. Von einem Menschen, der unverstellt ist und unbedarft und offen. So wie es vielleicht nur ein sehr kleiner, ein sehr junger Mensch, ein Kind eben, sein kann.

„Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ (Matth. 18, 3)

Das hat Jesus einmal gesagt. Wenn wir uns ansehen, wie Samuel sich verhält in jener Nacht, verstehen wir besser, wie er das gemeint haben könnte.

„Das ist ja alles gut und schön“, mögen einige nun einwenden. „Aber: Gottes Stimme hören. Also, ich habe das noch nie erlebt. Wäre ja schön, wenn er mir zumindest dann und wann einen Hinweis geben würde, damit ich weiß, welcher Weg gut für mich ist: Soll ich mich um die neue Stelle bewerben? Mein Kind in dieser oder in einer anderen Schule anmelden? Ist es wirklich sein Wille, dass ich eine bestimmte Aufgabe in der Gemeinde übernehme?“

Anderen wiederum liegen solche Sehnsüchte vollkommen fern. Im Gegenteil: Sie finden es überspannt, ja absurd, wenn Leute behaupten, Gott habe zu ihnen gesprochen und ihnen dieses oder jenes mitgeteilt.

Als Jugendliche habe ich zu einem Jugendkreis gehört, wo wir um diese Fragen intensiv gerungen haben. Wir wollten zu gerne wissen, wie man das anstellen kann: Gottes Stimme hören. Wir wollten herauskriegen, was er in dieser oder jener konkreten Frage von uns will. Und, ehrlich gesagt, wir haben manche bizzarre Überlegung dazu angestellt. Nicht nur ich hatte manche Enttäuschung zu verkraften, wenn mal wieder deutlich wurde: Man kann sich offenbar auch gründlich verhören.

Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich verstanden habe: Es ist frommer Unsinn zu meinen, Gott sei daran gelegen, uns glasklare Weisungen für jede, aber auch wirklich jede Entscheidung des Lebens geben zu wollen. Wir haben die Bibel, die uns Auskunft darüber gibt, was gut ist und was böse. Und wir haben unseren gesunden Menschenverstand.  

Die Bibel lehrt uns: Gott ist ein guter Vater. Und wie allen guten Vätern liegt es ihm fern, seine Kinder zu gängeln und ihnen auf Tritt und Schritt Vorschriften machen zu wollen. Wie verantwortungsbewusste Eltern das auch tun, hat er das Ziel, dass seine Kinder freie selbstständige Menschen werden, die lernen, auch in unsicheren Situationen gute Entscheidungen zu treffen.

Wir können um Weisheit beten, aber dann dürfen wir mutig losziehen und unseren Weg gehen in der Gewissheit: Gott geht mit.

Sicherlich, es gibt es auch die wirklich „großen Samuel-Momente“ im Leben. Wenn mit großer innerer Gewissheit spürbar wird: Dieses und nichts anderes ist es jetzt, was Gott von mir will. Solche „großen Samuel-Momente“ hat es auch in meinem Leben schon gegeben, aber ich muss sagen: Sie sind eher selten. Zum Beispiel einmal, als ich ein attraktives Stellenangebot ausgeschlagen habe, weil ich wusste: Es ist nicht meine Berufung.

Sehr viel häufiger kommen nach meiner Erfahrung die eher „kleinen Samuel – Momente“ vor: Wenn ich Gottes Trost verspüre, wenn ich den Eindruck habe: Jetzt korrigiert er mich. Und vor allem, dann wenn er mir einfach einen kleinen inneren Schubs gibt. Das ist dann ein bisschen so, als tippe Gott mir von hinten auf die Schulter und flüstere mir zu: „Schreib dem Menschen, an den Du jetzt denkst einen Gruß. Oder: Lade den und den zum Essen ein. Oder vielleicht auch: Hier musst Du was dagegen sagen, auch wenn Du Dir damit keine Freunde machst.“

Wie aber lernen wir, solche „kleinen und großen Samuel – Momente zu erkennen? Wie können wir unterscheiden zwischen Gottes Stimme und unseren eigenen Gedanken?

Ob das immer so klar unterscheidbar ist, sei dahingestellt. Aber ich glaube, es hat vor allem etwas damit zu tun, dass wir in unserem Leben genug Platz lassen für Stille und Gebet. Dass wir uns bewusst Zeit freihalten, damit die Bibel zu uns sprechen kann.

Dass Gott Samuel anspricht in der Stille der Nacht und in einer Situation, wo er sich ganz nahe bei der Bundeslade, der Truhe mit den Gesetzestafeln, dem in Stein gravierten Wort Gottes aufhält, können wir als ein passendes Bild verstehen.

Denn diese innere Ausrichtung auf Gott in Verbindung mit den Geschichten, Gedichten und all die anderen Texte der Bibel: Das ist es was unser inneres Gehör schärft: Die Ohren unseres Herzens, unsers Gewissens und unseres Verstandes.  

Dies alles ist nichts, was von heute auf morgen geschieht. Es ist ein eher langfristiger Lernprozess, ein Reifen, eine Art innere Umbaumaßnahe, die der Geist Gottes in uns bewirkt. Wir können diesen Prozess unterstützen und dabei gewissermaßen mit Gottes Geist kooperieren.  

„Rede Herr, denn Dein Knecht hört“. Der kleine Samuel steht noch ganz am Anfang seines Weges mit Gott. Hier in unserer Geschichte werden wir Zeugen davon, wie Samuel zum ersten Mal Gottes Stimme hört. Und wir erfahren, dass Gott, obwohl Samuel noch so jung ist, eine schwierige Botschaft entgegen nehmen muss: Gottes Geduld mit den korrupten Priester ist zu Ende. Nicht mehr lange und Gott wird eingreifen und Elis Familie aus ihrem Amt entfernen.

Es ist schwer für Samuel, dem alten Eli diese Nachricht zu überbringen. Aber er fasst sich ein Herz. Samuel hört Gottes Stimme nicht nur, sondern er gehorcht ihr auch.

Daran erkennen wir: Samuel ist ab jetzt ein Prophet. Ein kleiner zwar. Aber er tut genau das, was die Aufgabe eines Propheten ist: Er ist ein Hörender. Der weitergibt, was Gott den Menschen zu sagen hat. Auch dann, wenn es unbequem wird.

Samuel wird weiter hineinwachsen in seine Berufung und Gott treu dienen bis an sein Lebensende. Gott wird ihn zu einem der ganz großen Männer machen in der Geschichte mit seinem Volk.

Wir können das alles nachlesen im 1. Samuelbuch in den Kapiteln, die an unseren heutigen Predigttext anschließen.

Was wir heute aus Samuels Geschichte auf jeden Fall auch lernen können, ist: Gott ist frei in seinem Schweigen und Reden. Es kann deshalb auch Zeiten geben, wo er sich  nicht zu erkennen geben will. Und somit kann es auch keine Methode oder Übung geben, mit der das sozusagen erzwungen werden könnte. Deshalb: Schweigewochenenden sind eine gute Sache. Aber sie sind keine Garantie dafür, dass Gott tatsächlich zu uns spricht.

Wir halten fest: Was für uns zu tun bleibt ist das: Dem Schweigen und dem Hören, dem Lesen der Heiligen Schrift und dem Austausch darüber genug Raum geben. Und offen zu bleiben für Überraschungen und Momente, in denen unser Herz weich wird und hörbereit.

Wie das aussehen kann, habe ich an unserem Klausurwochende im Haus der Stille erlebt. Ich erinnere mich noch gut an jenen Moment ganz zum Schluss, beim Mittagessen vor der Abreise:

Wir sitzen an einem großen Tisch im Refektorium, dem klösterlichen Speisesaal. Schweigend verzehren wir ein köstliches Essen. Hinter uns liegt eine erfüllte Zeit. Wir haben zusammen in der Bibel gelesen, gebetet, uns ausgetauscht.

Durch die bodentiefen Fenster sehe ich den Schneeflocken zu, wie sie leise herabsinken auf die kahlen Apfelbäume des Klostergartens. Ich schaue in die Runde, in die Gesichter derer, die mit mir am Tisch sitzen: Und in mir steigt eine unbändige Freude darüber auf, das ich dazu gehöre. Zur Gemeinschaft derer, die Jesus nachfolgen. Zu seiner Kirche, der die besten Nachricht der Welt anvertraut  ist:  Das Evangelium von Jesus Christus.    AMEN






Hier noch einige Fotos aus dem Gottesdienst:

Ein Blick in den Kirchraum vor Gottesdienstbeginn
Anne Hild und Gisela Stein (von links): Die Initiatiorinnen und Gestalterinnen des Literarischen Gottesdienstes
"Schweige und höre": Ein Kanon der Gänsehaut-Feeling vermittelt. Für mich heute der Höhepunkt! Ein Dank an Annette, Beate, Anne und Sebastian!
Ohne ihn wäre der Literarische Gottesdienst nicht das, was er ist: Jürgen Schmid, Theaterpädagoge kann Texte zum Klingen bringen. Wahnsinn, wie er mit seiner Stimme ohne jede elektronische Verstärkung den Kirchsaal zu füllen vermag.

Übrigens: Der nächste Literarische Gottesdienst in der Trinitatiskirche Niederdielfen findet am 23.03.2014 statt.

Und noch eine Anmerkung zur Predigt: Die Redefigur von den "großen und kleinen Samuel-Momenten" und auch den einen oder anderen Gedanken habe ich einer Predigt von Prof. Dr. Michael Herbst in der "GreifBarplus" / Greifswald vom 03.02.2013 entnommen. Siehe: http://www.greifbar.net/uploads/media/Die_Geschichte_Teil_10.pdf