Mittwoch, 15. März 2023

Lass ihn fließen, den Segen! Genesis 28,10-22

Sonntag Esthomihi 2023 (19. Februar 2023), Internationaler Gottesdienst Trinitatiskirche Wilnsdorf-Niederdielfen, Ev. Ref. Kirchengemeinde Rödgen-Wilnsdorf

 


Heidelbeer-Segen (Die Blaubeer[1]-Geschichte)

Ich liebe Heidelbeeren. Vor allem die aus dem Wald!

Die winzig kleinen Beeren sind so köstlich – aber unglaublich mühsam zu pflücken. Wenn Du überhaupt eine Stelle findest wo es so viele gibt, dass das Pflücken sich lohnt.

Einmal hatten mein Mann und ich das Glück, eine solche Stelle zu finden, wo gesegnet viele Heidelbeeren gereift waren. Kleiner Tipp von mir: Im Sommer zum Wandern immer ein leeres Marmeladenglas mitnehmen!

Als mein Mann und ich eine Weile gepflückt hatten, kamen ein alter Mann und eine alte Frau vorbei. Sie waren mit großen Gefäßen ausgerüstet. Die Frau sprach mich an: „Wie viel haben Sie denn schon gepflückt?“ Ich zeigte ihr meine Ausbeute. Es waren vielleicht zwei-, dreihundert Gramm.

Die Frau machte eine wegwerfende Handbewegung und begann zu prahlen. Wie viele Heidelbeeren sie schon gesammelt hätten in den letzten Tagen. Offenbar hatten die beiden die Büsche mit einer Art Kamm bearbeitete. Das ist eigentlich verboten. Weil es die Sträucher kaputt macht. Die Frau zählte ihre Ausbeute auf: Soundsoviele Gläser Marmelade und Kompott hätte sie eingekocht, soundsoviele Bleche Heidelbeerkuchen gebacken und eingefroren. Der Mann und die Frau mussten die Heidelbeeren gleich eimerweise aus dem Wald geholt haben! Ich sagte, auch um die Frau loszuwerden: „Ach, ich friere die Beeren ein. Mit etwas Vanille-Eis ist das ein schöner Nachtisch, wenn wir mal Besuch haben“. „O Nein!“ entfuhr es der Frau, sie schüttelte den Kopf „So was Gutes doch nicht für andere Leute!!!“

Ihr Lieben, heute soll es um den Segen gehen.

Segen - das meint Glück, Lebensfülle, also etwas, was wir Menschen nicht selbst herstellen oder herbeizwingen können. Segen ist das, was uns einfach so zufällt an Gutem. Das, was uns von Gott geschenkt wird. Segen, das ist das Gegenteil von Fluch.

Alle Religionen beschäftigen sich mit dem Segen.

„An Gottes Segen ist alles gelegen“ steht auf den Balken vieler alter Häuser hier im Siegerland. Und das stimmt wohl auch. Ein Leben ohne Segen - das wäre schrecklich.

Ich habe gemerkt, wie gut es mir tut, wenn ich mich immer einmal wieder erinnere an Situationen oder Orte, wo ich Segen erlebt habe. Das muss nichts Spektakuläres sein.

Segen kann manchmal so klein sein wie die winzigen Heidelbeeren.

Und ein Segensort eine unscheinbare Stelle mitten im Wald.

Überlegt doch mal: welche Orte fallen Euch ein, an denen Ihr Gottes Segen erlebt habt? Irgendwann oder vielleicht in der letzten Woche.

Laleh und ich gehen gleich mit dem Mikro rum. Bitte nennt nur die Orte, die Geschichten dazu können wir uns gleich unten beim Kaffee ausführlicher erzählen! Vielen Dank!

Himmelsleiter-Segen

Ganz unterschiedliche Orte können zu Orten werden, wo der Segen fließt. Wir haben es eben gehört: (Orte nennen, die die Menschen im Gottesdienst genannt haben)

Der Ort, der Jakob zum Segens-Ort wurde, war ein Irgendwo im nirgendwo zwischen Beerscheba und Haran. Ein öder Ort. Wo es nichts als Felsen gibt und Steine. Vielleicht noch ein paar dürre Büsche und Gräser.

Jakob ist auf der Flucht. Weil sein Bruder ihn umbringen will. Jakob hatte seinen Bruder betrogen. Um das Erstgeburtsrecht, um den Segen des Vaters. Der kein gewöhnlicher Segen ist. Sondern ein besonderer Segen. Wer diesen Segen bekommt, das hatte Jakob gewusst, wird von Gott zum Vater eines großen Volkes gemacht werden. Das hatte Gott einst seinem Großvater Abraham versprochen. Und gegenüber seinem Vater Isaak hatte Gott dieses Versprechen bekräftigt. Genau diesen Segen und nichts Anderes hatte Jakob haben wollen. Unbedingt. Um jeden Preis. Obwohl er als zweiter geboren worden war.

Aber kann das wirklich funktionieren - sich den Segen Gottes erzwingen?

Offenbar funktioniert es nicht. Denn jetzt fühlt sich Jakob alles andere als gesegnet, mutterseelenallein wie er ist. Hier an diesem menschenleeren Ort gibt es niemand, der gastfreundlich zu sein könnte. Als Jakob sich schlafen legt, muss er sich mit einem Stein als Kopfkissen zufriedengeben.

In der Nacht träumt Jakob. Er träumt von einer Leiter, die „erdwärts gestellt und (mit) ihrer Spitze gen Himmel (reicht)[2]“, und siehe, Gottes Engel steigen daran auf und nieder.

Jakob träumt von einer Himmelsleiter!

Einer Treppe, die vom Himmel herab bis hinab zur Erde reicht. Jakob träumt sich nicht in den Himmel hinauf, sondern er träumt, dass sich der Himmel auf den Weg hinab zur Erde macht.

Ein wunderbarer Traum! Der Himmel öffnet sich. Die himmlische Welt nimmt Kontakt auf mit der schuldbeladenen, verängstigten Erde. (…)  Jakob muss nicht mühsam eine ewiglange Leiter zum Himmel hochzuklettern – Gottes Boten kommen zu ihm, dem Betrüger, der auf einem steinernen Kopfkissen schläft.

Ganz oben, wo die Leiter den Himmel berührt, steht Gott selbst. Jakob hört Gottes Stimme: „Jakob, ich bin es – der Gott deiner Väter. Ich bin mit Dir. Ich behüte Dich. Trotz allem, was Du getan hast. Mein Segen ist mit Dir und durch Dich und Deine Nachkommen sollen alle Völker der Erde gesegnet werden.“

Als Jakob erwacht, ist er von tiefer Ehrfurcht ergriffen. Er hatte mit allem gerechnet. Womöglich sogar damit, dass er umgebracht wird, hinterrücks im Schlaf von seinem wutentbrannten Bruder.

Womit Jakob ganz sicher nicht gerechnet hatte nach dem albtraumhaften Tag:  

Dass Gott ihm begegnen würde. Mit einem wundervollen Traum.

Dass Gott ihm geben würde, wonach sein Herz sich so sehr gesehnt hatte.

So sehr, dass er bereit gewesen war, zu bösen Mitteln zu greifen.  

Mit allem hatte Jakob gerechnet nach dem ganzen Desaster. Aber nicht damit, dass Gott ihn, den heimatlos gewordenen Betrüger tatsächlich segnen würde.

Jakob sagt: „Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! Hier ist Gottes Haus, בֵּֽית־אֵ֑ל - Bet-El, hier ist die Pforte des Himmels.“

Wirklich wahr: Jeder Ort kann zum Segensort werden.

Wo Gott seine Leiter „erdwärts“ hinstellt, das entscheidet Gott selbst.

Unsere menschlichen Versuche, Himmelsleitern zu bauen, uns den Segen, Gottes zu erzwingen, müssen fehlschlagen. So wie es die Menschen erlebt haben, die versucht hatten, in Babel einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht.

Der Himmel öffnet sich von innen.

Gottes Segen ist unverfügbar.

Was wir tun können, ist um Gottes Segen zu bitten.

Und wenn wir ihn bekommen, den Segen Gottes, dann ist es ungemein wichtig, zu wissen: Segen bekomme ich nie für mich allein!

Gott segnet Jakob nicht in erster Linie, weil er ihm einen Wunsch erfüllen will. Nein, Jakob wird gesegnet, weil Gott durch seine Familie, durch sein Volk, durch Israel alle Menschen auf der ganzen Welt segnen will. So wie es ja auch geschehen ist. Durch Jesus, der ein Nachkomme Abrahams, Isaaks und Jakob ist.

Gottes Segen bleibt nur segensreich, wenn ich bereit bin, den Segen weiterzugeben. Wenn ich geizig umgehe mit dem, was Gott mir schenkt an Glück, an Lebensfreude und Lebensfülle, dann verliert der Segen seine Kraft. Das habe ich damals im Wald gelernt beim Heidelbeeren Pflücken.

Und was noch spannend ist: Der Segen ist keine Einbahnstraße. Kein Gabentausch. Kein Geschäft. Ich gebe Dir etwas von meinem Segen und Du gibst mir dafür etwas von Deinem. Das ist nicht schlecht. Aber Segen meint mehr.

Der Segen ist wie ein Kreislauf. Gottes Segen soll fließen.So ist es gedacht: Gott segnet mich und ich teile diesen Segen, zum Beispiel mir Dir. Und ein ganz anderer Mensch teilt dann vielleicht wieder seinen Segen mit mir. Oder mit Dir. Es geht munter kreuz und quer, hin und her. Ohne Berechnung. Einfach so, weil es schön ist. Das ist wichtig: Segen ist kein Geschäft!

Und zum Kreislauf des Segens gehört auch das: Dass ich den Segen, den Gott mir schenkt, zum Beispiel durch andere Menschen, dass ich diesen Segen auch wieder an Gott zurück gebe. Besonders beglückend ist, wenn wir das gemeinsam tun. Indem wir gemeinsam Gott loben und preisen, in dem wir ihn, Gott segnen.  Im Deutschen hört man das nicht so ohne weiteres, das Loben und Segnen einunddieselbe Sache sind.  Aber auf Hebräisch ist es ganz klar. Und auch im Englischen: Bless the Lord my soul…

Segen, das bedeutet: Gott stellt eine Leiter vom Himmel erdwärts bis zu uns hinab. Gottes Engel steigen darauf auf und nieder. Sie bringen Segen zu uns hinab und sie tragen unsere Gebete, unser Lob, unseren Segen zurück zu Gott. Segen wird nicht weniger durchs Weitergeben, ganz im Gegenteil!

Lassen wir ihn fließen, den Segen: Indem wir miteinander teilen, was Gott uns schenkt, indem wir uns gegenseitig segnen und indem wir Gott segnen. Im gemeinsamen Gebet, durch unser Lob, durch unseren Dank.

AMEN.

[1] Es gibt im Deutschen und erst Recht in unseren Dialekten viele Worte für diese winzigen Beeren: Heidelbeeren, Blaubeeren, oder auch „Schworze Beeren“ (also „schwarze Beeren“ - so hießen sie im Dialekt des hessischen Dorfes, wo ich aufgewachsen bin), Waldbeeren oder im Siegerländer Dialekt: „Wolwern“.

[2] Jacob, Benno: Genesis, Calw, 2000

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