Liebe
Gemeinde,
die
Menschen in Israel zur Zeit Jesu leben in einem besetzten Land.
Und
weil die römischen Herrscher wohl nichts so sehr fürchten wie
Widerstand und Sabotage, sind ihre Soldaten ständig auf der Hut. Sie
greifen hart durch, wenn sie es für nötig halten.
Schon
aus Gründen der Abschreckung und Einschüchterung: Es ist nur gut,
wenn möglichst viele mitbekommen, was denen blüht, die es zu weit
getrieben haben.
Diese
Strategie ist uralt. Auch heute noch wird sie in vielen
Unrechtsstaaten ganz gezielt angewendet. In Syrien ist das so, in
Nordkorea und in einigen anderen Ländern dieser Erde.
Die
Älteren von uns erinnern sich gar an die Zeiten, als auch in unserem
Land Menschen durch die Androhung von Gewalt gefügig und mundtot
gemacht wurden.
Wer
in einem Unrechtsstaat lebt, kennt in der Regel den Preis, den die zu
zahlen haben, die den Herrschenden in die Quere kommen!
Von
daher müssen wir uns nicht wundern, wenn der Evangelist Matthäus
nur sehr spärlich von den körperlichen Qualen berichtet, die Jesus
aus zustehen hatte.
Wie
eine Kreuzigung abläuft, das wissen damals sowieso alle. Das muss
man nicht noch eigens erklären.
Die
Römer wenden diese Hinrichtungsart oft an in den besetzten Gebieten,
denn sie bietet aus ihrer Sicht viele Vorteile:
Eine
Kreuzigung lässt sich leicht umsetzen. Man braucht dazu nicht mehr
als ein paar zuverlässige Soldaten, die die nötigen Handgriffe
beherrschen. Das Material, das gebraucht wird, ist fast überall
problemlos und ohne großen Kostenaufwand verfügbar.
Eine
Kreuzigung ist effizient und im markabren Wortsinn tod-sicher.
Und
weil das, was da passiert, selbst von weitem genau beobachtet werden
kann, wirkt das ganze zusätzlich außerdem noch extrem abschreckend.
„Und
als sie ihn aber gekreuzigt hatten“
-
Mehr Worte macht Matthäus nicht um den eigentlichen
Hinrichtungsvorgang.
Er
weiß: Viele seiner Leser haben schon mit ansehen müssen, wie das
ist, wenn einer blutig geschlagen und unter der Last des Kreuzbalkens
hinaus getrieben wird zur Hinrichtungsstätte. Alle wissen, was dort
passieren wird:
Die
Soldaten werden den Verurteilten zwingen, seine Kleider abzulegen.
Ohne große Verzögerung werden sie ihn an den Holzbalken fesseln.
Routiniert und ungerührt treiben sie grobe Zimmermannsnägel durch
Handgelenke und Fersenknochen.
Wenn
das Kreuz aufgerichtet ist, ist der Todeskandidat weithin sichtbar.
Stunde um Stunde wird er nun dort hängen. Nackt und voller Panik
gegen den Erstickungstod ankämpfend.
Die
grotesk-hängende Körperhaltung wird die Atmung zunehmend
erschweren. Immer stärker wird der Druck auf die Lunge, immer
schwächer die Atemmuskulatur.
Der
Gepeinigte befindet sich inmitten einer Hölle aus Schmerzen und
Todesangst. Je nachdem wie viel Kraft noch übrig ist, dauert es
viele Stunden, manchmal sogar Tage, bis der Tod endlich eintritt.
Bei
Jesus kommt zu all diesen schrecklichen Umständen noch eine weitere
Qual hinzu: Der Spott, dem er ausgesetzt ist und seine Einsamkeit.
Davon
berichtet Matthäus ganz ausführlich. Wir haben es eben in der
Lesung gehört:
Alle
möglichen Leute kommen zum Kreuz. Aber niemanden ist dabei, der
auch nur den Versuch unternehmen würde, Jesus ein Zeichen des
Mitgefühls oder der Solidarität zu geben.
Niemand hält mehr zu
ihm. Die Frauen, die zum erweiterten Jüngerkreis gehört haben und
die nicht geflohen sind wie die Männer, sie stehen viel zu weit weg.
Sie können Jesus keinen Beistand leisten.
Es gibt keinen Trost für
ihn.
Alles, was Jesus zu hören
bekommt, ist Hohn und Spott:
Die,
die vorüber gehen, rein zufällig vielleicht, oder aus Schaulust und
Sensationsgier, sie lästern: „Der
du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir
selber, wenn du Gottes Sohn bist und steig vom Kreuz!“
Wie viele haben ihm
zugejubelt! Nur wenige Tage zuvor, als er auf einem Esel reitend, in
Jerusalem eingezogen ist!
Nun gehen alle auf
Abstand. Vielleicht aus Enttäuschung. Mag sein. Und wir heute haben
ja auch leicht reden. Aber das, was die Vorübergehenden rufen, ist
voller Verachtung:
„Den
Tempel abbrechen und in drei Tagen wieder aufbauen: Ein Aufschneider
bist Du gewesen Jesus! Ein Großmaul – einer, der tolle Reden
schwingt, aber jetzt, wo`s drauf ankommt, ist nichts dahinter!“
Auch die Gegner von
Jesus, die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten sind
gekommen.
Auch sie spotten und
quälen Jesus mit ihrem Hass und ihrer Ablehnung:
„Anderen
hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen,“
rufen
sie.
Und
sie setzen sogar noch eins drauf: „Ist
er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann
wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun,
wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes
Sohn“.
Warum tun die
Hohenpriester und Ältesten das? Sie haben ihr Ziel doch erreicht:
Jesus ist am Ende. Erledigt. Der Tod ist ihm sicher.
Aber offenbar genügt es
ihnen nicht, dass ihr Intriegenspiel aufgegangen ist.
Mit aller Macht versuchen
sie, Jesus auch noch moralisch fertig zu machen. Einknicken soll er.
Klein beigeben. Verzweifeln soll er! An seinem Weg. Und daran, dass
Gott an seiner Seite ist.
Aber Jesus bleibt der,
der er immer war. Er bringt sein Leben so zu Ende, wie er es gelebt
hat.
Alles, was er gelehrt hat
über die Liebe zu den Feinden und das Vertrauen auf Gott, der seine
Sonne aufgehen lässt über Gerechten und Ungerechten: All das löst
er ein mit seinem Leben.
Auch jetzt in dieser
Situation. Trotz der körperlichen Qual, trotz Spott und Einsamkeit.
Wenn wir uns vorstellen,
wie wir reagieren, wenn uns Unrecht getan wird
-
und das ist ja in unserem Fall in der Relation wohl immer ein viel
viel kleineres Unrecht
– dann
ahnen wir, wie schwer das gewesen sein muss:
Mit jedem Atemzug, in
jeder einzelnen Sekunde darum zu ringen, nicht zurück zu hassen.
Alles lässt Jesus mit
sich geschehen, ohne darüber in Wut oder Verbitterung zu geraten.
Er kämpft den schwersten
Kampf, den je ein Mensch zu bestehen hatte.
Denn hinter den
Spottenden, wohl ohne dass es ihnen selbst bewusst wird, steht noch
ein anderer.
Sein Name wird nicht
genannt. Er bleibt unsichtbar, aber Matthäus legt einen Spur, die
uns zeigen soll, wer letztlich hinter dem grausamen Geschehen steckt:
Der Versucher, der Widersacher und Feind Gottes.
„Wenn
du Gottes Sohn bist, dann steig vom Kreuz herab“,
sagen die Vorübergehenden.
Das
sind genau die gleichen Worte, wie in der Geschichte von der
Versuchung Jesu, die
Matthäus ganz zu Anfang seines Evangeliums erzählt.
„Wenn
du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden“.
Damals
in der Wüste hat Jesus den Versucher abgewiesen. Er hat sich
geweigert, Gott auf die Probe zu stellen.
Damals
hat der Feind es nicht geschafft,
„einen Keil zwischen Jesus und Gott zu treiben.
„Aber
jetzt ist er wieder da. Damals kam er mit schönen Worten, nun
zeigt er sein wahres Gesicht.“ Jetzt
kommt der Widersacher mit
„Folterwerkzeugen und Henkersknechten2“.
„Er,
der vom Misstrauen lebt, der voll Feindschaft ist gegen Gott, er kann
es nicht ertragen, dass Jesus sich nicht abbringen lässt von seinem
Vater im Himmel. Dass er sich nicht hineinziehen lässt in die
Auflehnung des Bösen“3,
in
den Teufelskreis von Hass und Vergeltung.
Jetzt, in diesen Stunden auf Golgatha zeigt die Sünde ihr wahres Gesicht. Hier verliert sie allen Anschein von Harmlosigkeit. Unverhüllt wird ihre alles vernichtende, todbringende Kraft sichtbar.
Und Jesus hält das alles aus. Er kann sich jetzt nicht mehr mit Worten wehren gegen das Böse, wie damals in der Wüste. Damals gelang es ihm, die Verlockungen des Versuchers mit scharfen Worten zu entlarven.
Das ist jetzt nicht mehr möglich. Jesus ist am Ende seiner Kräfte. Er kann sich nicht mehr verteidigen.
Die ganze Zeit über, während Jesus mit seinen Jüngern durch das Land zog, war es immer er selbst, der die Initiative ergriff: Er heilte Kranke, stillte den Sturm. Selbst in den heikelsten Diskussionen wusste er sich zu behaupten.
Aber jetzt ist Jesus aller Kräfte beraubt. Jetzt hängt er am Kreuz, mühsam nach Atem ringend.
Und trotzdem scheint er in all seiner Schwäche so etwas wie der „geheime Herr des Geschehens zu sein4“.
Denn die, die ihm den Tod gewünscht haben, allen voran die Hohenpriester und Schriftgelehrten, sie kommen ja ganz offensichtlich nicht los von ihm.
Die
ganze Zeit über haben sie gespürt, dass Jesus ein Geheimnis an sich
hat.
Etwas,
an das sie selbst bei allem Bemühen nie herangekommen sind: Diese
besondere Vollmacht, die Jesus ausgestrahlt hat. Dieses tiefe
Verbundensein mit Gott. Darum haben sie ihn wohl letztlich immer
beneidet.
Diese
Vollmacht zu zerstören, das ist offenkundig das eigentliche Ziel
seiner Gegner. Denn darauf zielt nun auch ganz am Ende ihr Spott.
Aber
es gelingt ihnen nicht, die Verbundenheit zu zerreißen.
Bis
zuletzt hält Jesus fest an seinem Vertrauen auf Gott.
„Mein Gott,
mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Am
Ende ist es dieser Gebetsschrei, mit dem Jesus sich an Gott wendet.
Seine letzten Worte sind die ersten Worte des Psalms 22.
Wir
sehen: Jesus tut das, was er immer getan hat, wenn er in Bedrängnis
geriet:
Er
wendet sich an Gott.
Ihm
schreit er sein Elend entgegen.
Als
einen letzten verzweifelten Vertrauensbeweis.
Und
dann stirbt Jesus.
Zum
ersten Mal geht ein „menschliches
Leben zu Ende …, über das der Versucher keine Macht gewinnen
konnte. Er hat seine Grenze gefunden, die er auch mit Folter, Spott
und Tod“
5nicht
zu überwinden vermochte.
Der
Versucher hat verloren.
In
der Bibel begegnet uns ja immer wieder die Vorstellung, dass es
Ereignisse gibt, die die Wirklichkeit ein für alle mal prägen.
Das
erste und eines der wichtigsten Beispiele dafür ist die Geschichte,
wie Adam und Eva auf die Verführung des Gegenspielers Gottes
hereinfallen.
Das Misstrauen gegen Gott, das er in ihnen zu schüren verstand, hat ganz am Anfang über den Weg der Menschheit entschieden.
Das
mag für uns schwer zu verstehen sein. Aber die Bibel ist da ganz
eindeutig:
Die
Entscheidung der Menschen, sich unabhängig machen zu wollen von
Gott, ist bindend für alle. Diese Weichenstellung ist geschehen. Es
gibt kein zurück.
„Ein einziges
Ereignis entscheidet ein für alle mal.
Und genau so ein Ereignis ist auch der Tod von Jesus. Man könnte auch hier sagen: Na gut, einmal hat der Feind verloren, beim nächsten Mal gewinnt er vielleicht wieder.
Aber auch dieses Ereignis gilt ein für allemal. Von dieser Niederlage wird sich der Versucher nicht erholen. Jetzt ist wieder eine Weichenstellung passiert, und dahinter kann auch er nicht mehr zurück.
Und: Diese Weichenstellung hinterlässt von nun an deutliche Spuren in der Welt.6“
Diese
Spur der Veränderung erkennen wir bereits in dem, was Matthäus über
die Kreuzigung von Jesus erzählt.
Denn die, die sich nach Kräften bemühen, Jesus zu verspotten, sie bestätigen unfreiwillig, wer Jesus in Wahrheit ist:
„Anderen hat er geholfen“, sagen sie. Und:
„Er hat Gott vertraut.“
Zwei kurze Sätze nur, aber sie sprechen deutlich aus, wer Jesus war und aus welcher Kraft er gelebt hat.
Am
eindrücklichsten sehen wir die Veränderung an dem Hauptmann und an
den Soldaten, die Jesus gekreuzigt haben. Sie haben schon viele
sterben gesehen.
Ausgerechnet
der Hauptmann und seine Leute, sie bekennen als erste, wer Jesus in
Wahrheit ist:
„Wahrhaftig,
dieser ist Gottes Sohn gewesen!“
Aber
es passiert noch mehr: Der Himmel verfinstert sich, der Vorhang im
Tempel zerreißt, die Erde bebt und Gräber öffnen sich.
Die Erde und das Heiligtum Gottes, die Lebenden und die Toten, der ganze Kosmos: Alles gerät in Bewegung. Die Grundfesten der Welt sind erschüttert. Weil etwas ganz Neues begonnen hat.
Zunächst
ist das ganz einfach erschreckend und rätselhaft.
Später,
wenn die ersten christlichen Gemeinden entstanden sind, werden Leute
wie Paulus diese Ereignisse reflektieren:
Dass
mit Jesus eine neue Schöpfung begonnen hat. Dass er der erste Mensch
einer neuen Menschheit ist. Einer Menschheit, die wieder in der
ursprünglichen, vertrauensvollen Beziehung mit Gott lebt.
Dieser
grundlegende Neustart ist möglich geworden, weil Jesus den Kampf
gegen den Versucher gewonnen hat. Und weil Gott geantwortet hat auf
das, was Jesus getan hat. Er hat ihn aus dem Tod heraus gerufen und
ihm neues ewiges Leben geschenkt.
Dieses
neue Leben behält Jesus nicht für sich, sondern teilt es mit allen,
die sich danach sehnen.
Wirklich
erfassen werden wir das, was an Karfreitag und an Ostern geschehen
ist wohl nie in seiner ganzen Fülle. Dafür ist unser Verstand zu
begrenzt. Und die Geschichte Gottes mit dieser Welt und uns Menschen
zu groß und zu komplex.
Aber
vielleicht geht es auch weniger um das Verstehen, sondern viel mehr
darum zu vertrauen.
Darauf
zu vertrauen, das Gott gut ist und gerecht. Und dass alles, was getan
werden musste für das Heil der Welt und für unser Heil, längst
getan worden ist. Weil Jesus gekämpft und gesiegt hat. Mehr ist
nicht nötig.
Ihm
sei Ehre und Dank und Anbetung in Ewigkeit.
Amen.
1Walter
Faerber: Predigt am 6. April 2012 in Groß-Ilsede
2ebenda
3ebenda
4ebenda
5ebenda
6ebenda

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