Sonntag, 26. Mai 2013

Er hat Gott vertraut: Predigt zum Karfreitag 2013 in der Ev. Kirche Wilnsdorf (Matthäus 27, 33 -56)





Liebe Gemeinde,

die Menschen in Israel zur Zeit Jesu leben in einem besetzten Land.

Und weil die römischen Herrscher wohl nichts so sehr fürchten wie Widerstand und Sabotage, sind ihre Soldaten ständig auf der Hut. Sie greifen hart durch, wenn sie es für nötig halten.

Schon aus Gründen der Abschreckung und Einschüchterung: Es ist nur gut, wenn möglichst viele mitbekommen, was denen blüht, die es zu weit getrieben haben.

Diese Strategie ist uralt. Auch heute noch wird sie in vielen Unrechtsstaaten ganz gezielt angewendet. In Syrien ist das so, in Nordkorea und in einigen anderen Ländern dieser Erde.

Die Älteren von uns erinnern sich gar an die Zeiten, als auch in unserem Land Menschen durch die Androhung von Gewalt gefügig und mundtot gemacht wurden.

Wer in einem Unrechtsstaat lebt, kennt in der Regel den Preis, den die zu zahlen haben, die den Herrschenden in die Quere kommen!

Von daher müssen wir uns nicht wundern, wenn der Evangelist Matthäus nur sehr spärlich von den körperlichen Qualen berichtet, die Jesus aus zustehen hatte.

Wie eine Kreuzigung abläuft, das wissen damals sowieso alle. Das muss man nicht noch eigens erklären.

Die Römer wenden diese Hinrichtungsart oft an in den besetzten Gebieten, denn sie bietet aus ihrer Sicht viele Vorteile:

Eine Kreuzigung lässt sich leicht umsetzen. Man braucht dazu nicht mehr als ein paar zuverlässige Soldaten, die die nötigen Handgriffe beherrschen. Das Material, das gebraucht wird, ist fast überall problemlos und ohne großen Kostenaufwand verfügbar.

Eine Kreuzigung ist effizient und im markabren Wortsinn tod-sicher.

Und weil das, was da passiert, selbst von weitem genau beobachtet werden kann, wirkt das ganze zusätzlich außerdem noch extrem abschreckend.

Und als sie ihn aber gekreuzigt hatten“

- Mehr Worte macht Matthäus nicht um den eigentlichen Hinrichtungsvorgang.

Er weiß: Viele seiner Leser haben schon mit ansehen müssen, wie das ist, wenn einer blutig geschlagen und unter der Last des Kreuzbalkens hinaus getrieben wird zur Hinrichtungsstätte. Alle wissen, was dort passieren wird:

Die Soldaten werden den Verurteilten zwingen, seine Kleider abzulegen. Ohne große Verzögerung werden sie ihn an den Holzbalken fesseln. Routiniert und ungerührt treiben sie grobe Zimmermannsnägel durch Handgelenke und Fersenknochen.

Wenn das Kreuz aufgerichtet ist, ist der Todeskandidat weithin sichtbar. Stunde um Stunde wird er nun dort hängen. Nackt und voller Panik gegen den Erstickungstod ankämpfend.

Die grotesk-hängende Körperhaltung wird die Atmung zunehmend erschweren. Immer stärker wird der Druck auf die Lunge, immer schwächer die Atemmuskulatur.

Der Gepeinigte befindet sich inmitten einer Hölle aus Schmerzen und Todesangst. Je nachdem wie viel Kraft noch übrig ist, dauert es viele Stunden, manchmal sogar Tage, bis der Tod endlich eintritt.

Bei Jesus kommt zu all diesen schrecklichen Umständen noch eine weitere Qual hinzu: Der Spott, dem er ausgesetzt ist und seine Einsamkeit.

Davon berichtet Matthäus ganz ausführlich. Wir haben es eben in der Lesung gehört:

Alle möglichen Leute kommen zum Kreuz. Aber niemanden ist dabei, der auch nur den Versuch unternehmen würde, Jesus ein Zeichen des Mitgefühls oder der Solidarität zu geben.

Jesus ist allein. Schrecklich allein. Wie umstellt “von einer Mauer aus Ablehnung und Hass1.

Niemand hält mehr zu ihm. Die Frauen, die zum erweiterten Jüngerkreis gehört haben und die nicht geflohen sind wie die Männer, sie stehen viel zu weit weg. Sie können Jesus keinen Beistand leisten.
Es gibt keinen Trost für ihn.

Alles, was Jesus zu hören bekommt, ist Hohn und Spott:

Die, die vorüber gehen, rein zufällig vielleicht, oder aus Schaulust und Sensationsgier, sie lästern: „Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist und steig vom Kreuz!“

Wie viele haben ihm zugejubelt! Nur wenige Tage zuvor, als er auf einem Esel reitend, in Jerusalem eingezogen ist!

Nun gehen alle auf Abstand. Vielleicht aus Enttäuschung. Mag sein. Und wir heute haben ja auch leicht reden. Aber das, was die Vorübergehenden rufen, ist voller Verachtung:

Den Tempel abbrechen und in drei Tagen wieder aufbauen: Ein Aufschneider bist Du gewesen Jesus! Ein Großmaul – einer, der tolle Reden schwingt, aber jetzt, wo`s drauf ankommt, ist nichts dahinter!“

Auch die Gegner von Jesus, die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten sind gekommen.

Auch sie spotten und quälen Jesus mit ihrem Hass und ihrer Ablehnung:

Anderen hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen,“ rufen sie.

Und sie setzen sogar noch eins drauf: „Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn“.

Warum tun die Hohenpriester und Ältesten das? Sie haben ihr Ziel doch erreicht: Jesus ist am Ende. Erledigt. Der Tod ist ihm sicher.

Aber offenbar genügt es ihnen nicht, dass ihr Intriegenspiel aufgegangen ist.

Mit aller Macht versuchen sie, Jesus auch noch moralisch fertig zu machen. Einknicken soll er. Klein beigeben. Verzweifeln soll er! An seinem Weg. Und daran, dass Gott an seiner Seite ist.

Aber Jesus bleibt der, der er immer war. Er bringt sein Leben so zu Ende, wie er es gelebt hat.

Alles, was er gelehrt hat über die Liebe zu den Feinden und das Vertrauen auf Gott, der seine Sonne aufgehen lässt über Gerechten und Ungerechten: All das löst er ein mit seinem Leben.

Auch jetzt in dieser Situation. Trotz der körperlichen Qual, trotz Spott und Einsamkeit.

Wenn wir uns vorstellen, wie wir reagieren, wenn uns Unrecht getan wird
- und das ist ja in unserem Fall in der Relation wohl immer ein viel viel kleineres Unrecht
dann ahnen wir, wie schwer das gewesen sein muss:

Mit jedem Atemzug, in jeder einzelnen Sekunde darum zu ringen, nicht zurück zu hassen.

Alles lässt Jesus mit sich geschehen, ohne darüber in Wut oder Verbitterung zu geraten.

Er kämpft den schwersten Kampf, den je ein Mensch zu bestehen hatte.

Denn hinter den Spottenden, wohl ohne dass es ihnen selbst bewusst wird, steht noch ein anderer.

Sein Name wird nicht genannt. Er bleibt unsichtbar, aber Matthäus legt einen Spur, die uns zeigen soll, wer letztlich hinter dem grausamen Geschehen steckt: Der Versucher, der Widersacher und Feind Gottes.

Wenn du Gottes Sohn bist, dann steig vom Kreuz herab“, sagen die Vorübergehenden.

Das sind genau die gleichen Worte, wie in der Geschichte von der Versuchung Jesu, die Matthäus ganz zu Anfang seines Evangeliums erzählt.

Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden“.

Damals in der Wüste hat Jesus den Versucher abgewiesen. Er hat sich geweigert, Gott auf die Probe zu stellen.

Damals hat der Feind es nicht geschafft, „einen Keil zwischen Jesus und Gott zu treiben.

Aber jetzt ist er wieder da. Damals kam er mit schönen Worten, nun zeigt er sein wahres Gesicht.“ Jetzt kommt der Widersacher mit „Folterwerkzeugen und Henkersknechten2“.
Er, der vom Misstrauen lebt, der voll Feindschaft ist gegen Gott, er kann es nicht ertragen, dass Jesus sich nicht abbringen lässt von seinem Vater im Himmel. Dass er sich nicht hineinziehen lässt in die Auflehnung des Bösen“3, in den Teufelskreis von Hass und Vergeltung.



Jetzt, in diesen Stunden auf Golgatha zeigt die Sünde ihr wahres Gesicht. Hier verliert sie allen Anschein von Harmlosigkeit. Unverhüllt wird ihre alles vernichtende, todbringende Kraft sichtbar.
Und Jesus hält das alles aus. Er kann sich jetzt nicht mehr mit Worten wehren gegen das Böse, wie damals in der Wüste. Damals gelang es ihm, die Verlockungen des Versuchers mit scharfen Worten zu entlarven.
Das ist jetzt nicht mehr möglich. Jesus ist am Ende seiner Kräfte. Er kann sich nicht mehr verteidigen.
Die ganze Zeit über, während Jesus mit seinen Jüngern durch das Land zog, war es immer er selbst, der die Initiative ergriff: Er heilte Kranke, stillte den Sturm. Selbst in den heikelsten Diskussionen wusste er sich zu behaupten.
Aber jetzt ist Jesus aller Kräfte beraubt. Jetzt hängt er am Kreuz, mühsam nach Atem ringend.
Und trotzdem scheint er in all seiner Schwäche so etwas wie der „geheime Herr des Geschehens zu sein4.
Denn die, die ihm den Tod gewünscht haben, allen voran die Hohenpriester und Schriftgelehrten, sie kommen ja ganz offensichtlich nicht los von ihm.
Die ganze Zeit über haben sie gespürt, dass Jesus ein Geheimnis an sich hat.
Etwas, an das sie selbst bei allem Bemühen nie herangekommen sind: Diese besondere Vollmacht, die Jesus ausgestrahlt hat. Dieses tiefe Verbundensein mit Gott. Darum haben sie ihn wohl letztlich immer beneidet.
Diese Vollmacht zu zerstören, das ist offenkundig das eigentliche Ziel seiner Gegner. Denn darauf zielt nun auch ganz am Ende ihr Spott.
Aber es gelingt ihnen nicht, die Verbundenheit zu zerreißen.
Bis zuletzt hält Jesus fest an seinem Vertrauen auf Gott.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Am Ende ist es dieser Gebetsschrei, mit dem Jesus sich an Gott wendet. Seine letzten Worte sind die ersten Worte des Psalms 22.
Wir sehen: Jesus tut das, was er immer getan hat, wenn er in Bedrängnis geriet:
Er wendet sich an Gott.
Ihm schreit er sein Elend entgegen.
Als einen letzten verzweifelten Vertrauensbeweis.


Und dann stirbt Jesus.
Zum ersten Mal geht ein „menschliches Leben zu Ende …, über das der Versucher keine Macht gewinnen konnte. Er hat seine Grenze gefunden, die er auch mit Folter, Spott und Tod“ 5nicht zu überwinden vermochte.



Der Versucher hat verloren.


In der Bibel begegnet uns ja immer wieder die Vorstellung, dass es Ereignisse gibt, die die Wirklichkeit ein für alle mal prägen.
Das erste und eines der wichtigsten Beispiele dafür ist die Geschichte, wie Adam und Eva auf die Verführung des Gegenspielers Gottes hereinfallen.

Das Misstrauen gegen Gott, das er in ihnen zu schüren verstand, hat ganz am Anfang über den Weg der Menschheit entschieden.



Das mag für uns schwer zu verstehen sein. Aber die Bibel ist da ganz eindeutig:



Die Entscheidung der Menschen, sich unabhängig machen zu wollen von Gott, ist bindend für alle. Diese Weichenstellung ist geschehen. Es gibt kein zurück.
Ein einziges Ereignis entscheidet ein für alle mal.
Und genau so ein Ereignis ist auch der Tod von Jesus. Man könnte auch hier sagen: Na gut, einmal hat der Feind verloren, beim nächsten Mal gewinnt er vielleicht wieder.
Aber auch dieses Ereignis gilt ein für allemal. Von dieser Niederlage wird sich der Versucher nicht erholen. Jetzt ist wieder eine Weichenstellung passiert, und dahinter kann auch er nicht mehr zurück.
Und: Diese Weichenstellung hinterlässt von nun an deutliche Spuren in der Welt.6



Diese Spur der Veränderung erkennen wir bereits in dem, was Matthäus über die Kreuzigung von Jesus erzählt.

Denn die, die sich nach Kräften bemühen, Jesus zu verspotten, sie bestätigen unfreiwillig, wer Jesus in Wahrheit ist:
Anderen hat er geholfen“, sagen sie. Und:
Er hat Gott vertraut.“
Zwei kurze Sätze nur, aber sie sprechen deutlich aus, wer Jesus war und aus welcher Kraft er gelebt hat.
Am eindrücklichsten sehen wir die Veränderung an dem Hauptmann und an den Soldaten, die Jesus gekreuzigt haben. Sie haben schon viele sterben gesehen.
Ausgerechnet der Hauptmann und seine Leute, sie bekennen als erste, wer Jesus in Wahrheit ist:
Wahrhaftig, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“
Aber es passiert noch mehr: Der Himmel verfinstert sich, der Vorhang im Tempel zerreißt, die Erde bebt und Gräber öffnen sich.

Die Erde und das Heiligtum Gottes, die Lebenden und die Toten, der ganze Kosmos: Alles gerät in Bewegung. Die Grundfesten der Welt sind erschüttert. Weil etwas ganz Neues begonnen hat.
Zunächst ist das ganz einfach erschreckend und rätselhaft.
Später, wenn die ersten christlichen Gemeinden entstanden sind, werden Leute wie Paulus diese Ereignisse reflektieren:
Dass mit Jesus eine neue Schöpfung begonnen hat. Dass er der erste Mensch einer neuen Menschheit ist. Einer Menschheit, die wieder in der ursprünglichen, vertrauensvollen Beziehung mit Gott lebt.


Dieser grundlegende Neustart ist möglich geworden, weil Jesus den Kampf gegen den Versucher gewonnen hat. Und weil Gott geantwortet hat auf das, was Jesus getan hat. Er hat ihn aus dem Tod heraus gerufen und ihm neues ewiges Leben geschenkt.




Dieses neue Leben behält Jesus nicht für sich, sondern teilt es mit allen, die sich danach sehnen.
Wirklich erfassen werden wir das, was an Karfreitag und an Ostern geschehen ist wohl nie in seiner ganzen Fülle. Dafür ist unser Verstand zu begrenzt. Und die Geschichte Gottes mit dieser Welt und uns Menschen zu groß und zu komplex.
Aber vielleicht geht es auch weniger um das Verstehen, sondern viel mehr darum zu vertrauen.
Darauf zu vertrauen, das Gott gut ist und gerecht. Und dass alles, was getan werden musste für das Heil der Welt und für unser Heil, längst getan worden ist. Weil Jesus gekämpft und gesiegt hat. Mehr ist nicht nötig.


Ihm sei Ehre und Dank und Anbetung in Ewigkeit.


Amen.
1Walter Faerber: Predigt am 6. April 2012 in Groß-Ilsede
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