Sonntag, 26. Mai 2013

Keine Sklaven, sondern freie Menschen: Predigt zu Pfingsten 2013 in der Ev. Kirche Wilnsdorf (4. Mose 11, 10-17+24+25)


unsere Pfingstpredigt beginnt in diesem Jahr leider mit einem schrecklichen Gemecker und Gejammer über das Essen. Bei den meisten von uns wird es an diesem Wochenende vermutlich keinen Grund geben am Essen herum zu mäkeln:

Pfingsten, das ist ja heute so etwas wie ein Genießerfest geworden: Endlich wieder nach Herzenslust grillen! Oder Spargel essen. Und zum Kaffee gibt`s Erdbeerkuchen mit Schlagsahne.
Bei den Leuten, von denen unser heutiger Predigttext aus dem 4. Buch Mose erzählt, ist das ganz anders. Sie sind extrem unzufrieden mit ihrer Ernährung. Versuchen wir, sie selbst zu Wort kommen zu lassen:

Ach, Mensch, ich bin diesen süßen Papp so Leid! Egal ob Du den Körnerkram nimmst und einfach Brei draus kochst oder ob Du das Ganze mühsam im Mörser zerreibst und zu Pfannkuchen verarbeitest: Mit dem Zeugs kann man machen was man will: Der Geschmack bleibt immer der gleiche!
Ach, ich würde was drum geben: Noch einmal so gut essen wie früher: Fleisch und Fisch. Schön mit Knoblauch, überm Holzkohlenfeuer gegrillt. Leckeres Gemüse dazu: Porree, Zwiebeln, Kürbis...
Und als Nachtisch dann ein Stück Melone: Etwas Erfrischenderes gibt es doch gar nicht!
Aber wir müssen ja schon froh sein, wenn genug Wasser zum Trinken da ist. Ach, wenn ich könnte, ich würde sofort wieder zurück gehen. Das hier, das ist doch kein Leben!“

Ungefähr so muss es sich angehört haben, damals, als unter den Israeliten eine Art kollektiver Wüstenkoller ausbrach. Als sie sich zurück sehnten nach Ägypten. Als sie vor lauter Selbstmitleid völlig vergaßen, warum sie einmal unbedingt von dort weg gewollt hatten.

Die meisten von uns kennen ja die Geschichte, wie das Volk Israel unter der Führung von Mose aus Ägypten floh und durch die Wüste Richtung gelobtes Land wanderte.
Moment mal!“, werden sich jetzt vielleicht einige fragen: „Mose? Wüstenwanderung? Hallo?! Heute ist doch Pfingsten! Wo soll denn da der Zusammenhang sein? Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir uns näher ansehen, was auf dieses ganze Gejammer über das Essen hin passierte. Ich lese aus dem 11. Kapitel des 4. Buch Mose: Die Verse 10 bis 17 und 24 bis 25:

Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des Herrn sehr. Und auch Mose verdross es. Und Mose sprach zu dem Herrn: Warum bekümmerst Du Deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor Deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst? Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zu geschworen hast? Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. Ich vermag all das Volk nicht alleine zu tragen, denn es ist mir zu schwer. Willst du aber doch mit mir so tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.
Und der Herr sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtsleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, so will ich hernieder kommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volkes tragen und du nicht alleine tragen musst. (…) Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des Herrn und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volkes und stellte sie rings um die Stiftshütte. Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten.“

Liebe Gemeinde,

Übergangssituationen haben es in sich. Jeder, der schon einmal umgezogen ist, wird das kennen. Und unsere jungen Leute, die gerade ihre Abiprüfungen hinter sich haben und noch nicht wissen, wie es weiter geht, die erleben das zurzeit ganz intensiv.

Das Alte ist vorbei. Aber das Neue hat noch nicht angefangen. Alles erscheint irgendwie unfertig und chaotisch. Improvisationstalent ist gefragt. Manche von uns lieben solche Situationen. Aber die meisten fühlen sich eher unbehaglich und können schlecht mit dieser Art von Ungewissheit und Vorläufigkeit umgehen.

In einer solchen Situation des Übergangs befinden sich nun die Israeliten. Die Flucht aus Ägypten liegt hinter ihnen. Sie sind keine Sklaven mehr. Aber das Ziel ihrer Wanderschaft, das gelobte Land, liegt noch in weiter Ferne.

Die alten Ordnungen, die sie aus Ägypten kennen, gelten nicht mehr. Sie haben zwar am Berg Sinai eine neue Ordnung bekommen, das Gesetz Gottes. Aber diese neue Ordnung ist ihnen noch fremd.
Aber so ist das wohl: Der Weg zur Freiheit führt durch die Wüste. Und die ist noch nicht das gelobte Land. Wüste, das heißt: Felsen, Sand und dürres Gestrüpp. Tagsüber staubige Hitze, backofengleich. Und nachts: Bittere Kälte.

Die Wüste ist ein Ort, in dem alles reduziert ist auf das Wesentliche. Leider macht sich das auch beim Essen bemerkbar: Es gibt keine Wunschkost, sondern Manna. An jedem neuen Morgen liegen diese seltsamen Körner auf der Erde. Süß schmecken sie, wie „Semmeln mit Honig“. So hat Martin Luther es versucht für uns zu übersetzen. Ich persönlich stelle mir das Ganze vor wie diese Dinkel-Honig-Popps, die mache Kinder gerne zum Frühstück essen (zeigen).

Aber bei aller anfänglichen Freude über diese wundersame Versorgung Gottes: Irgendwann setzt die Gewohnheit ein. Die Ansprüche steigen und die Leute fangen an, über das Manna zu meckern.

Jedoch, bei allem Verständnis für den Frust:

Niemand scheint mehr an die Sklaverei in Ägypten zu denken. An die Demütigungen und an die immer unrealistischeren Leistungsvorgaben, an die Peitschenhiebe und das Geschrei der Aufseher.
Statt dessen schwärmen die Israeliten jetzt vom ägyptischen Essen: Von Knoblauch und Zwiebeln, Fleisch und Fisch, von Kürbissen und Melonen.

Die Freiheit hat ihren Preis. Freiheit kann auch anstrengend sein. Das ist eine heftige Erkenntnis für ehemalige Sklaven. Als Sklave muss man keine eigenen Entscheidungen treffen und die Folgen tragen. Als Sklave hat man immer einen Chef, dem man die Schuld geben und auf den man schimpfen kann. Kluge Sklavenhalter regen sich deshalb gar nicht erst auf über solches Beschwerden. Denn sie wissen: „Gib den Leuten `was Ordentliches zu essen und sie werden nicht an Revolution denken“.

Aber Gott hat andere Pläne mit den Israeliten. Er ist kein Chef, der zufrieden ist, wenn seine Untergebenen vor ihm kuschen. Er hat keinen Gefallen daran, wenn wir Menschen zähneknirschend und mit der Faust in der Tasche seinen Willen tun. Und er schiebt uns auch kein Bonbon in den Mund, damit wir Ruhe halten. „Gott will freie Menschen und keine Untertanen mit Sklavenmentalität.“

Und genau das macht die Sache so kompliziert. Wenn wir uns anschauen, wie die Geschichte mit dem Volk Israel weiter geht, merken wir: Gott bleibt schließlich nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis die ehemaligen Sklaven alle gestorben sind. Erst die nächste Generation, die frei geboren und in der Wüste aufgewachsen ist, kann in das Gelobte Land einziehen.

Aber hier, an diesem Punkt der Geschichte ist es nicht nur das Volk, das Gott Probleme macht. Auch Mose verliert die Nerven. Wir würden heute sagen: Mose hat ein Burn-out. Denn auch er fängt an zu klagen und zu jammern: „Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr! Lös` mich ab Herr oder lass mich ganz einfach sterben! Diese ganze Sache hier war sowieso deine Idee und nicht meine! Ich bin doch nicht die Mama dieses Volkes!“

Gott lässt sich von Moses Zusammenbruch nicht nervös machen. Er sagt nicht: „Mensch Mose, jetzt mach bloß nicht schlapp. Ich hab doch nur Dich. Nimm Dir ein paar Tage Urlaub, dann wird das schon wieder!“

Nein. Gott nimmt Mose ernst. Er sieht, dass die Last auf Moses Schultern wirklich zu schwer geworden ist. Und er sorgt dafür, dass er Entlastung bekommt.

Gott zeigt Mose, dass nicht alle meckern. Er weist ihn darauf hin, dass es bereits einige Leute gibt, die schon daran gewöhnt sind, verantwortlicher zu denken als andere.
Gott gibt Mose den Auftrag, diese Leute zu suchen und sie an der Stiftshütte zu versammeln. An jenem Ort, an dem Gott sich immer wieder mit Mose trifft.

Und Mose findet tatsächlich siebzig geeignete Männer. Und diese siebzig Männer sind bereit, sich nach Gottes Anweisung um die Stiftshütte herum aufzustellen.

Und es passiert das Erstaunliche:

Diese siebzig erleben mit einem Mal genau das, was vorher nur Mose erlebt hat: Sie spüren Gottes Gegenwart. Sie werden überwältigt von seiner Herrlichkeit.“Sie geraten in Verzückung, wie Propheten“, heißt es. Mose ist nun nicht mehr der Einzige, der unmittelbar in Verbindung mit Gott steht. Und darum muss er auch nicht mehr alleine das Volk durch die Wüste führen.

Wo zuvor die Last der Verantwortung auf den Schultern eines einzigen lastete, wird sie nun verteilt werden können. Siebzig andere tragen mit. Eine spürbare Entlastung.

Gott will nicht, das seine Leute vor die Hunde gehen. Das mag ein Trost sein für alle, die heute morgen müde und abgekämpft hier in der Kirche sitzen.

Unsere Geschichte zeigt uns aber auch, was es bedeutet, wenn Gottes Geist über einen Menschen kommt:

Etwas von Gottes eigener Gesinnung geht auf einen Menschen über. Es kommt etwas in ihn hinein, was vorher nicht da war. Der Geist der Freiheit verdrängt die Sklavenmentalität, diese zerstörerische Neigung zur Unselbstständigkeit, den Hang zum Jammern und Meckern.
Gottes Geist macht stark und zuversichtlich. Wenn wir die Bibel durchblättern sehen wir, dass Gott immer wieder so vorgeht: Er ruft einzelne heraus, befreit sie aus alten Bindungen und zieht sie auf seine Seite. „Gott zeigt an seinen Leuten…, dass Freiheit möglich ist. Dass es etwas Besseres gibt als Sklaverei, aber auch etwas Besseres als Bequemlichkeit und Verantwortungslosigkeit“.

Am Beispiel von Mose sehen wir, dass dieses freie Leben an der Seite Gottes einen Preis kostet. Dass es eben auch eine Last sein kann, wenn man so auf Gottes Seite gezogen wird. Man spürt dann etwas von der Last, die Gott selbst trägt, in dem er seiner Schöpfung treu bleibt.

Und darum ist es wohl kein Wunder, dass nicht nur Mose, sondern viele andere, die Gott in seinen Dienst gestellt hat, irgendwann auch einmal am Ende waren mit ihren Kräften und ihm die Brocken vor die Füße geworfen haben. In dieser Versuchung, aufzugeben, den leichteren Weg zu gehen, hat auch Jesus gestanden. Damals im Garten Gethsemane, kurz vor seiner Verhaftung. Unter Tränen hat er Gott angefleht: „Muss es wirklich sein, Vater? Gibt es keinen anderen Weg? Muss ich wirklich sterben?“
Aber im Gegensatz zu Mose war Jesus nicht bitter dabei.

Jesus hat die Last auf sich genommen und sich nicht von Gott distanziert. Bis zum Schluss ist er Gott treu geblieben und hat geholfen, Gottes Last zu tragen.

Es ist für uns kein einfacher Gedanken, aber es ist wohl so: Gott trägt an uns wie an einer schweren Last. Und wir machen Gott müde, wenn wir immer wieder zurück fallen in den Wunsch nach Bequemlichkeit, nach Unmündigkeit.

In Jesus hat Gott zum ersten Mal einen Menschen gefunden, der bereit war, diese Last mit zu tragen „ohne den Vorbehalt, dass es nicht zu stressig und anstrengend werden darf.“ An der Art, wie Jesu gelebt hat, erkennen wir, wie viel besser ein freies, allein an Gott gebundenes Leben ist. Unvergleichlich besser als jede Sklavenexistenz. Ganz egal, mit welchen netten Zückerchen diese versüßt wird.

Aber wir merken auch: Aus eigener Kraft schaffen wir es nicht, so zu leben wie Jesus.

Und darum ist es gut, wenn wir heute an Pfingsten daran erinnert werden: Das, was damals in der Wüste passiert ist mit den siebzig Ältesten, ist nichts einmaliges. Gott tut das immer wieder: So wie er damals in der Wüste in der Stiftshütte etwas von dem Geist nahm, den er ursprünglich auf Mose gelegt hatte und ihn auf die siebzig Ältesten übertrug. Genau so nimmt Gott an Pfingsten etwas von dem Geist von Jesus und überträgt ihn auf die, die an Jesus glauben. An Pfingsten hat Gott ein neues Kapitel aufgeschlagen in seiner Geschichte mit uns Menschen:

Seit Pfingsten schenkt Gott seinen Geist allen, die an Jesus glauben. Also auch uns. Wir sind uns dessen oft gar nicht bewusst und haben es nötig, immer wieder daran erinnert zu werden:
Wir sind keine Sklaven, sondern Kinder Gottes. Menschen, die er befreit hat und die er in das Land der Verheißung führt.

Damit wir das verstehen, ist es offensichtlich nötig, dass Gott unsere Herzen von Zeit zu Zeit in eine Art Reparaturmodus versetzt. Einen Ausnahmezustand, der nur kurzfristig anhält, aber in dem Gott daran arbeitet, unserer inneren Festplatte neu zu konfigurieren.

Dann zeigt Gott sich uns, ganz unmittelbar und überwältigend.

Was wir in solchen Momenten erleben, ist vielleicht nicht so spektakulär, wie bei den Ältesten in der Wüste oder später bei den Leuten in Jerusalem während der Pfingstpredigt von Petrus.

Aber dass Gott mich unversehens anrührt, mich seine Herrlichkeit erahnen lässt, das kenne ich auch:

Da bin ich zum Beispiel unterwegs auf der Autobahn. Ein langweilige, längere Fahrt. Ich höre Musik. Eine CD mit Bachkantaten. Ein Geschenk meiner Schwester. Mit einem Mal, die CD läuft schon eine Weile, da passiert es: Die Anfangstöne von „Jesus bleibet meine Freude“ erklingen. Ich kenne das Stück, immerhin gehört es zu den bekanntesten Kompositionen von Bach.

Aber diesmal trifft mich die Musik mitten ins Herz: Jeder einzelne Ton, jede einzelne Silbe erklingt in unvergleichlicher Schönheit und Harmonie. Ich wage kaum zu atmen.

Ich kann es nicht wirklich beschreiben, aber ich habe das Gefühl, in diesen Augenblicken verstehe ich alles, was ich bis dahin nicht verstanden habe. Ich fühle mich wie überflutet von der Gottes Liebe. Ich weiß: Wir alle sind aufgehoben, getragen. Jesus ist da. Alles wird gut.

Schließlich verklingen die letzten Töne. Und ich bin beinahe froh darüber, denn es wäre mir fast zu viel geworden.

Solche Momente sind vorübergehend. Sie lassen sich nicht verlängern oder mit irgendeinem Trick wieder hervorrufen.

Es geht wohl auch gar nicht darum, so etwas möglichst oft erleben zu wollen. Solche Erlebnisse entziehen sich unserem Einfluss. Und doch, so empfinde ich es: Solche Erlebnisse helfen mir, auf dem Weg zu bleiben, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Denn noch sind wir ja nicht am Ziel.

Auch bei Mose und den Ältesten war es ja so, dass auch nach dem Erlebnis an der Stiftshütte nicht alles glatt lief. Die nächsten Probleme warteten schon auf sie, gleich hinter der nächsten Wegbiegung.

Bei den Aposteln und der ersten Gemeinde damals in Jerusalem war das auch nicht anders.
Auch wir sind noch nicht am Ziel. Auch auf uns warten sie schon, die nächsten Herausforderungen und Probleme.

Aber eines ist sicher: Daran wird keine Herausforderung und kein Problem mehr etwas ändern: Wir sind keine Sklaven mehr, sondern
Gottes geliebte Kinder. Seine Söhne und Töchter, über die er seinen Geist, den Geist von Jesus, ausgegossen hat.

Diese Freiheit und diesen Reichtum kann uns nichts und niemand nehmen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.

Amen.

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